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Die zwei überdimensionierten, ineinander verschlungenen Scheren werden noch während der Feierlichkeiten von neugierigen Passanten beäugt und fotografiert: “Sobowtórka” heißt die Monumentalskulptur “Die Doppelgängerin” der im Mai verstorbenen österreichischen Aktionskünstlerin VALIE EXPORT auf Polnisch. Nun steht das 4,60 Meter hohe und 1.200 Kilogramm schwere Bronzeobjekt vor dem Muzeum Sztuki Nowoczesnej (Museum für Moderne Kunst) auf dem Zentralplatz in Warschau.
“Es ist für uns sehr bewegend, diese Skulptur von VALIE EXPORT hier zu zeigen”, sagt die Museumsdirektorin Joanna Mytkowska zur APA. Denn dieser Platz unweit des Hauptbahnhofs sei “ein Ort von besonderer historischer Bedeutung und Symbolkraft”. Im Vorjahr wurde der Zentralplatz mit Stalins Kulturpalast offiziell neu, begrünt und mitsamt Fußgängerzone eröffnet. “Dieser Platz steht nun für das neue Warschau, eine internationale, dynamische und belebte Stadt”, betont Mytkowska. Menschen rollen Koffer zum Bahnhof, radeln vorbei, Kinder spielen, Saxofon-Musik ist ebenso zu hören wie Polizeisirenen. Der Baukran hinter dem Museum weist auf das neue Theater hin, das hier in unmittelbarer Nachbarschaft entsteht.
“Diese Skulptur ist ein Tribut an sie”
“Es ist das erste Mal, dass wir ein Kunstwerk öffentlich zugänglich machen”, erklärt die Direktorin beim offiziellen Akt. Aktuell gelte die Genehmigung für “drei Monate”, so die Direktorin. Angestrebt wird “die permanente Installation”. Stifterin des Werks ist die polnische Verlegerin und Mäzenatin Katarzyna Jordan von der Visteria-Stiftung. “VALIE EXPORT hat für uns eine Sprache gefunden, um Diskriminierung von Frauen zu beschreiben”, sagt Mytkowska. Die 1940 als Waltraud Lehner geborene Medien-, Performance- und Filmkünstlerin hatte vor ihrem Tod noch geplant, an diesem Akt teilzunehmen. “Diese Skulptur ist nun auch ein Tribut an sie.”
Sigrid Guggenberger, Vorstandsvorsitzende der VALIE EXPORT Stiftung, berichtet: “VALIE freute sich sehr darüber, dass dieses Kunstwerk hier eine neue Heimat bekommt.” In den 1960/70ern sei die Künstlerin mit ihrem Ford G13 durch ganz Europa gereist und sehr beeindruckt von der Avantgarde und dem politischen Widerstand in Polen gewesen. “Die Doppelgängerin” sei “ein Symbol für die vielen Identitäten, die Komplexität und Vielfalt jedes einzelnen Menschen”. Guggenberger berichtet, was die Ikone Studierenden mitgegeben hat: “Nie stehen bleiben, immer vorwärtsschauen.” Die Zukunft sei stets ihr Ziel gewesen.
Aufbruch in die Zukunft
Und diesen visionären Blick wünscht sich Mytkowska auch für die Scherentänzerinnen an diesem Platz: Diese Skulptur solle “einen Aufbruch in die Zukunft” und einen “Schnitt mit der Vergangenheit” darstellen. Vor zwei Jahren hat das Museum, das von Thomas Phifer bewusst als anti-ikonischer weißer Kubus geplant worden ist, eröffnet. Herzstück und Instagram-Hotspot ist der dreigeschoßige, fast 20 Meter hohe Stiegenaufgang. Das Erdgeschoß mitsamt Ausstellungsraum und Veranstaltungsbühne ist für alle kostenlos zugänglich. In den Obergeschoßen sind die Panoramen auf die Skyline Warschaus – nebst der Kunst – spektakulär. Schaut man draußen an der Skulptur vorbei Richtung Hauptbahnhof, schweift der Blick auch über jene Stelle, an der viele Demonstrationen Warschaus stattfinden – wie auch jene gegen die Verschärfung des strengen polnischen Abtreibungsgesetzes.
Großer Andrang
“Die Doppelgängerin” als Teil einer Serie lässt viele Interpretationen zu und ist zugleich auf den ersten Blick verständlich: Zwei Paare riesiger Scheren sind einerseits zu einer Figur verflochten, andererseits wirken sie, als seien sie in Bewegung. Hinzu kommen die scharfen Klingen, die auch die Funktion einer Schere als Werkzeug verdeutlichen. Scheren von Schneiderinnen und für häusliche Tätigkeiten, die traditionell vielfach Frauen zugeschrieben werden. Der Schnitt ins eigene Fleisch tauchte schon früh in Performances und Filmen von VALIE EXPORT auf. Die Scheren verweisen auch auf seelische Verstümmelung durch gesellschaftliche Konventionen und Diskriminierung.
Zur feierlichen Einweihung waren am Freitag Politikerinnen und Politiker aus Warschau wie der Bürgermeister der Inneren Stadt, Aleksander Ferens, sowie der Direktor des Kulturbüros Artur Jóźwik gekommen. Zudem versammelten sich viele Künstlerinnen und Künstler wie Małgorzata Mirga-Tas, Zuzanna Hertzberg, Anna Zaradny, Fred Fischli und Niels Olsen oder die Kuratorin Dominika Olszowy. Für den österreichischen Botschafter in Polen, Hannes Schreiber, sei diese Skulptur der Beweis, dass Kunst “etwas bewegen” könne. Mit Arnold Obermayr, Direktor des Österreichischen Kulturforums freute er sich “über den besten Platz” für dieses spektakuläre Objekt einer bedeutenden österreichischen Künstlerin. “VALIE wäre heute sehr stolz gewesen”, betont Guggenberger. Nach nur einem Tag mit “Die Doppelgängerin” hat man fast den Eindruck, die Warschauerinnen und Warschauer sind es auch.
(S E R V I C E – https://artmuseum.pl )




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