Von: Lukas Unterkofler
Bozen – Mehr als 1.700 Zweisprachigkeitsnachweise stehen bekanntermaßen im Mittelpunkt einer Untersuchung der Bozner Staatsanwaltschaft. Die Dokumente wurden zwischen 2020 und 2026 von drei Sprachschulen, die Telc-Sprachprüfungen (The European Language Certificates) anbieten, ausgestellt. Diese Telc-Schulen befinden sich in Rom und Caserta. Nun rücken auch jene Personen ins Visier der Ermittler, die zwischen den Kandidaten und den Schulen vermittelt haben sollen.
Rund 50 Personen sollen in diesem Ermittlungsstrang wegen des Verdachts auf Fälschung untersucht werden. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand sollen Kandidaten die Sprachprüfungen teilweise gar nicht selbst abgelegt haben. In anderen Fällen sollen die Prüfungen mit vorab weitergegebenen Antworten manipuliert worden sein.
Vermittler kassierten bis zu 1.500 Euro
Einer der mutmaßlichen Vermittler aus Südtirol wurde Ende Juli von der Finanzpolizei aufgesucht. Gegenüber der Zeitung Alto Adige schildert der Mann, wie das System aus seiner Sicht funktioniert haben soll. Er habe Interessenten an bestimmte Telc-Schulen vermittelt und dafür zusätzliche Beträge verlangt.
Als Beispiel nennt er eine Psychologin, die dringend einen B2-Nachweis benötigt habe. Er habe ihr dafür 850 Euro berechnet. Regulär koste die Teilnahme an einer Prüfung dieses Niveaus etwa 130 bis 200 Euro. In den Vermittlungsgebühren sei auch ein beschleunigter Kurs enthalten gewesen, erklärt der Beschuldigte. Andere Vermittler hätten von den Kandidaten bis zu 1.500 Euro verlangt.
Die Nachfrage sei besonders unter Krankenhauspersonal groß gewesen, das den Zweisprachigkeitsnachweis für eine unbefristete Anstellung benötigt. Auch bei Angehörigen der Ordnungskräfte sei das Zertifikat begehrt, da es mit einer monatlichen Zulage von rund 100 bis 150 Euro verbunden ist.
Konkurrenz um Kandidaten
Der Vermittler soll sich regelmäßig im Umfeld des Bozner Krankenhauses aufgehalten haben, um dort potenzielle Kandidaten anzusprechen. Dabei soll es auch Streit mit anderen Vermittlern um Kunden gegeben haben.
Schließlich wurde eine Polizistin von einer vertraulichen Quelle auf die ungewöhnliche Präsenz in der Nähe des Krankenhauses aufmerksam gemacht. Die Ermittlungen führten laut dem Bericht zur Durchsuchung Ende Juli. Dabei beschlagnahmten die Fahnder unter anderem ein Notizbuch mit den Namen zahlreicher Kunden.
Der Beschuldigte bestreitet nicht, für die Vermittlung höhere Preise verlangt zu haben. Er betont jedoch, nicht gewusst zu haben, was sich anschließend in den Prüfungssälen abgespielt habe. Er wolle mit den Ermittlern zusammenarbeiten.
Nachweise offiziell echt
Genau darin liegt eine der größten Herausforderungen für die Ermittler. Anders als in einem ersten Ermittlungsstrang, bei dem es um gefälschte Dokumente gegangen sein soll, tragen die nun untersuchten Zertifikate offenbar tatsächlich die Stempel der akkreditierten Telc-Schulen.
Der Vorwurf lautet vielmehr, dass die Nachweise durch manipulierte oder nicht ordnungsgemäß abgelegte Prüfungen erlangt worden sein könnten. Beweise dafür zu sichern, gestaltet sich entsprechend schwierig, zumal es laut dem beschuldigten Vermittler keine Aufzeichnungen oder Videoaufnahmen aus den Prüfungen gebe.
Auch Angehörige der Ordnungskräfte sollen in das Verfahren geraten sein. Nach bisherigen Erkenntnissen könnten mindestens 20 Zweisprachigkeitsnachweise, die von Polizeikräften vorgelegt wurden, betroffen sein. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen weiter.




Aktuell sind 5 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen