Von: Sophia Molitor
Chiavenna – Die Musikerin Natalia Rogantini hat mit 24 Jahren eine ungewöhnliche Lebensentscheidung getroffen: Nachdem sie ihr Elternhaus in Piuro, einer Gemeinde im italienischen Bregaglia-Tal in der Provinz Sondrio, verlassen hatte, zog sie in ein nahe gelegenes, nahezu verlassenes Dorf im Chiavenna-Tal. Der Ort ist inzwischen fast vollständig unbewohnt und nur über einen etwa einstündigen Fußweg von der nächsten Straße aus erreichbar.

Ihre außergewöhnliche Geschichte erzählt die Kuratorin Paola Manfredi, die für die Ausstellung „Nella Natura“ und das begleitende Buch über längere Zeit Menschen begleitet hat, die sich für einen Lebensweg abseits der Hektik der Städte entschieden haben.
Natalia lebt als einzige dauerhaft in dem Bergdorf, das nach und nach von seinen Bewohnern verlassen wurde. Sie hat sich im Haus ihres Urgroßvaters eingerichtet und ihren Alltag bewusst einfach gestaltet – allerdings mit gewissen Einschränkungen. Ihr Wohnraum besteht im Wesentlichen aus einem etwa zwei mal drei Meter großen Zimmer mit Bett, Waschbecken, einer kleinen Küche und einer Dusche. Die Toilette befindet sich hingegen eine Etage tiefer. Das Holz muss sie selbst im Wald sammeln, auch um den Anbau und die alltäglichen Arbeiten kümmert sie sich weitgehend selbst.
Was ist wirklich radikal? Nach dem Rhytmus der Natur zu leben oder das hektische Leben der Städte?
Der Grund für ihren radikalen Schritt war vor allem der Wunsch nach Ruhe und Abstand vom hektischen Leben in der Stadt. Auf den ersten Blick scheint ihre Entscheidung für viele ungewöhnlich oder gar extrem. Die Kuratorin sieht das jedoch anders: „Ihr Leben entspricht dem, das wir früher geführt haben. Holz im Wald zu hacken, etwas anzubauen, die Wäsche im Waschbecken zu waschen, in Stille zu leben und sich nach dem Rhythmus der Natur zu richten – all das gehörte damals zum Alltag. Auch lange Wege zu Fuß waren damals selbstverständlich. Der eigentliche Unterschied heute ist, dass sie diese Dinge weitgehend allein tut.“
Trotz ihres Rückzugs hat Natalia ihr bisheriges Leben nicht vollständig aufgegeben. Sie arbeitet weiterhin als Musikerin, schreibt und produziert Lieder, singt, tritt bei Festivals auf und gibt Musikunterricht. Zudem studierte sie an der Internationalen Musikschule in Siena.
Das Dorf ist zwar nicht vollkommen verlassen: Einige ehemalige Bewohner besitzen dort noch Häuser und kehren gelegentlich zurück. Manfredi berichtet zudem, dass sie mit Erstaunen feststellen konnte, dass Menschen, die abgeschieden an Orten leben, die nur zu Fuß erreichbar sind, oft ein erstaunlich ausgeprägtes soziales Leben führen. „Gerade weil sie so abgelegen wohnen, werden sie selbst zu einem Anziehungspunkt. Während sich das soziale Leben in der Stadt immer stärker verteilt, wird ein einzelner Mensch an einem abgelegenen Ort plötzlich zum Treffpunkt“, berichtet sie.
Die Geschichten, über die Manfredi berichtet, zeigen in ihren Augen nicht, dass man in die Vergangenheit oder ins 19. Jahrhundert zurückkehren muss. „Fast alle benutzen moderne Technologien“, sagt sie. Solche Lebensweisen würden daher vielmehr zeigen, dass auch in den Bergen ein modernes Leben möglich ist, das lediglich durch einen eigenen Rhythmus geprägt ist.




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