Von: Redaktion Südtirol News
Prad am Stilfserjoch – Mitten in der Nacht seilt sich Philipp Egger in einen Gletscherkrater ab. Tief im Inneren des Eises gelangt der 25-jährige Südtiroler in eine gewaltige Höhle. Durch ihre Öffnung blickt er auf die umliegenden Berggipfel. Darüber stehen die Sterne, während das Licht des untergehenden Mondes die Bergspitzen erhellt. Mächtige Eisformationen rahmen die Landschaft wie das Innere einer Kathedrale. Was wie eine fantastische Welt erscheint, ist eine tatsächliche Naturerscheinung.
Die Aufnahme trägt den Titel „Cathedral of Vanishing Ice“. Sie wurde 2026 gleich bei zwei internationalen Fotowettbewerben ausgezeichnet: bei den International Photography Awards (IPA) in Los Angeles und beim Prix de la Photographie Paris (PX3), jeweils mit einer Honorable Mention.
Für Egger sind die beiden Ehrungen Teil einer bemerkenswerten Entwicklung. Innerhalb von nur zwei Jahren wurden seine Fotografien bei zahlreichen der bedeutendsten internationalen Fotowettbewerben der Welt ausgezeichnet. Dabei überzeugte er mit ganz unterschiedlichen Motiven, von Wildtieren über Vulkanausbrüche bis zu verborgenen Gletscherwelten.
Zahlreiche internationale Erfolge innerhalb von zwei Jahren
2025 gelang dem Naturfotografen aus Prad am Stilfserjoch der internationale Durchbruch. Beim Wildlife Photographer of the Year des Natural History Museum in London gewann er mit seiner Uhu-Aufnahme „Shadow Hunter“ die Kategorie „Animal Portraits“. Der Wettbewerb zählt als renommierteste Auszeichnungen der Naturfotografie. Bei seiner 61. Ausgabe wurden mehr als 60.000 Fotografien aus 113 Ländern und Territorien eingereicht.
Im selben Jahr gewann Egger mit „PhotoArt“, einer ungewöhnlichen Eisvogelaufnahme, Gold beim Bird Photographer of the Year in der Kategorie „Creative Perspectives“. Sein Vulkanbild „Dance of the Elements“ erhielt beim amerikanischen BigPicture Natural World Photography Competition den Publikumspreis.
Auch 2026 setzte sich die Erfolgsserie fort. Mit „Born of Silence“, einer Aufnahme zweier junger Uhus aus dem Vinschgau, gewann Egger die Kategorie „Winged Life“ bei BigPicture in San Francisco.
Anfang Oktober folgte ein weiterer Kategoriesieg beim 30. MontPhoto International Nature Photography Competition in Spanien. Ausgezeichnet wurde sein Werk „Fire Vortex“, das während des großen Waldbrandes oberhalb von Prad am Stilfserjoch im April 2025 entstanden war. Hinzu kamen weitere internationale Ehrungen, unter anderem beim Bird Photographer of the Year, bei den Glanzlichtern der Naturfotografie und beim spanischen Memorial María Luisa.
Zu den jüngsten Erfolgen zählen die beiden Auszeichnungen in Paris sowie eine Anerkennung beim European Wildlife Photographer of the Year 2026 der Gesellschaft für Naturfotografie (GDT).
Die Vielzahl der Auszeichnungen ist bemerkenswert. Besonders auffällig ist jedoch, dass die prämierten Arbeiten völlig unterschiedliche Naturwelten zeigen und dennoch eine gemeinsame künstlerische Handschrift erkennen lassen.
Feuerregen am Ätna: Wenn Naturgewalt zu Kunst wird
Beim European Wildlife Photographer of the Year wurde Egger 2026 für seine Aufnahme „Feuerregen“ mit Highly Commended ausgezeichnet. Das Bild entstand während einer Expedition an den Ätna auf Sizilien. Bei einer Eruption wurden gewaltige glühende Lavafragmente in die Luft geschleudert, bevor sie wieder auf den Boden trafen. Durch eine gezielt eingesetzte Langzeitbelichtung hielt Egger die Flugbahnen der glühenden Fragmente als leuchtende Spuren fest. Die explosive Kraft des Vulkans verwandelt sich dadurch in eine beinahe abstrakte Komposition. Die Lava scheint wie ein tanzender Feuerregen durch die Dunkelheit zu fallen.

Die Ätna-Expedition brachte mehrere international ausgezeichnete Fotografien hervor. Weitere dort entstandene Arbeiten fanden unter anderem bei BigPicture in San Francisco, den International Photography Awards in Los Angeles und beim Nature Photographer of the Year in den Niederlanden Anerkennung. Die Bilder zeigen einen wesentlichen Aspekt von Eggers Arbeit. Er dokumentiert außergewöhnliche Naturereignisse nicht nur, sondern sucht darin nach ungewöhnlichen Formen, Perspektiven und visuellen Zusammenhängen.
Feuer und Eis als künstlerisches Herzensprojekt
Die Vulkanbilder gehören zu einem mehrjährigen künstlerischen Projekt, in dem sich Egger mit zwei gegensätzlichen Naturkräften auseinandersetzt: Feuer und Eis.
Beide stehen für Veränderung und Vergänglichkeit. Während Feuer eine Landschaft innerhalb weniger Stunden verwandeln kann, verändern sich Gletscher über Jahre und Jahrzehnte. In seinen Feueraufnahmen macht Egger die wilde Energie der Natur sichtbar. Seine Gletscherarbeiten führen dagegen in eine stille, oft verborgene Welt.
Für „Fading Lines“ beschäftigt sich der Vinschger seit mehreren Jahren mit dem größten Gletscher Südtirols. Er beobachtet dessen Strukturen und Veränderungen und hält Formen fest, die durch den Rückgang des Eises zunehmend vergänglich werden.

Mit „Cathedral of Vanishing Ice“ gelang ihm eine Aufnahme aus dem Inneren eines Gletschers, die monumentale Eisformationen mit dem Licht des untergehenden Mondes und dem Sternenhimmel verbindet.
Beide Werke wurden 2026 beim Prix de la Photographie Paris ausgezeichnet. „Cathedral of Vanishing Ice“ erhielt zusätzlich eine Ehrung bei den International Photography Awards in Los Angeles.
Eine unverwechselbare Bildsprache
Die Beschäftigung mit Feuer und Eis ist nur ein Teil von Eggers künstlerischem Werk. Seine Bildsprache zeigt sich ebenso in seinen vielfach ausgezeichneten Tierfotografien.
In „Shadow Hunter“ verschmilzt ein Uhu beinahe vollständig mit der Dunkelheit. Bei „Born of Silence“ werden zwei junge Uhus zu einer ungewöhnlichen, fast surrealen Gestalt. In „PhotoArt“ erscheint ein Eisvogel als Teil einer abstrakten Bildkomposition.

Die Motive wechseln, doch die künstlerische Herangehensweise bleibt erkennbar. Stille, Vergänglichkeit, Wildheit und Transformation sind wiederkehrende Themen seiner Arbeiten. Durch Licht, Perspektive, Bewegung und Komposition entstehen aus tatsächlichen Naturerscheinungen Bildwelten, die auf den ersten Blick beinahe unwirklich wirken. Dabei beginnt die Entstehung vieler Fotografien lange vor dem Auslösen der Kamera. Jahrelange Naturbeobachtung, die genaue Kenntnis von Lebensräumen und eine intensive Vorbereitung gehören ebenso zu Eggers Arbeit wie die bewusste fotografische Gestaltung. So entwickelt sich aus einzelnen ausgezeichneten Fotografien zunehmend ein zusammenhängendes künstlerisches Werk an der Grenze zwischen dokumentarischer Naturfotografie und künstlerischer Abstraktion.
Von Prad auf internationale Bühnen
Trotz seiner internationalen Erfolge bleibt Südtirol ein wesentlicher Ausgangspunkt von Eggers Arbeit.
Die Uhus von „Born of Silence“ fotografierte er im Vinschgau. „Fire Vortex“ entstand beim Waldbrand oberhalb seines Heimatortes Prad am Stilfserjoch. Mit „Fading Lines“ beschäftigt er sich seit Jahren mit den Veränderungen des größten Gletschers Südtirols.
Die Landschaften und Lebensräume seiner Heimat sind für den jungen Fotokünstler damit nicht bloß Motive, sondern Orte einer langfristigen Auseinandersetzung mit der Natur. Die zahlreichen internationalen Auszeichnungen der Jahre 2025 und 2026 verleihen seinen Arbeiten zunehmend Sichtbarkeit über Südtirol hinaus.
Hinter den Erfolgen steht eine künstlerische Suche, die unterschiedlichste Naturwelten miteinander verbindet: der Versuch, die geheimnisvolle, oft verborgene Seele der Natur sichtbar zu machen.





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