Jeannie Ebner 1998 bei ihrem 80. Geburtstag

Schriftstellerin Jeannie Ebner wird wiederentdeckt

Donnerstag, 29. Oktober 2026 | 11:11 Uhr

Von: importer

Jahrelang kannte man die Schriftstellerin Jeannie Ebner (1918-2004) nur als Vorbild der Jeannie Billroth, einer Teilnehmerin an dem von Thomas Bernhard im Roman “Holzfällen” beschriebenen “künstlerischen Abendessen”, der vom boshaften Dichter besonders übel mitgespielt wurde. Eine “Schwätzerin und ganz üble Kitschproduzentin, die sich immer als die Virginia Woolf von Wien vorgekommen ist”. Doch mit zwei gleichzeitig erschienenen Büchern hat nun eine Wiederentdeckung begonnen.

Im Manesse Verlag hat Verlagsleiter Horst Lauinger unter dem Titel “Die neue Penelope” eine Auswahl ihrer Erzählungen herausgegeben, in der Edition Atelier hat Wolfgang Straub, Leiter der Handschriften- und Musikalienabteilung der Wienbibliothek im Rathaus, mit der Neuausgabe des 1964 erstmals erschienenen Romans “Figuren in Schwarz und Weiß” eine dreibändige Werkauswahl Ebners begonnen. “Es ist einerseits Zufall, aber andererseits vielleicht doch auch wieder nicht, wenn unabhängig voneinander zwei solche Projekte verwirklicht werden”, sagt Straub.

Magischer Realismus vs. Zeitroman

Hat sich Lauinger in seiner Auswahl auf kürzere Texte konzentriert, “die sich durch einen ‘magischen Realismus wienerischer Prägung’ auszeichnen”, so ist der nun wieder erhältliche 600-Seiten-Roman das glatte Gegenteil davon: Der Zeit- und Entwicklungsroman stellt starke Frauen in den Mittelpunkt, die sich zwischen 1925 und 1955 in einer männlich dominierten Gesellschaft behaupten und benennt die Verbrechen des NS-Regimes, ohne die damals gängige “Opferthese” Österreichs zu verfolgen. Sehr unterschiedliche Sujets also. “Ihre Literatur ist schwer greifbar, sehr breit und ein bisschen aus der Zeit gefallen”, meint Wolfgang Straub. Das sei einer Wiederentdeckung bisher wohl im Weg gestanden.

Ihre Biografie weist die in Sydney Geborene, deren Eltern zurück nach Österreich gingen, als die Tochter zwei Jahre alt war, als selbstbewusste Frau aus. Schon in jungen Jahren musste sie sich bei der Übernahme einer Spedition als Kleinunternehmerin bewähren, doch ihr Herz schlug für die Literatur. Dort ordnete sie sich allerdings widerspruchslos unter und machte in den Literaturzeitschriften “Stimmen der Gegenwart” und “Literatur und Kritik” die Arbeit, während die Männer Ansehen und Einfluss genossen. “Über Rudolf Henz und Hans Weigel hat sie nichts kommen lassen. Sie hat gewusst; Okay, ohne bestimmte Männerfiguren geht es in diesem Betrieb offenbar nicht, aber ich kämpfe für die Sache. Und diese Sache war immer die Literatur.”

Gleichrangig wie Aichinger und Bachmann?

Hilde Spiel nannte Jeannie Ebner einst in einem Atemzug mit Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann. Auch wenn dieses Urteil heute wohl nicht mehr haltbar ist, so sind Thomas Bernhards Auslassungen in “Holzfällen” sowohl über ihr eigenes Schaffen, (“Sie schrieb nur schlechte Gedichte, in welchen weder Gefühle noch Gedanken auch nur den geringsten literarischen Wert hatten.”), als auch über ihre Herausgeberinnen-Tätigkeit (“Von da an war diese Zeitschrift nicht mehr zum Lesen gewesen, im Grunde ein völlig wertloses und also kopfloses und durch und durch langweiliges Blatt geworden …”) ohne jede Grundlage.

Der Avantgarde-Strömung der Wiener Gruppe, die Sprache nicht als Mittel des Erzählens, sondern als des Experiments begriff, stand sie als eine der damals zentralen Förderinnen der jungen Literatur zwar verständnislos, aber nicht gegnerisch gegenüber. “Im Wesentlichen war ihre Haltung: Ich kann da zwar nicht mit, aber das soll natürlich Platz haben und zur Diskussion gestellt werden. Da war sie total offen”, versichert Straub im Gespräch mit der APA.

Briefwechsel mit Thomas Bernhard

Auch der spätere Spötter und Misanthrop Thomas Bernhard war Teil dieser sich in Kaffeehäusern treffenden und in Zeitschriften publizierenden Gruppen aufstrebender Literatinnen und Literaten und wehrte sich keineswegs dagegen. Warum also diese Gehässigkeiten? “Es gibt ihren Briefwechsel mit Thomas Bernhard bei uns in der Wienbibliothek. Zumindest aus den Korrespondenzen ist kein Bruch ersichtlich”, sagt Straub, der als dritten Band seiner Werkauswahl für Herbst 2028 ausgewählte Briefe u.a. von und an Bernhard, H.C. Artmann und Marlen Haushofer geplant hat.

Aus den Briefen wird Ebners dichtes Netz an Verbindungen erahnbar. Im Nachlass findet sich auch ein 1953 verfasstes Schreiben an den Schweizer Autor und Literaturzeitschrift-Herausgeber Eugen Gomringer, in dem sie ihm Hilfe bei der Suche nach Talenten anbietet, “denn es gibt vermutlich niemanden in Österreich, der nicht bereits in meinem Adressbuch notiert ist. (Von jungen Dichtern meine ich.)”

Noch viel Arbeit für die Germanistik

Die Wienbibliothek im Rathaus verfügt über einen umfangreichen, großteils schon zu Lebzeiten der 2004 gestorbenen Dichterin übergebenen Jeannie-Ebner-Bestand. Aus ihm wird Wolfgang Straub Erzählungen auswählen, die als Mittelstück der Werkauswahl im Herbst 2027 erscheinen und den bei Manesse erschienenen Erzählband ergänzen sollen. “Im Vorlass war gerade, was das Frühwerk angeht, vieles, das noch unveröffentlicht ist.” Genug Arbeit also für die Germanistik und genug Material für etwaige weitere Bände der neuen Edition. Auch eine gültige Biografie dieser vielschichtigen Schlüsselfigur des Literaturbetriebs der Nachkriegszeit wurde bisher noch nicht geschrieben. Vielleicht hat die Ebner-Renaissance gerade erst begonnen.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – Jeannie Ebner: “Die neue Penelope”, Hg. von Horst Lauinger, Nachwort von Monika Bargmann, Manesse Verlag, 336 Seiten, 24,70 Euro, ISBN 978-3-7175-2595-0; Jeannie Ebner: “Figuren in Schwarz und Weiß”, Hg. und mit einem Nachwort von Wolfgang Straub, Edition Atelier, 600 Seiten, 38 Euro, ISBN: 978-3-99065-159-9)

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