Forscherteam untersuchte die Gründe 

17 Prozent der jungen Südtiroler sind Couchpotatos

Montag, 31. August 2026 | 15:31 Uhr

Von: Lukas Unterkofler

Bozen – 17 Prozent der jungen Erwachsenen in Südtirol sind körperlich nicht aktiv. Das geht aus einer Studie der Freien Universität Bozen hervor.

Ein Forschungsteam untersuchte die Gründe dafür und definiert Ansatzpunkte für Interventionsmaßnahmen.

Was motiviert junge Erwachsene, körperlich in Bewegung zu sein, und welche Hürden halten sie davon ab? Dieser Frage geht die neue Studie LOOK4SPORT der Freien Universität Bozen nach. Die Forschungsgruppe um Prof. Attilio Carraro befragte dafür 400 junge Erwachsene zwischen 18 und 34 Jahren in Südtirol und analysierte erstmals umfassend deren körperliche Aktivität, Sitzverhalten, psychisches Wohlbefinden sowie die Barrieren, die einen aktiven Lebensstil beeinflussen.

Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Zwar gaben über 80 Prozent der Befragten an, mehr als die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen 150 Minuten moderater körperlicher Aktivität pro Woche zu schaffen – damit ist Südtirol italienweit im Spitzenfeld. Gleichzeitig erreicht jedoch fast jeder sechste junge Erwachsene (17 Prozent) nicht die empfohlenen Mindestwerte.

Diese Gruppe der „Bewegungsmuffel“ (mehrheitlich über 27 Jahre alt und in Orten mit weniger als 15.000 Einwohnern wohnhaft) hat die Forschenden besonders interessiert. „In dieser wenig erforschten Lebensphase durchleben die meisten Menschen tiefgreifende Veränderungen – vom Studium oder Berufseinstieg über finanzielle Unabhängigkeit bis hin zur Familiengründung“, sagt Prof. Attilio Carraro, Dozent für Bewegungs- und Sportwissenschaften in Brixen. „Wir gehen davon aus, dass Menschen, die zwischen 18 und 34 Jahren körperlich nicht aktiv sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in den folgenden Jahrzehnten inaktiv bleiben“, so Carraro. In seinen Augen könne dies Auswirkungen auf Generationen haben und massive Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. „Aktive Eltern haben in der Regel auch aktive Kinder. Wenn wir also diese Altersgruppe erreichen und zu Bewegung motivieren, können wir langfristig positive Effekte über mehrere Generationen hinweg erzielen.“

Hauptgrund für Bewegungsmangel sind laut der Studie persönliche Barrieren. Dazu gehören mangelndes Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Sport zu treiben, fehlende Körperwahrnehmung, Schwierigkeiten, neue Routinen aufzubauen oder der Eindruck, im Alltag keine Zeit für Bewegung zu finden. „Menschen mit hohen persönlichen Barrieren haben laut Studie eine fast vierfach erhöhte Wahrscheinlichkeit, die Mindestwerte der WHO nicht zu erfüllen“, erklärt der Mitautor der Studie und Forscher an der unibz Antonino Mulè.

Weit geringere Einflüsse auf körperliche Inaktivität stellen soziale Barrieren dar – etwa solche, die mit Freundeskreis oder Familie zusammenhängen – sowie umweltbezogene Barrieren, beispielsweise die vorhandenen Bewegungsräume.

Im Rahmen der Studie LOOK4SPORT wurden auch das Sitzverhalten und das subjektiv wahrgenommene Wohlbefinden untersucht. Trotz des insgesamt hohen Aktivitätsniveaus verbringen junge Erwachsene durchschnittlich fast fünf Stunden täglich im Sitzen. Gleichzeitig zeigte sich, dass ein geringes Einkommen sowie persönliche und umweltbezogene Barrieren mit einem niedrigeren psychischen Wohlbefinden zusammenhängen.

Für die Forschenden verdeutlichen die Ergebnisse, dass Bewegungsförderung künftig stärker individualisiert werden muss. „Gesundheitsförderung sollte weniger auf allgemeine Informationskampagnen setzen, sondern Menschen dabei unterstützen, Motivation aufzubauen und Bewegung dauerhaft in ihren Alltag zu integrieren. Das beginnt beim Treppensteigen“, so Prof. Carraro.

Er und sein Team sind überzeugt, dass eine der wichtigsten Maßnahmen darin besteht, Bewegung stärker als soziale Aktivität zu fördern. „Menschen sollten Möglichkeiten haben, gemeinsam Sport zu treiben. Laut unseren Studienergebnissen – und das bestätigen auch zahlreiche internationale Studien – gehört das zu den wirksamsten Strategien.“ Nicht zu vergessen sind vielfältige Sport- und Bewegungsangebote, die über einen Fußballplatz hinausgehen – und eine sichere Umgebung. „Wer abends spazieren gehen oder joggen möchte, sollte dabei nicht Angst haben. Gut beleuchtete Geh- und Radwege können hier einen wichtigen Beitrag leisten.“

Der Handlungsbedarf ist groß: Nach einem Bericht von WHO und OECD zur Bewegungsförderung (2023) wird Italien bis 2050 pro Jahr 2 Milliarden Euro für die Behandlung von durch Bewegungsmangel bedingten Krankheiten ausgeben müssen. Aus der Publikation geht außerdem hervor, dass eine Erhöhung der Bewegung auf das empfohlene WHO-Mindestmaß in den EU-Staaten dazu führen würde, dass bis 2050 11,5 Mio. neue Fälle von nichtübertragbaren Krankheiten, darunter 3,8 Mio. Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 3,5 Mio. Fälle von Depressionen und mehr als 400 000 Fälle von verschiedenen Krebsarten, vermieden werden könnten. Angesichts dieser Erkenntnisse gilt es, nicht nur bestehende Angebote zur Förderung körperlicher Aktivität auszubauen, sondern auch neue Strategien zu entwickeln, um einen gesunden Lebensstil leichter zugänglich und attraktiver zu machen – insbesondere für junge Menschen.

KI als Instrument zur Förderung gesundheitswirksamer körperlicher Aktivität

Inwieweit Künstliche Intelligenz (KI) Menschen dabei unterstützen kann, persönliche Barrieren zu überwinden und langfristig körperlich aktiv zu werden – damit beschäftigte sich eine zweite Studie des Forschungsteams der Freien Universität Bozen. Für die Ende 2025 veröffentlichte Studie „AI in motion“ acht wissenschaftliche Interventionsstudien zum Einsatz von KI in der Bewegungsförderung ausgewertet.

Die Analyse zeigt: Apps, Chatbots und digitale Avatare können Menschen individuell begleiten, an Bewegung erinnern, informieren und Empfehlungen an persönliche Bedürfnisse anpassen. „Ob Nutzer dadurch ein stärkeres Bewusstsein entwickeln und langfristig ein aktiverer Lebensstil entsteht, ist wissenschaftlich jedoch noch nicht ausreichend belegt“, sagt Andrea Ciorciari, Postdoktorand an der Freien Universität Bozen.

Für Prof. Attilio Carraro ist deshalb klar: „Künstliche Intelligenz ist kein Wundermittel, sondern ein zusätzliches Werkzeug. Sie kann Menschen motivieren und begleiten, persönliche Betreuung aktuell aber noch nicht ersetzen.“ Das größte Potenzial sehen die Forschenden daher in hybriden Modellen. Dabei übernehmen Fachkräfte aus den Bereichen Bewegungswissenschaft, Personal Training und Gesundheit weiterhin die Planung des Trainings und die persönliche Betreuung, während die KI an Bewegungsziele erinnert und individuelle Impulse gibt.

Bezirk: Bozen

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