Von: Sophia Molitor
Lancashire – Jedes Jahr stellt sich die Frage, ob sich ein echter Weihnachtsbaum lohnt. Denn wenn man bedenkt, dass der Baum bereits nach ein paar Wochen seine Geltung verloren hat, wird die Weihnachtszeit schnell auch zu einer Frage des Umweltschutzes. In manchen Ländern wird diesbezüglich anders gehandelt: In England werden benutze Tannenbäume für den Küstenschutz eingesetzt. Das Beispiel zeigt, wie aus vermeintlichem Abfall eine natürliche Ressource werden kann – und wirft die Frage auf, welche ähnlichen Ansätze auch in Deutschland und Italien möglich sind.
Seit 2013 nutzt das Fylde Sand Dunes Project in Lancashire im Nordwesten Englands gespendete Weihnachtsbäume, um die Küstenerosion zu bremsen und neue Sanddünen aufzubauen. Die Initiative wird vom Lancashire Wildlife Trust gemeinsam mit den örtlichen Behörden organisiert. Nach den Weihnachtsfeiertagen spenden die Einwohner ihre echten Weihnachtsbäume und freiwillige Helfer vergraben sie senkrecht und in Reihen im Sand der Dünen bei St Annes. Die Äste bremsen den Wind und halten verwehten Sand zurück. Mit der Zeit werden die Bäume vollständig vom Sand bedeckt und bilden das Fundament neuer Dünen.
Die Bäume werden nicht wieder ausgegraben oder erneut verwendet, sondern bleiben im Sand und zersetzen sich dort langsam. Dabei setzen sie organisches Material frei, das zur Bodenbildung beiträgt. Gleichzeitig siedeln sich Dünenpflanzen wie Strandhafer an, deren Wurzeln den Sand langfristig stabilisieren. Da die alten Bäume im Sand verbleiben, werden für jede neue Aktion frische Weihnachtsbäume benötigt. So können die Dünen Schritt für Schritt weiterwachsen. Die entstehenden Dünen wirken als natürliche Barriere gegen Sturmfluten und können dazu beitragen, das Hinterland vor Überschwemmungen zu schützen.
Im Oktober wurden die Zahlen der Aktion im Winter 2025/2026 veröffentlicht, dabei wurde darauf hingewiesen, dass mehr als 2.000 Weihnachtsbäume eingesetzt wurden. Erst nachdem sich über Monate hinweg Sand abgelagert hat, lässt sich die Wirkung der im Winter eingesetzten Bäume beurteilen. Die jüngsten Ergebnisse machen den langfristigen Nutzen der Initiative sichtbar, denn seit Projektbeginn haben sich die Dünen an einzelnen Stellen um bis zu 90 Meter verbreitert – eine intelligente Vorgehensweise, um dem rein kommerziellen Aspekt, beziehungsweise der Produktion der Tannenbäume für die WInterzeit, einen tiefern Sinn zu geben.
Der internationaler Vergleich zeigt, was noch möglich ist
Deutschland setzt an einigen Küstenabschnitten bereits auf ähnliche Methoden mit Reisig und Holz, oft gelten dort aber strenge Vorgaben, die das Einbringen von Material untersagen. An der italienischen Adria wiederum werden vielerorts saisonale Sandwälle aufgeschüttet, um Strände und Küstenbebauung vor winterlichen Stürmen und Erosion zu schützen. In Badeorten wie Rimini und Riccione werden im Herbst mit Baggern lange Winterdünen aus dem vorhandenen Strandsand aufgeschüttet, die dann im Frühjahr wieder glattgezogen werden, damit die Strände für die Tourismussaison vorbereitet werden können.
Ein weiterer interessanter Aspekt bei diesem internationalen Vergleich ist: Während das englische Projekt auf die jährliche Spende echter Weihnachtsbäume angewiesen ist, entscheiden sich italienische Haushalte häufig auch für künstliche Weihnachtsbäume. Diese können über viele Jahre hinweg wiederverwendet werden und stehen nach den Feiertagen daher nicht als organisches Material für den Küstenschutz zur Verfügung.
Grundsätzlich würde die Methode der Weihnachtsbäume überall funktionieren, wo feiner Sand, starker Wind und ausreichend echte Weihnachtsbäume zusammenkommen. Jedes Land geht aber anders mit dem Dünenschutz um.




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