Bestsellerautorin Stefanie Stahl reagiert genervt auf die Dauerselbstreflexion - und eröffnet "Therapie Bar"

Wenn Psychologie zum Psychoterror wird

Freitag, 11. September 2026 | 09:10 Uhr

Von: Sophia Molitor

Trier – Deutschlands bekannteste Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl hat den Psychoboom, den sie selbst mitgeprägt hat, offenbar zunehmend kritisch im Blick. Sie warnt davor, dass psychologische Begriffe längst zum Alltagsvokabular gehören und das Leben dadurch eher komplizierter als verständlicher wird. Während Kritiker ihr vorwerfen, Psychologie jahrelang erfolgreich vermarktet zu haben, weist Stahl den Vorwurf zurück. Seit Anfang September setzt sie nun auf einen ungewöhnlichen Gegenentwurf: In Trier hat sie ihr eigenes Café „Heimat“ eröffnet – eine Mischung aus Café, Restaurant und Bar, die sie scherzhaft als eine Art „Bar-Therapie“ bezeichnet.

In den sozialen Medien und auch in der psychologischen Szene hat sich mittlerweile ein regelrechter Psychoboom entwickelt. Psychologische Begriffe sollen unterschiedlichste Gefühle und Verhaltensweisen erklären oder in einen psychologischen beziehungsweise therapeutischen Kontext einordnen. Dabei boomen nicht nur Psychologen mit ihren Reels und Beiträgen. Auch Menschen ohne entsprechende Ausbildung beschäftigen sich zunehmend intensiv mit ihren eigenen Gefühlen, benennen, analysieren und psychologisieren sie. „Ich könnte aus der Hose springen, wenn Leute ihre drei Gefühlchen nicht sortiert bekommen“, sagt die Psychologin im Interview mit dem Spiegel-Magazin und macht damit auf diese Entwicklung aufmerksam.

Nicht jedes Gefühl muss seziert werden

Stahl wird zwar dafür kritisiert, selbst zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, sie selbst vertritt jedoch eine andere Sichtweise. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Beschäftigung mit Prägungen aus der Kindheit. Stahl erklärt, wie früh erlernte Muster später Beziehungen, Selbstwert und Verhalten beeinflussen können. Gleichzeitig steht sie ihrem eigenen populären Konzept kritisch gegenüber, wenn es zur Universal-Erklärung für jedes Problem wird. Die eigene Vergangenheit zu verstehen, könne hilfreich sein, betont sie – man solle jedoch nicht dauerhaft in ihr stecken bleiben. Die Kindheit dürfe keine Ausrede dafür werden, warum man sein eigenes Leben nicht auf die Reihe bekommt. Psychologische Reflexion soll letztlich dabei helfen, im Erwachsenenleben handlungsfähig zu werden.

In den sozialen Medien wird leider oft das Gegenteil inszeniert. Gefühle werden ständig analysiert und etikettiert, ohne dass daraus zwangsläufig eine Erkenntnis oder Veränderung entsteht. Viele Menschen fühlen sich offenbar in ihren schwierigen Erlebnissen bestätigt, sobald sie der Sache einen Namen geben können. Der schwierige Teil beginnt jedoch genau dort, wo es um Eigenverantwortung und tatsächliche Veränderung geht. Was hilft es, permanent den Begriff „Narzissmus“ überall zu sehen und zu hören, wenn am Ende nur das Etikett bleibt? Oft scheint der Begriff selbst zum Mittelpunkt zu werden – und nicht die Frage, was sich im eigenen Leben tatsächlich verändern lässt.

Das Herzensprojekt abseits der Therapiecouch

Am 2. September hat die berühmte Psychologin ihren langjährigen Traum verwirklicht und in Trier ihr eigenes Café „Heimat“ eröffnet. Der Name ist eine direkte Anlehnung an ihr bekanntestes Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“. Das Lokal verbindet Café, Restaurant und Bar und soll ein unkomplizierter Ort für Geselligkeit, gutes Essen, Drinks und Kommunikation sein. Vielleicht ist das Cafè Heimat damit auch ein bewusster Gegenpol zu einer Zeit, in der das menschliche Dasein zunehmend kompliziert erscheint und selbst alltägliche Gefühle und Lebensfragen analysiert, erklärt und problematisiert werden. Ein Ort also, an dem es nicht darum geht, das Leben bis ins Letzte zu verstehen,

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