Von: Martin Geier
Limbadi/Vibo Valentia – Zehn Jahre nach ihrer Ermordung steht das grausame Verbrechen, dem die damals 44-jährige Maria Chindamo zum Opfer fiel, kurz vor der Aufklärung.
Nach Monaten und Jahren des Schweigens gelang es den Ermittlern, nicht zuletzt durch die Aussagen abtrünniger Mitglieder der kalabrischen ‘Ndrangheta, die mutmaßlichen Urheber des Gewaltverbrechens zu ermitteln und die Hintergründe aufzuklären, die zur „Verurteilung zum Tode“ der Wirtschaftsberaterin und Unternehmerin führten.
Laut den letzten Ermittlungserkenntnissen hatten die Familie ihres Ex-Ehemannes, die sie für seinen Suizid verantwortlich machten, und der ‘Ndrangheta-Clan der Mancuso, der es auf ihren Landbesitz abgesehen hatte, ein gemeinsames Interesse, die 44-Jährige aus dem Weg zu räumen. „Maria Chindamo wurde ihre Freiheit nicht verziehen. Sie konnte sich den Luxus nicht leisten, sich ein neues Leben aufzubauen und das Grundstück, an dem die ’Ndrangheta interessiert war, unternehmerisch zu bewirtschaften“, so Nicola Gratteri, Generalstaatsanwalt von Catanzaro.

Maria Chindamo, eine 44-jährige Wirtschaftsprüferin und Landwirtin aus Laureana di Borrello bei Reggio Calabria, wurde von der Familie ihres Ex-Ehemannes und der ’Ndrangheta „zum Tode verurteilt”, weil sie sich mit ihrem neuen Partner ein neues Leben aufbauen wollte und sich weigerte, ihr Land an den Clan zu verkaufen. Doch dadurch wurde sie zum Symbol des zivilen Widerstands gegen die Willkür der Mafia und patriarchalische Gesellschaftsstrukturen in Kalabrien.
Die Ermittlungen der Bezirksdirektion zur Bekämpfung der Mafia (DDA) in Catanzaro, die beharrlich vorangetrieben wurden, nahmen Jahre in Anspruch, bevor sie Früchte zeigten und alle mutmaßlich am Verbrechen beteiligten Personen identifiziert werden konnten.
Die Frau verschwand am Morgen des 6. Mai 2016 vor dem Tor ihres landwirtschaftlichen Anwesens in Limbadi in der Provinz Vibo Valentia. Laut Ansicht der Ermittler wurde sie vor ihrem Grundstück in Montalto di Limbadi von mehreren Männern angegriffen, als sie aus ihrem weißen SUV gestiegen war, in ein anderes Auto gezerrt und verschleppt. Ihr Auto wurde mit laufendem Motor zurückgelassen. Später am zurückgelassenen Wagen sichergestellte Blutspuren und Haare an der Außenseite bestätigten diese Rekonstruktion ihrer Entführung und Ermordung. Doch ihre Leiche wurde nie gefunden.
Zunächst konnte einem Mann nachgewiesen werden, dass er die Aufnahmen einer Überwachungskamera manipuliert hatte, die den Angriff auf die 42-Jährige hätten zeigen können. Es handelte sich um den 53-jährigen Salvatore Ascone. Ein ehemaliges hochrangiges Mitglied des Mancuso-Clans, der seit jeher die Umgebung von Limbadi beherrscht, Emanuele, Sohn des Bosses Pantaleone Mancuso, bestätigte die Spur zu Ascone.

Nach weiteren Untersuchungen und Aussagen von ‘Ndrangheta-Abtrünnigen stellte sich im Jahr 2023 heraus, dass Maria Chindamo entführt und auf grausamste Weise ermordet wurde. Ihre Leiche wurde an Schweine verfüttert und anschließend mit einem Raupentraktor überrollt, um jegliche Spuren zu beseitigen.
Das Verbrechen spielte sich an der Schnittstelle zwischen gnadenloser Mafia-Logik und familiären Rachedynamiken ab. Nach dem Freitod ihres Ehemanns Ferdinando Punturiero am 6. Mai 2015 übernahm Maria Chindamo die alleinige Verwaltung der geerbten landwirtschaftlichen Flächen. Entschlossen widersetzte sie sich den Enteignungsversuchen sowie dem ständigen Druck des im Gebiet von Limbadi herrschenden ‘Ndrangheta-Clans der Mancuso und weigerte sich beharrlich, ihr Land abzutreten. Ihr lag viel daran, ihr vor allem mit Kiwi bepflanztes Landgut als landwirtschaftliche Unternehmerin selbst zu bewirtschaften, um ihre wirtschaftliche und persönliche Unabhängigkeit zu bewahren und ihren Kindern eine bleibende Zukunft zu gewährleisten.
Gleichzeitig stieß ihr Wunsch nach einem Neuanfang und der eigenständigen Bewirtschaftung des Besitzes auf tiefe Ablehnung bei der Familie ihres verstorbenen Mannes, die ihr Verhalten als Bruch mit den lokalen Traditionen und Ehrenkodizes wertete. Dass die Tat exakt auf den ersten Todestag ihres Ehemanns fiel, unterstreicht den symbolischen Charakter des Verbrechens – ein gezieltes Statuieren eines Exempels, das tief in den Motiven und Verhaltensregeln von Blutrache und vermeintlicher Wiederherstellung der Familienehre wurzelt.
„Maria Chindamo wurde genau ein Jahr nach dem Selbstmord ihres Mannes ermordet, weil sie es gewagt hatte, Fotos mit ihrem neuen Lebensgefährten zu posten. Zwei Tage später wurde sie auf unmenschliche und tragische Weise ermordet. Sie wurde getötet und an Schweine verfüttert. Ihre Überreste wurden mit einem Raupentraktor zermahlen, um jede Spur zu beseitigen. Neben der Grausamkeit des Mordes zeugt auch die Boshaftigkeit, mit der an ihrer Leiche gehandelt wurde, von der Bösartigkeit der Täter“, erklärt Gratteri.
Dem 60-jährigen Salvatore Ascone wird derzeit in Catanzaro der Prozess gemacht. Er soll gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Vincenzo Punturiero, dem ehemaligen Schwiegervater des Opfers, an der Planung, Organisation und Durchführung des Mordes an Maria Chindamo beteiligt gewesen sein. Nach bisherigen Ermittlungsergebnissen nutzte die ’Ndrangheta das tiefe Zerwürfnis zwischen Maria Chindamo und der Familie ihres Ehemanns aus. Der Schwiegervater soll den Mord in Auftrag gegeben haben, da er Chindamo für den Suizid seines Sohnes verantwortlich machte. Ascone agierte als Ansprechpartner des Mancuso-Clans, der beabsichtigte, den landwirtschaftlichen Betrieb des Opfers zu einem Spottpreis zu erwerben und ihn Ascone zur Bewirtschaftung zu überlassen.

Während des laufenden Strafprozesses nahmen die Ermittlungen eine sensationelle Wende: Die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft (DDA) von Catanzaro hat acht weitere Personen als Verdächtige aufgenommen. Ihnen werden Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung, Beihilfe zum Mord und die Beseitigung einer Leiche vorgeworfen. Zu den Beschuldigten gehören Giovanni Capone, Vincenzo und Francesco Arceri, Tommaso und Antonino Biondo, der Bulgare Sasho Emilov Dimitrov sowie Davide Errigo. Da sich darunter auch Verwandte des verstorbenen Ehemanns befinden, erhärtet sich der Verdacht einer engen Zusammenarbeit zwischen dem familiären Umfeld des Opfers und der organisierten Kriminalität.
Im Rahmen eines neuen Ermittlungsstrangs, der zu weiteren Verdächtigen führte, wurden biologische und daktyloskopische Untersuchungen der beschlagnahmten Beweismittel angeordnet. Diese werden am 14. und 21. September von der Spezialeinheit RIS der Carabinieri in Messina durchgeführt. Im Fokus der neuen Analysen stehen eine landwirtschaftliche Fräse mit Blutspuren an der Klinge, ein Mitsubishi Pajero mit Blutflecken auf den Sitzen sowie ein Paar Sportschuhe aus der Wohnung des Opfers auf dem Land. Zudem werden zwei Zigarettenkippen untersucht, die bereits Dimitrovs DNA zugeordnet werden konnten. Neben diesen Spurenträgern wurden weitere Gegenstände sichergestellt, darunter der Dacia Duster der Ehefrau, ein bei Ausgrabungen im Jahr 2016 entdeckter, zerbrochener Ledergürtel sowie ein im vergangenen Dezember beschlagnahmter Fiat Cinquecento.

Zehn Jahre nach der Tat, die nach dem Willen der ’Ndrangheta für immer im Dunkeln bleiben sollte, stehen die Ermittler nun vor dem Ziel. Ihr Bruder Vincenzo hält unermüdlich das Andenken an Maria Chindamo wach. In Schulen und auf öffentlichen Plätzen erzählt er die Geschichte einer freien Frau, die sich weder der Gewalt noch dem Schweigekodex der Mafia beugte. „Sie wurde ermordet, weil sie eine freie Frau und Unternehmerin sein wollte“, sagt Nicola Gratteri, Generalstaatsanwalt von Catanzaro, abschließend.
„Mamas Freiheit hat sicherlich jemanden gestört. Diese Freiheit war unbequem, denn in unserer Umgebung machen freie Frauen Angst und werden zum Schweigen gebracht. „Mein Wunsch ist es, Richterin zu werden, in meine Heimat zurückzukehren und dazu beizutragen, dass diese Mentalität, die Frauen erstickt, beseitigt wird”, sagt Federica, die älteste Tochter von Maria Chindamo.







Aktuell sind 1 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen