Euregio-Studie

Der “Buggler”-Mythos bröckelt

Donnerstag, 29. Oktober 2026 | 09:55 Uhr

Von: Matthias Knapp

Bozen – 39,9 Stunden pro Woche: So viel arbeitet in der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino im Schnitt eine Vollzeitkraft. In Südtirol (40,6) sind es mehr als im Bundesland Tirol (40,5) bzw. im Trentino (38,9). Besonders lange Arbeitswochen haben Vollzeitbeschäftigte in der Hotellerie und Gastronomie (im Euregio-Schnitt 43,4 Stunden), im Baugewerbe (42,0) und im Handel (41,0). „Zudem ist die Fünf-Tage-Woche in vielen Branchen noch lange nicht Standard – vor allem nicht in den stark saisonal geprägten Branchen“, unterstreicht AFI-Direktor Stefan Perini und verweist dabei auf den Fachkräftemangel sowie die Notwendigkeit, die Attraktivität der Arbeitsplätze zu erhöhen. Wichtig ist auch: Der Wunsch nach einer kürzeren Arbeitswoche zieht sich bei Vollzeitarbeitenden durch alle Branchen und Berufsgruppen, während Teilzeitkräfte häufiger ihre Arbeitszeit aufstocken möchten.

Um einen fundierten Einblick in die Arbeitsbedingungen in der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino zu erhalten, haben Arbeiterkammer Tirol, Agenzia del Lavoro Trento und AFI | Arbeitsförderungsinstitut von Juni 2025 bis Februar 2026 insgesamt 2.250 Erwerbstätige befragen lassen. Am Montag vergangener Woche wurde der erste Ergebnisblock am Sitz der Arbeiterkammer Tirol in Innsbruck anlässlich eines Seminars vorgestellt. Im Mittelpunkt standen das Ausmaß der Arbeitswoche, Überstunden, Nachtarbeit, Pendelzeiten sowie die Frage, wie lange man arbeiten würde, wenn man dies frei bestimmen könnte.

Drei Branchen mit hohem Arbeitsausmaß

Die Branche Hotellerie und Gastronomie liegt bei den geleisteten Wochenstunden an erster Stelle. Eine Vollzeitkraft kommt dort im Schnitt in der Euregio auf 43,4 Stunden pro Woche. Es folgen das Baugewerbe (42,0) und der Handel (41,0). Gesamtwirtschaftlich betrachtet ist in Südtirol eine Arbeitswoche zwischen 35 und 40 Stunden für 43 Prozent der Beschäftigten Realität. In Tirol gilt dies für 40 Prozent, im Trentino für 61 Prozent. Fast jede vierte erwerbstätige Person in Südtirol (23 Prozent) arbeitet pro Woche mehr als 40 Stunden. In Tirol beträgt der Vergleichswert 22 Prozent, im Trentino 15 Prozent. Lange Arbeitswochen kommen in Südtirol also besonders häufig vor.

AFI

Die Fünf-Tage-Woche – für saisonale Branchen noch eine Illusion

Die Fünf-Tage-Woche ist in der Euregio für 62 Prozent der Erwerbstätigen Realität. Nicht überraschend weichen gerade stark saisonal geprägte Branchen (Gastgewerbe, Handel, Landwirtschaft) von diesem Standard überdurchschnittlich häufig ab: Die Sieben-Tage-Woche kommt eigentlich nur in der Landwirtschaft vor (33 Prozent), während Arbeitswochen mit sechs oder mehr Tagen auch in der Hotellerie und Gastronomie (47Prozent), im Bereich Transport und Logistik sowie im Handel (jeweils 28 Prozent) verbreitet sind. Kürzere Arbeitswochen von vier oder weniger Tagen gibt es wiederum in den saisonal geprägten Branchen Handel (25 Prozent) und Hotellerie und Gastronomie (19 Prozent) sowie in den stark weiblich geprägten Sektoren Gesundheits- und Sozialwesen (36 Prozent) und Bildung (21 Prozent).

Wunsch nach kürzerer Wochenarbeitszeit

Wie weit sind bei der Wochenarbeitszeit Wunsch und Wirklichkeit voneinander entfernt? Das aktuelle Wochenstundenausmaß halten in Südtirol 49 Prozent der Befragten für ideal, in Tirol 44 Prozent, im Trentino 64 Prozent. Gleichzeitig möchten in Südtirol 37 Prozent der Befragten weniger Stunden arbeiten, in Tirol 40 Prozent, im Trentino 29 Prozent. Der Wunsch nach einer Aufstockung der Arbeitszeit ist in allen drei Gebieten deutlich seltener: In Tirol möchten 16 Prozent ihre Arbeitszeit erhöhen, in Südtirol 15 Prozent, im Trentino sieben Prozent. AFI-Direktor Stefan Perini präzisiert: „Den befragten Personen war bei dieser Frage klar, dass sie bei einer kürzeren Arbeitszeit weiterhin ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Umso bemerkenswerter ist dieser weit verbreitete Wunsch nach einer Stundenreduktion.“

AFI

EWCS 2025 Interreg: Ein mehrjähriges Kooperationsprojekt

Wie sind die Arbeitsbedingungen im Bundesland Tirol, in Südtirol und im Trentino? Dieser Frage geht die Euregio-Studie zu den Arbeitsbedingungen nach. Nach dem Vorbild der alle fünf Jahre europaweit durchgeführten Erhebung der Arbeitsbedingungen von Eurofound (EWCS) haben die Euregio und ihre Partnerinstitute Arbeiterkammer Tirol, AFI | Arbeitsförderungsinstitut Südtirol und Agenzia del lavoro im Trentino eine umfassende Befragung mit 2.250 Interviews (750 pro Landesteil) durchgeführt. Das Projekt wird mit EU-Geldern aus dem Programm Interreg mitfinanziert. Die Ergebnisse werden in den nächsten Monaten nach und nach vorgestellt.

Bezirk: Bozen

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