AFI analysiert Nettovermögen

Reiche Südtiroler – zumindest im Durchschnitt

Freitag, 28. August 2026 | 10:18 Uhr

Von: Matthias Knapp

Bozen – Statistisch gesehen bestätigt sich, dass die Südtiroler deutlich wohlhabender sind als die „Durchschnittsitaliener“. Offensichtlich reicht dies nicht aus, um allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wirtschaftlichen Wohlstand und die Möglichkeit zu sparen einzuräumen. Trotz eines milliardenschweren Vermögens und Rekordwerten gibt es Anzeichen für erhebliche Ungleichheiten bei der Vermögensverteilung sowie für einen zunehmend elitären Immobilienmarkt, heißt es vom Arbeitsförderungsinstitut AFI.

Das Nettovermögen der Südtirolerinnen und Südtirol beträgt in Summe 212,8 Milliarden Euro. Hervor geht dies aus Daten der italienischen Nationalbank Banca d’Italia mit Stand 31. Dezember 2024.

Den Löwenanteil des Nettovermögens bildet das Sachvermögen (143,5 Milliarden Euro) mit einem Anteil von zirka zwei Drittel. Schlüsselt man dieses weiter auf, so entfallen 101,3 Milliarden Euro auf Wohnungen und 42,2 Milliarden Euro auf Sachwerte wie gewerbliche Gebäude, Grundstücke und weitere Sachgüter.

Die zweite Vermögenskomponente, das finanzielle Vermögen, wird in Summe mit 83,9 Milliarden Euro beziffert. Der größte Teil entfällt in Südtirol auf Wertpapiere, Aktien, Beteiligungen und Investmentfonds (47,6 Milliarden Euro). 22,8 Milliarden Euro machen Bargeld, Spareinlagen und Postspareinlagen aus. Restposten wie Vorsorge- und Versicherungsrücklagen stellen 13,4 Milliarden Euro.

Gleichzeitig sind die Südtirolerinnen und Südtiroler jedoch auch verschuldet, und zwar in Summe im Ausmaß von 14,5 Milliarden Euro. Die Darlehen machen hier 11,0 Milliarden Euro aus und sonstige finanzielle Verbindlichkeiten 3,6 Milliarden Euro.

Was bedeutet das pro Kopf?

Legt man die Daten auf die Südtiroler Bevölkerung um, so ergibt sich ein Netto-Gesamtvermögen von 395.100 Euro pro Kopf. Dieser Wert setzt sich aus Sachvermögen im Wert von 266.400 Euro und Finanzvermögen von 155.700 Euro pro Kopf zusammen, während die Schuldenlast im Schnitt 27.000 Euro beträgt.

Sowohl im Vergleich zur benachbarten Provinz Trient, als auch zur gesamtstaatlichen Situation hebt sich Südtirol deutlich positiv ab. Beim Netto-Gesamtvermögen pro Kopf weist Südtirol (395.100 Euro) einen fast doppelt so hohen Wert wie im gesamtstaatlichen Schnitt (199.000 Euro) auf und übertrifft den Wert der Provinz Trient (305.800 Euro) um knapp 30 Prozent.

Hauptfaktor für diesen großen Unterschied sind die Sachvermögen: Hier hebt sich Südtirol mit einem mehr als doppelt so hohen Wert als Italien deutlich ab (266.400 Euro gegenüber 114.700 Euro), während Trient den Italien-Schnitt um 76 Prozent übertrifft (202.000 Euro). Beim Finanzvermögen liegt Südtirol (155.700 Euro) um 52 Prozent über dem Italien-Wert (102.000 Euro), während Trient (124.800 Euro) diesen um 25 Prozent übertrifft. Die durchschnittliche Verschuldung liegt italienweit bei 17.700 Euro pro Kopf. Die Südtiroler stehen im Schnitt mit 27.400 Euro in der Kreide (53 Prozent über dem gesamtstaatlichen Schnitt), die Trientner liegen hingegen mit 21.100 Euro rund 28 Prozent darüber.

Welche Posten wiegen am schwersten beim Nettovermögen?

Der wichtigste Faktor hinter dem Südtiroler Nettovermögen ist das Vermögen aus Wohnimmobilien, das sich auf 101,3 Milliarden Euro beziffern lässt. Mit deutlichem Abstand folgen Aktien, Beteiligungen, Investmentfondsanteile und Kredite an Genossenschaften, die zusammen 47,6 Milliarden Euro wert sind, sowie die übrigen Sachvermögen (also gewerbliche Gebäude, Grundstücke, Anlagen, Maschinen und sonstiges Anlagevermögen) mit einer Summe von 42,2 Milliarden Euro.

Die Bedeutung der Immobilien tritt noch deutlicher zutage, wenn man die Entwicklung zwischen 2023 und 2024 betrachtet: In nur einem Jahr ist das Wohnvermögen in Südtirol um 10,2 Milliarden Euro beziehungsweise 11,2 Prozent gewachsen – der stärkste Anstieg, den in diesem Zeitraum irgendein Posten verzeichnete. Da im selben Zeitraum das Netto-Gesamtvermögen um 12,7 Milliarden Euro gestiegen ist, folgt daraus, dass rund 80 Prozent des gesamten Vermögenszuwachses in Südtirol auf die Wohnkomponente zurückzuführen ist.

Der Wohlstand – nur eine vom Durchschnitt bestimmte Illusion?

Wechseln wir Datenquelle: Aus der Erhebung der Verbraucherausgaben der privaten Haushalte von ISTAT für das Jahr 2024 geht hervor, dass die Ausgaben der Haushalte in der Region Trentino-Südtirol um 30 Prozent über dem gesamtstaatlichen Durchschnitt lagen. In der Provinz Bozen sind die Ausgaben jedoch ungleicher auf die Haushalte verteilt als auf gesamtstaatlicher Ebene bzw. in der Provinz Trient. Das Verhältnis zwischen dem durchschnittlichen Ausgabenniveau der obersten 20 Prozent und der untersten 20 Prozent der Verteilung fällt in Südtirol (6,7) höher aus als in Trient (4,5) und auf gesamtstaatlicher Ebene (4,9). Auf diese Anomalie weist die Banca d’Italia selbst in ihrem jüngsten Bericht über die „Wirtschaft der Regionen“ hin, der im Juni 2026 veröffentlicht wurde.

Des Weiteren geht aus dem jüngsten AFI-Barometer hervor, dass 44 Prozent der Südtiroler Arbeitnehmer damit rechnet, in den kommenden zwölf Monaten kein Geld ansparen zu können, während 25 Prozent Schwierigkeiten haben, mit ihrem Gehalt bis zum Monatsende zu kommen. Ein Befund, der bestätigt, dass es falsch wäre, sich auf den Durchschnittswert zu beschränken: Um wirklich zu verstehen, wie diese durchschnittlichen Rekordwerte zustande kommen, müssen sie aufgeschlüsselt und entlang der Bevölkerungsverteilung analysiert werden.

Prekäre Datenlage zur Einkommens- und Vermögensverteilung in Südtirol

Die letzten verlässlichen Daten des Landesinstituts für Statistik ASTAT zur Verteilung der Einkommen der Haushalte gehen auf das Jahr 2018 zurück. Ausgereifte Analysen, welche die Verteilung der Vermögen in den Blick nehmen, fehlen gänzlich. „Es wäre wichtig, ein aktuelles Bild der Situation zu erhalten“, wirft AFI-Direktor Stefan Perini ein, „auch in Hinblick auf die Reformbestrebungen der Südtiroler Sozialbeihilfen sowie als Wissensgrundlage für das Armutsnetzwerk Südtirol.“

Bezirk: Bozen

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