Von: Sophia Molitor
Bozen – Die Beteiligung an der Befragung „Zukunft Familie“ zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Südtirol hat die Erwartungen weit übertroffen. 57 Prozent der Befragten haben von Schwierigkeiten bei der Betreuung während der Sommerferien berichtet, 41 Prozent von finanziellen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Elternzeit. Die Gruppe der Befragten ist sehr einheitlich. Vor allem Mütter haben auf die statistisch nicht repräsentative Befragung geantwortet. Die meisten von ihnen befinden sich in sozial und wirtschaftlich stabilen Verhältnissen, leben in einer Partnerschaft und haben eine gesicherte Wohnsituation. Gerade deshalb sind die aufgezeigten Probleme besonders relevant: Wenn selbst eine vergleichsweise gut abgesicherte Gruppe von konkreten Schwierigkeiten berichtet, deutet das auf strukturelle Schwachstellen hin, die inzwischen auch die Mittelschicht betreffen.
Forum Prävention und Thrive+ haben die Befragung durchgeführt, während Eurac Research die Daten ausgewertet und veröffentlicht hat. Der Bericht wurde bei der Tagung „Zukunft Familie 2026. Familie und Beruf vereinbaren: ein Gewinn für Familien, Wirtschaft und Gesellschaft“ vorgestellt, die in Zusammenarbeit mit den Organisationen Allianz für Familie und Stiftung Südtiroler Sparkasse organisiert wurde.
73 Prozent der befragten Mütter gaben an, dass sie nach der Mutterschaft oder Elternzeit wieder arbeiten wollten oder wollen. Doch nur ein kleiner Teil konnte dies ohne Einschränkungen tun. 41 Prozent der Befragten berichteten von finanziellen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Elternzeit. Hunderte Antworten auf offene Fragen beschreiben den Einkommensersatz von 30 Prozent des Gehalts während des Großteils der Elternzeit als deutlich zu niedrig – besonders, wenn Familien einen Kredit oder eine Miete bezahlen oder mehrere Kinder haben. Zudem fiel es 57 Prozent der Befragten schwer, die Betreuung ihrer Kinder während der langen Sommerferien zu organisieren. Die Qualität der Bildungs- und Betreuungsangebote wurde oft positiv bewertet, die angebotenen Betreuungszeiten lassen sich jedoch nur schwer mit den Arbeitszeiten vereinbaren.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist keine private und organisatorische Frage
Der Bericht “Zukunft Familie – Ein Blick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Südtirol“ kommt zu dem Schluss, dass sich die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht als private oder rein organisatorische Frage abtun lassen.
Die Befragung ist statistisch nicht repräsentativ. Auch die Homogenität der Befragten muss bei der Auswertung berücksichtigt werden: 72 Prozent ordnen sich der Mittelschicht zu. Die Ergebnisse spiegeln daher vor allem die Erfahrungen von Menschen wider, die sozial, wirtschaftlich und in Bezug auf ihre Wohnsituation nicht benachteiligt sind. „Wir können diese Ergebnisse nicht auf die gesamte Südtiroler Bevölkerung übertragen. Gerade wegen der Zusammensetzung der Gruppe sollten wir sie aber als Warnsignal verstehen“, sagt Alexandra Tomaselli, Sozialjuristin und Leiterin der Forschungsgruppe von Eurac Research, die die Daten ausgewertet hat. „Wenn schon Menschen aus einer vergleichsweise gut abgesicherten Gruppe so konkrete Schwierigkeiten schildern, spricht vieles dafür, dass das Unterstützungssystem für Familien deutliche Schwachstellen hat. Bei Familien mit weniger sozialen und finanziellen Ressourcen, einem niedrigeren Bildungsstand oder unsichereren Arbeitsverhältnissen dürften die Probleme noch ausgeprägter sein.“
Besonders benachteiligte Menschen lassen sich mit solchen Initiativen schwerer erreichen. Doch auch bei der Mittelschicht hatte das Befragungsteam nicht mit einer so großen Beteiligung gerechnet. „Die Resonanz auf die Befragung war beeindruckend. Die mehr als 1.000 persönlichen Kommentare gehen weit über die gestellten Fragen hinaus. Sie zeigen, wie sehr Familien das Bedürfnis haben, von ihren Erfahrungen zu erzählen und gehört zu werden“, sagen Christa Ladurner vom Forum Prävention und Julia Algrang von Thrive+.
Der vollständige Bericht kann kostenlos heruntergeladen werden.




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