Proteste der Lkw-Fahrer: Versorgungskrise weitet sich nach Norden aus – VIDEO

Venetien: Supermarktregale leer und Weihnachtgeschäft gefährdet

Donnerstag, 22. Oktober 2026 | 08:06 Uhr

Von: Martin Geier

Venedig/Rom – Süditalien wird seit fast zwei Wochen von einer Versorgungskrise gebeutelt. Der Mangel an Treibstoffen und Frischwaren ist die direkte Folge der seit Mitte Oktober stattfindenden Proteste und Straßenblockaden. Lkw-Fahrer und Landwirte demonstrieren auf nationaler und lokaler Ebene gegen die enorm gestiegenen Treibstoffpreise, insbesondere die extrem hohen Dieselkosten sowie gegen die stark gestiegenen Betriebskosten für Unternehmen.

Von dieser Ausnahmesituation, die bisher vor allem die Regionen Apulien, Basilikata, Kalabrien und Sizilien betrifft und zu leeren oder nahezu ausverkauften Supermarktregalen sowie geschlossenen Tankstellen führt, ist nun auch der Norden betroffen. Selbst in unserer Nachbarregion Venetien wird das Warenangebot immer karger, sodass sogar das Weihnachtgeschäft gefährdet scheint. Die Regierung verspricht den Bauern und Lkw-Fahrern massive Finanzhilfen, kündigt jedoch auch an, gegen streikende Lastwagenfahrer hart vorzugehen.

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Ein seit Mitte Oktober 2026 andauernder, unbefristeter Streik der italienischen Spediteure führt zu schweren Störungen in den Lieferketten Italiens. Der Protest richtet sich vor allem gegen die stark gestiegenen Kraftstoffpreise und hat in zahlreichen Regionen Italiens bereits zu leeren Regalen in den Supermärkten geführt.

Besonders betroffen ist der Süden des Landes. Die Regionen Kampanien, Apulien, Kalabrien und Sizilien sind das Epizentrum der Straßen- und Logistikblockaden. In den Supermärkten von Städten wie Palermo, Catania, Neapel, Caserta und Catanzaro fehlen inzwischen fast vollständig Frischwaren wie Obst, Gemüse, Milch, Milchprodukte, Fleisch und Fisch.

Zudem sind die Vorräte an Mineralwasser und grundlegenden Nahrungsmitteln wie Mehl und Pasta vielerorts komplett erschöpft. Aus Angst vor weiteren Engpässen haben viele Bürger in Städten und kleineren Ortschaften mit Hamsterkäufen begonnen. Dadurch wurden die Regale schlagartig leer – einerseits wegen der Panikkäufe, andererseits aufgrund der ausbleibenden Lieferungen.

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Aber auch in Mittel- und Norditalien machen sich die Folgen des Ausstands bemerkbar. In Regionen wie Latium und Venetien, insbesondere in den Provinzen Treviso und Verona sowie im Großraum Rom, kommt es zu erheblichen Lieferverzögerungen. Auf den Großmärkten ist die Anlieferung von Obst und Gemüse aus dem Süden um bis zu 70 Prozent zurückgegangen, sodass nun auch in Norditalien Lücken in den Frischwarenabteilungen entstehen. Darüber hinaus leidet die Lebensmittelindustrie unter dem Frachtstillstand.

Die Auswirkungen des italienweiten Streiks der Lkw-Fahrer sind auch in Venetien deutlich spürbar. Der Stillstand des Warenverkehrs aus Süditalien hat bereits dazu geführt, dass die Regale vieler Supermärkte in der Region leerer werden. Die Engpässe sind zwar nicht flächendeckend zu spüren, doch die ersten Anzeichen für logistische Probleme sind deutlich erkennbar. Inzwischen scheint sogar das Weihnachtgeschäft gefährdet.

„Wir verzeichnen derzeit einige vorübergehende Engpässe im Regal bei bestimmten Obst- und Gemüsesorten, hauptsächlich bei Trauben und Clementinen. Dies ist auf die jüngsten Lieferverzögerungen zurückzuführen“, teilt Despar Nord mit. „Wir haben unsere Kundinnen und Kunden umgehend durch entsprechende Hinweisschilder in den Filialen informiert und alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die Auswirkungen zu begrenzen. Wir hoffen, dass sich die Situation in den kommenden Tagen wieder normalisiert.“

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Doch die Vertriebsprobleme betreffen nicht nur den Lebensmittelhandel, sondern auch Kräuterläden, Bekleidungs- und Accessoiresgeschäfte. „Das Problem ist real und ernst“, erklärt Patrizio Bertin, Präsident des Handelsverbands Confcommercio Veneto. „Die Produkte aus dem Süden kommen nicht an. In einigen Fällen hat der Händler nur einen Teil der Lieferung erhalten, während der Verbleib des Rests völlig unklar ist. Betroffen sind vor allem Agrarprodukte und Nahrungsmittel, aber auch andere Waren, die für die Geschäfte bestimmt sind. So ist es kaum noch möglich, zu arbeiten. Die Planung ist schwierig. Und das alles passiert in der Vorweihnachtszeit, dem für den Handel wichtigsten Zeitraum des Jahres. Es herrscht große Unsicherheit, die das Einsortieren der Waren erschwert und zu Preiserhöhungen für die Verbraucher führen kann“, warnt Bertin. „Viele Produkte werden uns zu höheren Kosten erreichen. Es gibt keine Regeln mehr. Wir befinden uns im totalen Chaos. Ich habe das Ultimatum eines Lieferanten persönlich miterlebt: ‚Wir liefern gar nichts, wenn Sie uns nicht 50 Cent mehr pro Packstück zahlen.‘ Und dabei geht es um 100 Doppelzentner Mehl.“

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Bertin hat ein Notstandstreffen mit Händlern einberufen, die mit ähnlichen Forderungen konfrontiert wurden. Sie haben sich vorerst entschieden, die Preissteigerungen selbst abzufedern, ohne sie auf die Verbraucher abzuwälzen. „Das ist ein großer Kraftakt, den wir jedoch nicht mehr lange durchhalten können“, so der Präsident von Confcommercio Veneto abschließend. „Wir müssen das Personal und die immer höheren Energierechnungen bezahlen. Wir sind nicht in der Lage, unter Verlust zu verkaufen.“

Auch die Teigwarenhersteller leiden unter der Situation. „Wir kaufen Bio-Hartweizengrieß aus dem Süden. Da dieser überhaupt nicht mehr ankommt, waren wir gezwungen, diese Produktlinie durch andere zu ersetzen, die von Lieferanten aus Mittelitalien und einer Mühle aus Triest beliefert werden“, verrät Furio Bragagnolo, Präsident von Pasta Zara.

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„Jede Berufsgruppe hat das Recht, ihre Anliegen vorzubringen. Aber man muss aufpassen, dass der Unmut der Spediteure nicht zu einem massiven Problem für das gesamte Produktions- und Vertriebssystem wird. Andernfalls droht der Mangel an Produkten im Regal untragbar zu werden – zumal in Italien 80 Prozent der Waren auf der Straße transportiert werden. Wir dämmen die Schäden derzeit ein, aber das werden wir nicht länger als 72 Stunden schaffen.“ Auch andere große Pasta-Hersteller wie Rummo und La Molisana mussten ihre Produktion drosseln oder sogar vorübergehend aussetzen, da wichtige Rohstoffe in den Häfen oder an blockierten Autobahnknotenpunkten feststecken.

Um die Wogen zu glätten, hat das italienische Verkehrsministerium die sofortige Freigabe von Finanzmitteln in Höhe von 480 Millionen Euro zugesagt. Diese sind Teil eines Gesamtpakets von über einer Milliarde Euro für den Transportsektor. Obwohl einige Gewerkschaftsverbände den Ausstand daraufhin offiziell ausgesetzt haben, setzen viele kleine lokale Interessensvertreter der Lkw-Fahrer und spontane Protestgruppen ihre Aktionen unbefristet fort.

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Zwischen Lkw-Fahrern, die nach der Zusage der Regierung den Streik beendeten, und solchen, die ihn fortsetzten, kam es bereits zu Gewalttaten. Im Zuge der Mahnwachen und Straßenblockaden, die sich vor allem auf die Logistikknotenpunkte in Kampanien und Süditalien konzentrieren, wurden zahlreiche Akte von Sabotage und Einschüchterung gemeldet. Einige radikale Gruppen von Demonstranten haben die Reifen von Lkws aufgeschlitzt oder durchstochen, deren Fahrer sich nicht am Streik beteiligen wollten. Dadurch wurden diese Fahrer de facto gezwungen, auf Rastplätzen und Autohöfen zu bleiben.

Die Ordnungskräfte gehen daher nun hart gegen streikende Lastwagenfahrer vor. Doch die Staatspolizei, die eingegriffen hat, um die illegalen Blockaden zu räumen und den Warenfluss wieder in Gang zu bringen, stehen jetzt vor konkreten logistischen Problemen. Viele der fahruntüchtigen Lkw können aufgrund der zerschnittenen Reifen weder abgeschleppt noch wegbewegt werden. Zahlreiche Lkw-Fahrer befinden sich dadurch in einer misslichen Lage: Einerseits sind sie Opfer von Gewalt geworden, andererseits sind sie völlig unverschuldet daran gehindert, ihre Fahrt fortzusetzen.

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Angesichts dieser eskalierenden Spannungen sowie der begangenen Straftaten, darunter Straßenblockaden und Sachbeschädigungen, hat das Innenministerium die Kontrollen deutlich verstärkt. In diesem Zusammenhang wurden bereits über 1 300 Lkw-Fahrer identifiziert und etliche Strafanzeigen ausgestellt. Zudem hat die Polizei in den letzten Stunden damit begonnen, gezielte Geleitzüge und Begleitschutzeinsätze für Lkw-Konvois zu organisieren, die Medikamente und leicht verderbliche Waren transportieren.

Die römische Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hofft, der insbesondere in Süditalien bereits prekären Versorgungslage mithilfe finanzieller Hilfen für Spediteure sowie durch hartes Durchgreifen Herr zu werden. Doch wegen der weiterhin hohen Treibstoffpreise, die die Existenz von Lkw-Unternehmen und bäuerlichen Betrieben gefährden, bleibt das Grundproblem ungelöst.

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