Bozen - Mehr Daten, mehr Tests, mehr digitale Gesundheitsinformationen: Bei einer Fachtagung in Bozen haben Experten vor den Grenzen moderner Diagnoseverfahren gewarnt. Entscheidend seien der tatsächliche Nutzen für die Patienten und das persönliche Gespräch mit dem Arzt. Wie sinnvoll sind Gentests, Biomarker und künstliche Intelligenz in der Medizin? Mit dieser Frage haben sich Experten bei den Institutsgesprächen 2026 des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen beschäftigt. Die zweisprachige Fortbildungsveranstaltung fand am 9. Oktober an der Claudiana unter dem Motto „Personalisierte Allgemeinmedizin – Therapie nach Maß“ statt. Die zentrale Botschaft: Technische Möglichkeiten allein garantieren keine bessere Behandlung. Gesundheitslandesrat Hubert Messner eröffnete die Veranstaltung und unterstrich die Bedeutung der Allgemeinmedizin. Angesichts immer umfangreicherer diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten komme es darauf an, diese gezielt auf den einzelnen Menschen abzustimmen. Auffällige Befunde bedeuten nicht automatisch Krankheit Der Allgemeinmediziner Norbert Donner-Banzhoff zeigte auf, dass zusätzliche Untersuchungen nicht zwangsläufig mehr Sicherheit bringen. Eine US-amerikanische Studie ergab, dass bei 19 bis 56 Prozent der untersuchten 50- bis 90-Jährigen im MRT Meniskusschäden festgestellt wurden. 61 Prozent der Betroffenen hatten im Monat zuvor keine Beschwerden. Solche Zufallsbefunde können unnötige Sorgen auslösen und weitere Untersuchungen nach sich ziehen. Neben technischen Ergebnissen müssten deshalb auch die Krankengeschichte, die ärztliche Einschätzung und der Verlauf berücksichtigt werden. Gentests müssen einen konkreten Nutzen haben Christian Wiedermann, Public-Health-Forscher am Bozner Institut, verwies auf die Grenzen verschiedener Tests zur Gesundheitsvorsorge. Entscheidend sei nicht nur, ob ein Verfahren zuverlässig Werte misst oder Risiken vorhersagt, sondern ob es nachweislich zu besseren gesundheitlichen Entscheidungen führt. Während die einmalige Bestimmung des Blutfetts Lipoprotein(a) bei bestimmten Risikokonstellationen von mehreren Fachgesellschaften empfohlen wird, seien genetische Risikoscores, Tests zum sogenannten biologischen Alter und Bluttests zur gleichzeitigen Erkennung mehrerer Krebsarten noch nicht ausreichend geprüft. Bei direkt vermarkteten Gentests hätten sich in Studien zudem bis zu 40 Prozent der Befunde zu seltenen Genvarianten klinisch nicht bestätigen lassen. Zuhören schafft Vertrauen Auch die ethischen und sozialen Folgen kommerzieller Vorhersagetests standen im Mittelpunkt. Sara Farina von der Università Cattolica del Sacro Cuore in Rom betonte, dass Patienten die Aussagekraft und Grenzen solcher Ergebnisse verstehen müssten. Privat finanzierte Angebote könnten zudem bestehende Unterschiede beim Zugang zur Vorsorge verstärken. Der Kommunikationsexperte Stefano Durante hob die Bedeutung des persönlichen Gesprächs hervor. Patienten kämen zunehmend mit Informationen aus sozialen Medien, KI-Antworten oder selbst erworbenen Testergebnissen in die Arztpraxis. Wichtig sei, ihre Sorgen ernst zu nehmen, diagnostische Grenzen verständlich zu erklären und Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Die Präsidentin des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen, Doris Hager-Prainsack, unterstrich, dass personalisierte Medizin nicht bedeute, möglichst viele Werte zu erheben. Vielmehr müsse gemeinsam mit den Patienten entschieden werden, welche Untersuchungen tatsächlich weiterhelfen. Das Institut wirbt deshalb mit seiner Initiative „12 Tipps für eine erfolgreiche ärztliche Visite“ für eine bessere Vorbereitung auf Arztbesuche. Patienten sollen ihre Beschwerden, Ängste und eigenen Vermutungen offen ansprechen, bei Unklarheiten nachfragen und den Arzt über den Therapieverlauf informieren. Gute medizinische Versorgung entstehe dort, wo fachliche Expertise und die Erfahrungen der Patienten zusammenkommen.