Von: ka
Bozen – Wochenlang eilte Jannik Sinner von Sieg zu Sieg und erreichte dabei Rekorde, die vor ihm kein anderer Tennischampion erreicht hatte. Nach den meisten errungenen Siegen – 29 Siege in 71 Tagen – und den meisten gewonnenen Masters 1000 hintereinander – Paris, Indian Wells, Miami, Monte Carlo, Madrid und Rom – glaubte niemand ernsthaft daran, dass ihm jemand den einzigen noch fehlenden Slam-Titel streitig machen könnte: Roland Garros, die French Open.

Doch die Zuschauer wurden Zeugen eines unerwarteten Erschöpfungsdramas. Jannik, der als Topfavorit nach Paris gereist war und dem nur ein Game zum nächsten Sieg fehlte, brach im dritten Satz völlig ein. Er blieb zwar auf dem Platz, war durch seine sichtliche Erschöpfung aber nur noch ein Schatten seiner selbst.

Erste Anzeichen einer Schwäche gab es bereits vor Wochen, denn er hatte seit Anfang März praktisch ununterbrochen Turniere bestritten und kam immer ins Finale, sodass er so viele Spiele in den Beinen hatte wie kein anderer. Janniks „Lust auf Tennis” und sein Ehrgeiz, es seinen großen Vorbildern wie Roger Federer gleichzutun, veranlassten ihn vielleicht, die Signale seines Körpers zu überhören. Hinzu kam der Wunsch seiner Fans und nicht zuletzt seiner Sponsoren, ihn so oft wie möglich spielen und siegen zu sehen.

Im Nachhinein ist es leicht zu sagen, aber der fatale Einbruch in Paris war vermutlich unvermeidlich. Doch vielleicht war dieser heftige und unerwartete Stopp rettend, da er die Gesundheit bewahrt und die Karriere verlängert hat. Die Gefahr ist das Burnout-Syndrom, ein Zustand körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung, der durch anhaltenden und schlecht bewältigten Stress verursacht wird.

Jannik Sinner muss noch sein ganz persönliches Rätsel lösen und mal abschalten. „Ich brauche Zeit, um zu verarbeiten, was passiert ist. Dann muss ich natürlich für Wimbledon trainieren“, sagt er. Er glaubte, sich selbst zu kennen, aber dem war nicht so. „Das Problem bin ich“ ist das Zeichen eines Neubeginns. Alles hat seine Zeit, und auch die von Jannik Sinner wird wiederkommen.

Sinners Erschöpfungsdrama ist jedoch auch eine Lektion für uns. Viele von uns leisten aus Pflichtgefühl, Fleiß, Erfolgsdruck und Ehrgeiz viel mehr, als uns guttut. Im Urlaub, der eigentlich der Erholung dienen sollte, herrscht dann wiederum Stress, weil möglichst viele Instagram-Spots abgeklappert werden müssen, um sie anschließend den Kollegen und Liebsten stolz präsentieren zu können. Doch das „Müssen“ und der Drang, die Erwartungen aller zu erfüllen, treiben uns früher oder später in ein schwarzes Loch. Denn körperlichen und mentalen Raubbau verzeiht kein Körper. Lass uns auf einen Berg gehen oder ans Meer fahren und einfach mal die Seele baumeln lassen!




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