Die Suche nach Opfern geht weiter

Todeszahl in Venezuela steigt nach Erdbeben auf fast 2.300

Mittwoch, 01. Juli 2026 | 21:07 Uhr

Von: APA/AFP/Reuters/dpa

In Folge der zwei Erdbeben in Venezuela sind mittlerweile fast 2.300 Personen gestorben. Das teilte der Parlamentspräsident Jorge Rodríguez am Mittwoch in einer Fernsehansprache mit. Nach Behördenangaben wurden zudem 11.267 Menschen verletzt. Rund 26.400 Menschen seien direkt von der Katastrophe betroffen, darunter Verletzte, psychisch Belastete sowie Menschen, deren Wohnungen zerstört oder schwer beschädigt wurden.

Die Rettungsarbeiten gehen indes weiter. Nach Angaben von Rodríguez wurden bisher 6.461 Menschen lebend aus den Trümmern gerettet. Mehr als 26.000 Einsatzkräfte sowie über 17.000 Freiwillige seien derzeit in den betroffenen Gebieten im Einsatz. Die Suche nach Überlebenden werde fortgesetzt, auch wenn die Chancen nach einer Woche zunehmend sinken.

Seit dem Doppelbeben der Stärke 7,2 und 7,5 am 24. Juni wurden nach offiziellen Angaben 782 Nachbeben registriert. Deren Häufigkeit und Stärke nehme zwar ab, die Gefahr eines weiteren starken Bebens sei jedoch noch nicht vollständig verschwunden.

Siebentägige Staatstrauer

Die Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez ordnete wegen der Opfer eine siebentägige Staatstrauer an und sprach den Angehörigen ihr Beileid aus. Zugleich reißt die Kritik an ihrem Krisenmanagement nicht ab. Sie war zuletzt bei einem öffentlichen Auftritt ausgebuht worden und geriet wegen ihres Auftretens während der Katastrophe in sozialen Netzwerken zunehmend unter Druck.

Dreijähriger in Caracas geborgen

Fachleuten zufolge sind die ersten 72 Stunden nach einer Naturkatastrophe entscheidend, um noch Überlebende zu finden. Ganze sechs Tage nach dem Beben hatten jordanische Rettungskräfte am Dienstag noch einen Dreijährigen lebend aus den Trümmern in Caracas geborgen. Der Bub habe vor Ort Erste Hilfe erhalten und sei in ein Krankenhaus gebracht worden, teilte der jordanische Zivilschutz mit.

In Venezuela trafen viele Such- und Rettungsteams erst nach Ablauf des kritischen Zeitfensters im Erdbebengebiet ein. “Wir sind sehr spät dran, aber unser Ziel ist es, weiter Leben zu retten”, sagte der spanische Helfer Luis Arteaga Benatuil am Mittwoch nach seiner Ankunft in Venezuela.

Suche “mit bloßen Händen”

Viele Menschen suchen immer noch ohne professionelle Hilfe oder Ausrüstung nach Verschütteten. Der 37-jährige Darvin Silva versuchte tagelang vergeblich, seine Mutter zu retten, die schließlich in einem eingestürzten Gebäude starb. Er habe “mit bloßen Händen, mit Vorschlaghämmern, mit Spitzhacken” gegraben, berichtete er. Außenstehende könnten sich das “nicht einmal ansatzweise vorstellen”.

In der besonders schlimm betroffenen Küstenstadt La Guaira suchen auch viele Menschen in der Leichenhalle nach vermissten Angehörigen. “Man hat mir gesagt, dass meine Schwester und ihre Kinder hier sind und die Kinder meines Bruders”, sagt Wilker Molalla, der gekommen ist, um die Leichen zu identifizieren. “In meinem Haushalt lebten elf Menschen. Nur zwei von uns haben überlebt, weil wir bei der Arbeit waren.”

PAHO: Höheres Risiko von Krankheitsausbrüchen

Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) warnte angesichts der Lage vor einer Verschärfung der Gesundheitskrise. Wegen überlasteter Krankenhäuser, beschädigter Wasser- und Sanitärsysteme sowie unterbrochener Impfprogramme steige das Risiko von Krankheitsausbrüchen, teilte die PAHO mit.

Nach Angaben der Organisation benötigen Hunderttausende Menschen weiterhin medizinische Hilfe. Die PAHO rief deshalb zu internationaler Unterstützung in Höhe von 24 Millionen US-Dollar auf. Mit dem Geld sollen in den kommenden sechs Monaten unter anderem Medikamente und Impfstoffe beschafft sowie die Gesundheitsversorgung in den am stärksten betroffenen Regionen stabilisiert werden.

US-Militär mit großem Hilfseinsatz

Das US-Militär ist indes mit einem großen Aufgebot in und um Venezuela im Einsatz, um Hilfe zu leisten. Mehr als 900 Einsatzkräfte seien im Land und weitere rund 800 auf Stützpunkten in Puerto Rico und Curacao, sagte der Befehlshaber des US-Südkommandos, General Francis Donovan, am Dienstag. Die US-Streitkräfte hätten sich an Such- und Rettungsaktionen beteiligt, bei der Wiederinbetriebnahme des Flughafens geholfen und Luft- und Seetransporte für humanitäre Hilfe mobilisiert.

Der Einsatz markiert eine bemerkenswerte Wende in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Noch am 3. Jänner hatte das US-Militär eine Razzia durchgeführt, um den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro zu ergreifen und ihn für einen Prozess wegen Drogenhandels nach New York zu bringen. “Der 3. Jänner ist noch nicht so lange her. Und man muss sich nur ansehen, wie sich diese Beziehung gewandelt hat”, sagte Donovan. Zuletzt tötete das US-Militär in Abstimmung mit den venezolanischen Behörden den Anführer der Gefängnisbande “Tren de Aragua”. Donovan lehnte es ab, über die Dauer des Einsatzes zu spekulieren. Es gebe jedoch keine Pläne für einen dauerhaften Einsatz der entsandten Truppen.

Österreich stellte 500.000 Euro bereit

Die österreichische Bundesregierung hat am Mittwoch in einem Ministerratsbeschluss die Unterstützung des Katastrophenhilfe-Notfallfonds (Disaster Relief Emergency Fund, DREF) der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) mit 500.000 Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds abgesegnet. Das berichtete das österreichische Rote Kreuz in einer Aussendung. Damit könne die Rotkreuz-Hilfe rasch anlaufen “und unsere Kolleginnen und Kollegen ihren lebensrettenden Einsatz fortsetzen”, bedankte sich Rotkreuz-Generalsekretär Michael Opriesnig. Auch “jede Spende hilft”. 3.000 freiwillige Kolleginnen und Kollegen des Venezolanischen Roten Kreuzes seien im Einsatz, um Leben zu retten.

Das Nothilfe-Team von Malteser International ist am Wochenende ebenfalls im Krisengebiet angekommen und hat die Arbeit aufgenommen, berichtete die Organisation in Österreich per Aussendung. “Die Lage vor Ort ist katastrophal. Die Stille, die über den zerstörten Häusern liegt, bewegt mich sehr. Es gibt zu wenige Krankenwagen und die Verletzten werden teils notdürftig auf Motorrädern in nahegelegene Krankenhäuser gebracht. Es fehlen insbesondere medizinische Notfallausrüstung, Medikamente und Material für die Traumaversorgung”, berichtete Jonas Jung, Nothilfekoordinator bei Malteser International aus La Guaira.

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