Von: Sophia Molitor
Mailand – Silvio Garattini ist Arzt, Pharmakologe und Wissenschaftler. Er beriet die Weltgesundheitsorganisation (WHO), leitete die Forschungskommission der italienischen Arzneimittelagentur AIFA und gründete das unabhängige Forschungsinstitut Mario Negri in Mailand. Er warnt vor unnötigen Medikamenten, kritisiert wirtschaftliche Interessen im Gesundheitswesen und setzt auf Prävention. Während der Corona-Pandemie unterstützte er die Impfungen, forderte zugleich aber mehr Transparenz von der Pharmaindustrie. Nun richtet er seine Aufmerksamkeit erneut auf ein gesellschaftlich sensibles Thema: Alkohol. Sein Appell gegen Wein wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie gehen wir mit Gesundheit um, wenn Wissenschaft, Politik und wirtschaftliche Interessen aufeinandertreffen?
In seinem am 21. Oktober veröffentlichten Beitrag kritisiert Garattini den gesellschaftlich selbstverständlichen Umgang mit Alkohol. Wer zu einer Einladung eine Flasche Wein mitbringe, verschenke ein Produkt, dessen Konsum das Krebsrisiko erhöhe. Stattdessen empfiehlt er Blumen, Bücher oder Schokolade. Alkohol müsse ähnlich ernst genommen werden wie Tabak.
Die wissenschaftliche Grundlage, die er beifügt ist folgende: Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der WHO, stuft Alkohol als krebserregend für den Menschen ein. Belegt sind Zusammenhänge mit mindestens sieben Krebsarten, darunter Brust-, Darm-, Leber- und Speiseröhrenkrebs. Auch geringe Mengen sind nicht vollständig risikofrei; grundsätzlich steigt das Risiko mit der konsumierten Menge.
Doch Garattini geht es nicht allein um die gesundheitlichen Folgen. Während Zigaretten mit Warnhinweisen versehen sind, wird Wein häufig mit Geselligkeit, Lebensfreude und kultureller Identität verbunden. Eine Flasche Wein als Gastgeschenk gilt als Zeichen der Wertschätzung, kaum jemand denkt dabei an mögliche Gesundheitsrisiken.
Darin sieht Garattini auch einen wirtschaftlichen Konflikt: Der Markt für alkoholische Getränke setze jährlich mehr als 50 Milliarden Euro um. Die wirtschaftliche Bedeutung der Branche und die tief verwurzelte Weinkultur, vor allem in Italien, erschwerten aus seiner Sicht eine konsequente gesundheitspolitische Kommunikation.
Ein Pharmakologe, der vor Medikamenten warnt
Garattinis Kritik am Alkohol fügt sich in sein umfassenderes Verständnis von Gesundheit ein. Obwohl er sein Berufsleben der Pharmakologie gewidmet hat, betrachtet er Medikamente nicht als erste Antwort auf jedes Problem. Prävention, Bewegung, ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf sind für ihn zentrale Voraussetzungen für Gesundheit. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass ein Gesetz zustande kam, dass einen Beitrag in Höhe von fünf Prozent der Werbeausgaben der Pharmaunternehmen vor sah, der unter anderem unabhängige Arzneimittelforschung finanzieren sollte. Er schlug unter anderem vor, eine Stunde Gesundheitsunterricht pro Woche in allen Schulklassen einzuführen, denn Prävention sei für die Gesellschaft entscheidend, auch wenn es für den Markt weniger attraktiv ist. “Prävention bringt keinen Umsatz”, betont der Pharmakologe.
Zugleich kritisiert er einen Arzneimittelmarkt, in dem neue, teure Präparate nicht zwangsläufig einen größeren therapeutischen Nutzen bieten als ältere, günstigere Medikamente. Sein Institut verzichtet bewusst auf Patente. Homöopathie hingegen lehnt er mangels überzeugender wissenschaftlicher Belege für eine Wirksamkeit ab. Für Garattini müssen medizinische Behandlungen ihren Wirksamkeit nachweisen – unabhängig davon, ob sie aus natürlichen oder synthetischen Quellen stammen.
Natur gegen Syntetik – ein unnötiger Gegensatz?
Diese Spannung spiegelt sich in der Gesellschaft wider. Auf der einen Seite stehen Menschen, die möglichst natürlich leben, Medikamente skeptisch betrachten und auf Ernährung, Bewegung oder pflanzliche Produkte setzen. Auf der anderen Seite stehen jene, die vor allem auf medizinische Technologien und pharmazeutische Lösungen vertrauen. Nicht selten werden beide Positionen zu unversöhnlichen Weltanschauungen.
Dabei ist weder alles Natürliche automatisch gesund noch alles Synthetische grundsätzlich schädlich. Auch natürliche Substanzen können giftig sein oder Wechselwirkungen verursachen. Umgekehrt können synthetisch hergestellte Medikamente in manchen Fällen wirklich lebensrettend sein.
Garattinis Grundgedanke ist ein interessanter Ansatz um mit dem Thema umgehen zu können: “So viel Natur wie möglich, so viel Synthetik wie nötig.”
Dasselbe Prinzip lässt sich auf den Umgang mit Alkohol übertragen. Die wissenschaftlich belegte Krebsgefahr sollte, laut dem Wissenschaftler nicht geleugnet werden, um zugleich anzuerkennen, dass Wein für viele Menschen mit Genuss, Geselligkeit und kultureller Bedeutung verbunden ist, denn die gesundheitlichen Risiken verschwinden dadurch nicht.
Gesundheitspolitik muss, laut Garattini, wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nehmen und darf wirtschaftliche Interessen nicht über den Schutz der Bevölkerung stellen. Garattinis Warnung vor Wein erinnert aber auch daran, wie leicht gesellschaftliche Gewohnheiten Risiken in den Hintergrund drängen können.
Die Herausforderung besteht deshalb darin, den richtigen Umgang mit der eigenen Gesundheit zu finden und ein Bewusstsein für den eigenen Körper zu entwickeln, ohne dabei in einen ständigen Gegensatz zwischen Natur und Technik, Verzicht und Genuss zu verfallen – und zugleich im Blick zu behalten, dass der Markt aus jeder Unsicherheit häufig ein neues Produkt macht.




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