Von: Matthias Knapp
Pescara del Tronto – Nach der schweren Erdbebenserie vor zehn Jahren, die sein Dorf ausgelöscht hat, lebt der 28-jährige Giuseppe Filotei noch immer in einer Behelfsunterkunft und hilft im landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern mit. Im Gegensatz zu vielen anderen jungen Erwachsenen weigert er sich jedoch, seine Heimat zu verlassen.
Zehn Jahre sind vergangen – doch in vielen Ortschaften im Grenzgebiet der Regionen Latium, Umbrien und den Marken ist die Erinnerung an die Nacht des 24. August 2016 noch immer lebendig. Vor allem die Stadt Amatrice sorgte damals für Schlagzeilen. Der schwere Erdstoß erreichte eine Magnitude zwischen 6,0 und 6,2 und zerstörte große Teile des historischen Zentrums. Das italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) bezeichnete das Beben als das verheerendste Erdbeben in Italien der vergangenen 100 Jahre.
Auch Pescara del Tronto, eine Fraktion von Arquata del Tronto in der Provinz Ascoli Piceno, wurde durch die Erdebenserie völlig zerstört. Bei den starken Hauptbeben am 24. August 2016, am 26. Oktober 2016 und am 30. Oktober 2016 gab es schwere Schäden in zahlreichen Gemeinden von den Monti Sibillini bis zu den Monti della Laga.
Jahr für Jahr verlassen Familien und junge Menschen die Gegend endgültig. Sie suchen anderswo Arbeit, bessere Perspektiven oder einfach einen Ort, an dem ihr Leben wieder ohne Baustellen stattfinden kann – mit Ausnahme von Giuseppe.
Er war damals eben erst volljährig. Auf die Frage, wie er die vergangenen zehn Jahre erlebt hat, meint er nur lächelnd: „Viele Versprechen und wenig Taten, mehr unnütze Worte.“ Die Situation sei immer noch dieselbe, erklärt er gegenüber der Nachrichtenagentur Ansa. „Doch wir geben nicht auf.“
Seine Eltern beschäftigen sich mit der Aufzucht von Ziegen und Schafen, Giuseppe hilft dabei fleißig mit. Beliefert wird die Metzgerei in Arquata del Tronto. Seine Schwester hat hingegen vor fünf Jahren ihr Heimatdorf verlassen. „Ich fühle mich diesem Ort verbunden, ich bin hier geboren und ich wollte nicht wegziehen. Die Hoffnung stirbt zuletzt“, erklärt der 28-Jährige laut Ansa.
In der Nacht des Erdstoßes ist niemand seiner Angehörigen ums Leben gekommen. Aber er habe Freunde verloren – und vor allem einen wichtigen Teil seiner Jugend. „Die besten Jahre, die wir noch vor uns hatten, wurden uns gestohlen. Früher war hier alles voller Leute. Vor allem Römer kamen hierher, viele davon waren Freunde. Mittlerweile kehren sie nicht mehr zurück, da sie nicht wissen, wo sie bleiben könnten“, erklärt Giuseppe.
Das Erdbeben hat auch das Haus seiner Eltern zerstört. Seit zehn Jahren blickt er auf das zerstörte Dorf. „Nach so langer Zeit gewöhnt man sich fast daran. Aber es ist nicht normal und so etwas sollte niemandem zustoßen“, erklärt Giuseppe.
In seinem Heimatdorf zu leben, heißt auch, mit der Einsamkeit zurechtzukommen. Für einen jungen Mann im Alter von 28 Jahren ist das nicht einfach. Giuseppe möchte gern eine Familie gründen, doch er gibt zu, dass es unter diesen Umständen nicht gerade einfach ist, eine Freundin zu finden.
„Viele in meinem Alter sind weggezogen und nicht mehr zurückgekehrt“, berichtet er. Auf die Frage, ob er glücklich ist, meint er mit bitterem Lächeln: „Sagen wir, ich bin es zur Hälfte. Es ist nicht einfach, jeden Morgen aufzustehen und nicht im eigenen Haus zu sein.“ Trotzdem macht er weiter und hält den Herausforderungen stand. „Ich hoffe, dass ich hier meine Zukunft finde“, betont er laut Ansa. Nach zehn Jahren hält er immer noch an dem Glauben fest, dass seine Heimat zu neuem Leben erblühen kann und dass Menschen hierher zurückkehren.




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