Die Erinnerung an Maos Tod im heutigen China

Das Foto, das italienische Mediengeschichte schrieb und Zensurgrenzen durchbrach

Freitag, 30. Oktober 2026 | 08:17 Uhr

Von: Sophia Molitor

Als der chinesische Machthaber Mao Zedong 1976 starb, hielt der junge ANSA-Korrespondent Pier Luigi Zanatta einen historischen Moment fest. Seine Geschichte zeigte, wie viel Leidenschaft, Mut und persönlicher Einsatz der Journalismus damals erforderte. Fünf Jahrzehnte später ist Mao in China noch immer präsent – nicht nur durch sein monumentales Porträt am Tiananmen-Platz, sondern auch durch eine wachsende Mao-Nostalgie, die insbesondere mit den sozialen und wirtschaftlichen Sorgen mancher junger Menschen in Verbindung gebracht wird. Während China unter Xi Jinping längst zu einer globalen Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist, greifen Teile der Bevölkerung auf die vermeintlich egalitärere Vergangenheit zurück. Um China von heute zu verstehen, lohnt sich deshalb auch der Blick auf jenen historischen Moment, in dem die italienischen Medien mit Maos Tod Geschichte schrieben, jenseits der Grenzen der Zensur.

Der damals 27-jährige italienische Journalist Pier Luigi Zanatta war seit gut einem Jahr Korrespondent der Nachrichtenagentur ANSA in China. Obwohl er nach einer durchgearbeiteten Nacht eigentlich schlafen sollte, schickte ihn seine Chefin Ada Princigalli noch einmal ins Stadtzentrum: „Geh, mach etwas”, forderte sie ihn auf.

Auf dem Tiananmen-Platz schaffte der Reporter es zwei Jugendliche, die sich vor dem Trauerporträt Mao Zedongs verneigten, zu fotografieren. Das Bild verbreitete sich später im Westen und wurde zu einer einmaligen historischen Aufnahme. Zanatta entwickelte das Foto in seinem Badezimmer, da es ausländischen Journalisten in China nicht erlaubt war, Fotos frei zu entwickeln und zu verbreiten. Leider konnte das Foto nicht rechtzeitig trocknen, also beschloss er es auf die Scheibenwischer seines Autos zu legen und fuhr damit quer durch Peking zum Bahnhof, von wo aus die Aufnahme weitergeschickt werden konnte.

Bereits in der Nacht vor der offiziellen Bekanntgabe von Maos Tod hatte Zanatta eine brisante Information erhalten. Der Politikwissenschaftler Edward Luttwak, der einer US-Delegation in Peking angehörte, vertraute ihm an, dass Mao Zedong gestorben war. Der chinesische Machthaber war in Geheimdienstkreisen unter dem Codenamen „Blue Marlin“ bekannt.

Luttwak warnte Zanatta jedoch davor, die Nachricht vorzeitig zu veröffentlichen. Nachdem eine verfrühte Meldung über den Tod die chinesische Führung verärgern würde. Er hielt sich daran und verzichtete damit auf einen möglichen Exklusivbericht.

Zanattas Geschichte erinnert an eine Zeit, in der internationale Berichterstattung oft mit erheblichem persönlichem Einsatz verbunden war. Es gab keine Smartphones, keine unmittelbaren Übertragungen über das Internet und keine Möglichkeit, ein Bild mit wenigen Klicks an eine Redaktion zu senden. Wer berichten wollte, musste vor Ort sein, beobachten, Kontakte pflegen, Risiken einschätzen und die Informationen auf oft umständlichen Wegen nach Hause bringen.

Fünf Jahrzehnte später: Mao bleibt präsent

Am 9. September 2026 jährte sich Maos Tod zum 50. Mal. Seit 1976 hat sich China grundlegend verändert und aus einem vergleichsweise armen und international isolierten Land ist eine der größten Volkswirtschaften der Welt geworden. Doch Mao ist auch in der heutigen Entwicklung Chinas noch immer präsent, sein Porträt hängt weiterhin über dem Tiananmen-Platz und die heutige Führung unter Xi Jinping hält noch immer an einer widersprüchlichen Bewertung seines Erbes fest. Am 22. Oktober, anlässlich des 90. Jahrestags des Endes des Langen Marsches würdigte Staats- und Parteichef Xi Jinping Mao als einen der Revolutionäre, die diesen historischen Erfolg ermöglicht hätten. Zugleich erklärte er, der Lange Marsch sei nicht abgeschlossen: China müsse auf seinem heutigen Weg die nationale Wiedergeburt vorantreiben, wirtschaftliche Entwicklung mit Sicherheit verbinden und sich den Herausforderungen der Gegenwart stellen. Er rief dazu auf, sich enger um die Parteiführung zu kümmern und den „neuen Langen Marsch“ gemeinsam fortzusetzen. Damit machte Xi deutlich, wie die heutige Führung die revolutionäre Vergangenheit als Legitimation für ihren politischen Kurs und ihren Anspruch auf Geschlossenheit nutzt.

Gleichzeitig wächst bei Teilen der jungen Bevölkerung die Nostalgie für den damaligen Machthaber. Für manche steht Mao für die Vorstellung einer gerechteren Gesellschaft, in der soziale Unterschiede geringer gewesen seien. Für andere geraten dadurch die Folgen die seine Politik hatten in den Hintergrund: Der Maßnahme, mit der Mao die Landwirtschaft kollektivieren und die Industrialisierung beschleunigen wollte, führte zu einer verheerenden Hungersnot, der Schätzungen zufolge mehrere zehn Millionen Menschen zum Opfer fielen. Während der Kulturrevolution wurden Millionen Menschen verfolgt, gedemütigt und ihrer Lebensgrundlage beraubt. Auch politische Gewalt und die Zerstörung bedeutender Teile des chinesischen Kulturerbes prägten diese Zeit.

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