Europas höchste Straße führt zu Kritik im Alpentourismus

Gehören Motorräder auf 3.000 Meter?

Donnerstag, 30. Juli 2026 | 07:23 Uhr

Von: Sophia Molitor

Bardonecchia – Im Rochemolles-Tal oberhalb von Bardonecchia im Piemont verläuft mit der Sommelier-Straße eine der höchstgelegenen Straßen Europas. Sie führt auf den Sommelier-Hügel und gilt als eindrucksvolle Route für Hochgebirgswanderungen auf rund 3.000 Metern Höhe.

Für viele Einheimische ist sie jedoch längst auch ein Sinnbild des Wandels in den Alpen. Der Grund dafür ist nicht nur der einstige Gletscher, der inzwischen vollständig verschwunden ist. Auch die zahlreichen Motorräder und Geländewagen, überwiegend mit ausländischen Kennzeichen, die die Strecke regelmäßig befahren, sorgen mit Lärm, Abgasen und dichtem Verkehr für Kritik.

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Für viele Einheimische und Naturschützer wirkt dieser motorisierte Zufluss in der hochalpinen Landschaft beeinträchtigend und wirft die Frage auf, warum solche Strecken in Italien weiterhin für den motorisierten Verkehr geöffnet sind, während sie in anderen Ländern längst streng reglementiert werden.

Aktuell ist die Durchfahrt mit Motorfahrzeugen vom 1. Juli bis zum 30. September jeden Dienstag und Donnerstag verboten. An den übrigen Tagen ist die Durchfahrt von 8.30 bis 18.00 Uhr gegen eine Mautgebühr von zehn Euro pro Fahrzeug erlaubt.

Die Sommelier-Straße entstand Anfang der 1960er-Jahre, um das damalige Sommerskigebiet auf dem Gletscher zu erreichen. Für den Ausbau der unbefestigten Strecke bis zum Sommelier-Hügel erwarb die damalige Betreibergesellschaft einen Fiat-FL8-Radlader. Dass ausgerechnet ein Baufahrzeug des Turiner Automobilherstellers Fiat zum Einsatz kam, verweist zugleich auf die lange industrielle Tradition des Piemonts als Zentrum der Automobilindustrie.

Mit der Stilllegung und dem schrittweisen Rückbau der Liftanlagen Anfang der 1980er-Jahre verlor die Straße zwar ihren ursprünglichen Zweck, blieb jedoch bestehen. Anstatt sie in einen hochalpinen Wanderweg umzuwandeln, wurde sie weiterhin für den motorisierten Verkehr offengehalten. Dadurch entwickelte sie sich zu einem beliebten Ziel für Motorrad- und Geländewagenfahrer. Seit mehr als 50 Jahren findet am Sommelier-Hügel zudem das internationale Motorradtreffen „Raid Stella Alpina” statt.

Wie soll unberührte Natur erlebt werden?

Das Gebiet ist vor allem für seine unberührte Natur bekannt: klare Bergluft, überwältigende Stille, das Plätschern des Wassers und das sanfte Rauschen des Windes, das selbst im Sommer noch an den Schnee erinnert. Wer den Berg zu Fuß hinaufsteigt, erwartet genau das – Ruhe. Doch immer häufiger zeigt sich auch in den Bergen dieselbe Hast wie in den Städten. Man fährt hinauf, hinterlässt Lärm und Abgase, wirft einen flüchtigen Blick auf das Panorama, macht ein paar schnelle Fotos und reist weiter. Was bleibt, ist oft nur ein Bild als Erinnerung an einen Ort, den man nie wirklich erlebt hat.

Kritisiert wird vor allem, dass angesichts des Wandels der Alpen, des verschwundenen Gletschers und der Schließung des Skigebiets kaum darüber nachgedacht wurde, wie dieser veränderte Alpenraum künftig genutzt werden soll.

Gerade solche Landschaften ermöglichen es, die Folgen natürlicher und klimatischer Veränderungen unmittelbar zu beobachten. Weil sie in den meisten Fällen nur zu Fuß erreichbar sind, laden sie dazu ein, die Hektik des Alltags hinter sich zu lassen und die Natur bewusst wahrzunehmen. Doch wie viel davon bleibt noch, wenn sich diese Orte ebenso schnell erreichen lassen wie ein Einkaufszentrum am Stadtrand?

Bislang stoßen Vorschläge zur Einschränkung des motorisierten Verkehrs auf Widerstand. Kritiker befürchten wirtschaftliche Nachteile für die kleinen Betriebe entlang der Strecke. Gleichzeitig gewinnt die Diskussion an Bedeutung, wie sich regionale Wirtschaft und Tourismus fördern lassen, ohne die Unberührtheit der Berglandschaft weiter zu beeinträchtigen.

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