Susa-Tal: Auf der Spur einer hochentwickelten Zivilisation

Gibt es das „Atlantis der Alpen“ wirklich?

Dienstag, 01. September 2026 | 12:00 Uhr

Von: Sophia Molitor

Turin – Das Susa-Tal bei Turin ist nicht nur von imposanten Alpengipfeln geprägt, sondern auch von einer geheimnisvollen Legende, die seit Jahrhunderten die Menschen fasziniert. Tief in den Bergen soll einst Rama gelegen haben – eine verschwundene megalithische Stadt, die bis heute als das „Atlantis des Piemont“ bezeichnet wird. Die Überlieferungen erzählen von einem hochentwickelten Volk, gewaltigen Steinbauten und Wesen von außergewöhnlicher Größe. Und noch heute gibt es Menschen im Tal, die glauben, in den Bergen die Schritte dieser sagenhaften Riesen hören zu können.

Ob Rama tatsächlich existiert hat, gehört bis heute ins Reich der Legenden. Doch eine Karte aus dem Jahr 1764, die sich im Staatsarchiv von Turin befindet, verzeichnet die sagenhafte Stadt tatsächlich in einem Dreieck zwischen den heutigen Gemeinden Bussoleno, Chianocco und San Giorio di Susa, am Fuß des markanten Rocciamelone. Der italienische Historiker und Kulturwissenschaftler Mariano Tomatis hat diese Karte intensiv analysiert und stieß dabei auf die Bezeichnung “Ruinen von Rama”.

Wer die geheimnisvolle Stadt Rama bewohnt haben soll, bleibt ebenso rätselhaft wie ihre Existenz selbst. In den Überlieferungen finden sich dabei zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte miteinander vermischt haben.

Mystisch geprägte Überlieferungen sahen in den Bewohnern Ramas ein außergewöhnlich schönes und nahezu vollkommenes Urvolk. Andere deuteten die rätselhaften Hinterlassenschaften als Spuren einer hochentwickelten Zivilisation. Für die einfachen Bergbauern des Tals waren die gewaltigen Mauern und tonnenschweren Steinblöcke nur durch Wesen mit übermenschlichen Kräften erklärbar. So wandelte sich das Bild der Bewohner Ramas im Laufe der Zeit und aus einem geheimnisvollen Urvolk wurden die „Riesen von Val di Susa“.

Die Frage, wie Menschen mit den damaligen technischen Mitteln derart schwere Felsblöcke spalten, transportieren und millimetergenau aufeinandersetzen konnten, beschäftigte auch die Römer. Diese suchten anscheinend sogar nach den geheimnisvollen Werkzeugen, mit denen die Bewohner Ramas die gewaltigen Felsmassen bearbeitet haben sollen.

Ob hinter den Geschichten tatsächlich eine unbekannte Hochkultur steckt oder ob sich reale Bauwerke im Laufe der Jahrhunderte mit Legenden vermischt haben, bleibt offen. Die gewaltigen Steinbauten bilden jedoch bis heute den greifbaren Kern der Erzählung.

Nur eine Legende oder der Versuch der unbeherrschbaren Natur eine Gestalt zu geben?

Lebendig bleibt die Legende vor allem durch die Erzählungen, die in den Bergdörfern rund um Bussoleno und an den Hängen des Rocciamelone weitergegeben werden. Manche Einheimische sind überzeugt, dass die Riesen von Rama nie endgültig verschwunden sind. Wenn in stürmischen Nächten der Wind durch die Schluchten zieht und ein tiefes Grollen aus den Bergen dringt, hören sie darin nicht nur das Echo der Natur, sondern das Stampfen der Riesen. Auch Besucher berichten immer wieder von ungewöhnlichen und schwer erklärbaren Geräuschen, die aus den Bergen zu kommen scheinen.

Wie Atlantis, so soll auch Rama durch eine gewaltige Naturkatastrophe untergegangen sein – durch eine Sintflut oder ein verheerendes Erdbeben. Geblieben sind rätselhafte Steinreste und eine Legende, deren Echo bis heute durch das Susa-Tal hallt.

Vielleicht liegt gerade in dieser überwältigenden Landschaft ein Teil des Ursprungs solcher Legenden. Dort wo gewaltige Felswände, uralte Wälder und die unberechenbare Kraft der Berge den Menschen auf sein eigenes Maß zurückwerfen, entsteht eine Ehrfurcht, die über das Alltägliche hinausweist. Für frühere Generationen war diese Natur noch weniger beherrschbar und erklärbar. Ihre gewaltige Präsenz konnte die Vorstellungen von Wesen entstehen lassen, die der Größe und Kraft dieser Landschaft entsprachen.

Ob Legende oder Realität – solche Geschichten zeigen, wie der Mensch versucht, seiner eigenen Unterlegenheit eine Gestalt und eine Geschichte zu geben.

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