Von: Sophia Molitor
Canazei – Die Folgen der extremen Hitze sind inzwischen selbst im Hochgebirge deutlich sichtbar. Auch in Höhenlagen von bis zu 3.343 Metern in Venetien und im Trentino liegen die Temperaturen seit Tagen über dem langjährigen Durchschnitt. Für die Gletscher bedeutet die anhaltende Wärme eine weitere Beschleunigung des Rückgangs.
Auch an der Marmolata, dem höchsten Berg der Dolomiten, sind die Temperaturen seit April ungewöhnlich hoch. Laut Flavio Tolin von „Marmolada Meteo“ liegen sie selbst auf dieser Höhe konstant über dem Gefrierpunkt. An mehreren Tagen wurden Höchstwerte von über zehn Grad gemessen. „An der Messstation wurde am 30. Juli eine Höchsttemperatur von 12,9 Grad erreicht“, betont Tolin.
Bereits am 3. Juli 2022 löste sich an der Marmolata ein gewaltiger Eisbrocken und stürzte mit mehr als 300 km/h ins Tal. Bei dem Unglück kamen mehrere Menschen ums Leben. Experten gehen davon aus, dass der Gletscher mittlerweile im Hochsommer täglich sieben bis zehn Zentimeter an Eisdicke verliert. Ohne eine radikale globale Kehrtwende könnte der Gletscher bereits spätestens 2040 vollständig verschwunden sein.
Die Gewitter bringen zwar kurzfristig Abkühlung, gehen jedoch mit heftigen Regenfällen einher, die Schlamm- und Gerölllawinen sowie Sturzfluten auslösen können. Für die Gletscher kommt erschwerend hinzu, dass die Niederschläge derzeit bis in Höhen von rund 4.000 Metern als Regen fallen. Die kurze Abkühlung hält zudem nicht lange an, denn auf den Temperatursturz folgt rasch wieder ein deutlicher Anstieg. Eine kurzfristige Abkühlung kann die bereits weit fortgeschrittene Gletscherschmelze nicht mehr aufhalten.
Auch in Südtirol werden weiterhin Temperaturen von über 35 Grad erwartet, berichtet der Meteorologe Dieter Peterlin. Entscheidend sei dabei nicht nur die aktuelle Hitze, sondern der langfristige Wandel. Während es in Bozen in den 1960-er und 1970-er Jahren laut Peterlin höchstens einen Tag pro Jahr mit Temperaturen über 35 Grad gab, sind es heute durchschnittlich bereits zehn Tage – mit weiter steigender Tendenz. „Ein Sommer wie früher ist heute fast nicht mehr vorstellbar“, stellt Peterlin fest. „Er würde heute als extrem kühl empfunden werden.“
Warum lokale Anpassung scheitert
Lokale Schutzmaßnahmen wie das Auslegen von Abdeckplanen im Sommer oder der Bau von Auffangbecken im Hochgebirge können die Auswirkungen der Erwärmung abmildern, bekämpfen jedoch nicht deren Ursache. Wissenschaftler verweisen zudem auf Veränderungen lokaler Temperaturinversionen und Luftzirkulationsmuster, die die Bildung von Wolken und Niederschlägen beeinflussen.
Normalerweise kühlt die Luft mit zunehmender Höhe ab, wodurch warme Luft aufsteigen, abkühlen und Wolken bilden kann. Bei einer Inversion liegt jedoch eine wärmere Luftschicht über kühlerer Luft und wirkt wie ein Deckel. Die Luft kann sich vertikal kaum durchmischen, wodurch feuchte Luft am Aufsteigen gehindert wird und die Bildung von Wolken und Niederschlag erschwert wird.
Die genannten Maßnahmen bleiben daher Anpassungsmaßnahmen, die den Verlust von Gletschereis lediglich hinauszögern können. Entscheidend ist vielmehr, die Ursachen gezielt anzugehen. Neben der notwendigen Begrenzung des vom Menschen verursachten Ausstoßes von Treibhausgasen sollte dabei auch die thermische Inversion stärker in den Fokus rücken. Ihre Auswirkungen auf die Niederschlagsbildung und damit auf die Wasserversorgung der Gletscher müssen genauer untersucht und mögliche Wege gefunden werden, diese lokalen klimatischen Bedingungen zu beeinflussen.




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