Gehisste palästinensische Flagge entzweit Hüttenwirt und Alpenverein – VIDEO

“Sie weht weiterhin, das ist ein Akt der Solidarität”

Donnerstag, 20. August 2026 | 07:05 Uhr

Von: Martin Geier

Arco – Zwischen dem Hüttenwirt der weit über das Trentino hinaus bekannten Monte-Stivo-Hütte (Prospero-Marchetti-Hütte) nahe dem Gipfel des gleichnamigen Berges und dem Trentiner Bergsteigerverein Società degli Alpinisti Tridentini (SAT) fliegen die Fetzen.

Grund ist eine große palästinensische Flagge am Außenzaun der Hütte, die zusammen mit der italienischen Trikolore und dem Banner des Trentino im fast ständig wehenden Wind flattert. Sie wurde aus Solidarität mit dem palästinensischen Volk vom Hüttenwirt Alberto Bighellini aufgezogen. Der SAT als Besitzer der Hütte verlangt die sofortige Entfernung der Flagge – „Wir sind eine pluralistische Organisation, und die Regeln müssen für alle gleich sein“ –, doch Bighellini wehrt sich. „Sie bleibt dort, das ist ein Akt der Solidarität“, betont der Hüttenwirt. Er lässt es auf ein Tauziehen mit dem Alpenverein ankommen, das in den Medien und noch mehr in den sozialen Netzwerken immer größeren Widerhall findet.

Facebook/Andreas Fernandez

Die auf 2.012 Metern Höhe nahe dem Gipfel des Monte Stivo in der Gemeinde Arco gelegene Berghütte Rifugio Stivo – Prospero Marchetti, die vom Tridentiner Alpenverein (SAT) betrieben wird, gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Hütten des Trentino. Das ist kaum verwunderlich, denn ihre außergewöhnliche Panoramalage, die einen 360-Grad-Blick auf den gesamten oberen Gardasee, das Sarca-Tal und die Vallagarina bietet, ist einzigartig. Hinzu kommt die gute Erreichbarkeit: Sie ist von mehreren Seiten aus in knapp zwei Gehstunden zugänglich und somit auch für Familien mit Kindern und ältere Menschen ein lohnenswertes Ziel.

Rifugio P. Marchetti allo Stivo

Doch seitdem zwischen dem Hüttenwirt Alberto Bighellini und dem SAT die Fetzen fliegen, ist die Monte-Stivo-Hütte nicht nur wegen ihres Gardaseepanoramas in aller Munde. Grund dafür ist eine große palästinensische Flagge, die Bighellini aus Solidarität mit dem palästinensischen Volk am Außenzaun der Hütte aufgezogen hat. Seit geraumer Zeit flattert sie zusammen mit der italienischen Trikolore und dem Banner des Trentino im fast ständig wehenden Wind.

Facebook/Rifugio P. Marchetti allo Stivo

„Wir bitten Sie, dafür zu sorgen, dass die palästinensische Flagge entfernt wird”, fordert der Trentiner Alpenverein den Hüttenwirt unmissverständlich auf. Als Eigentümerin der Berghütte will der SAT ein Machtwort sprechen. Der Vorstand der SAT hat Alberto Bighellini in einer offiziellen Aufforderung zur Entfernung des Banners aufgefordert, da Berghütten keine Privathäuser sind. “Das Anbringen politischer oder geopolitischer Symbole könnte von Außenstehenden unweigerlich als Ausdruck des SAT selbst und nicht nur als persönliche Haltung des Hüttenwirts wahrgenommen werden, wodurch deren pluralistischer und neutraler Charakter beeinträchtigt würde”, begründet die SAT diese Entscheidung. Doch der Hüttenwirt weigert sich: „Die Flagge werde ich nicht entfernen. Sie bleibt dort, das ist ein Akt der Solidarität!”

Rifugio P. Marchetti allo Stivo

Diese Machprobe ist nicht neu. Der Hüttenwirt hatte bereits im vergangenen Jahr dieselbe Flagge gehisst und daraufhin denselben Brief von der SAT erhalten. „Ich war enttäuscht, dass ich auch dieses Jahr wieder dieselbe Mitteilung erhalten habe. Ich dachte, sie würden meine Ansichten zu den Werten der Solidarität teilen, für die auch die SAT steht – und mit denen ich mich sehr gut identifiziere. Stattdessen scheint es für sie vorrangig zu sein, diese Fahne zu entfernen, was ich jedoch nicht zulassen werde“, sagte Alberto Bighellini dem Corriere del Trentino.

Bighellini unterhält gute Beziehungen zur SAT und der Dialog zwischen den beiden Seiten verlief stets friedlich. Der Hüttenwirt hat öffentlich erklärt, dass er die Flagge nicht entfernen wolle. In mehreren Interviews mit lokalen Sendern wie Trentino TV stellte Bighellini klar, dass er seine Geste nicht als politische Handlung, sondern als reines Zeichen der Solidarität und menschlichen Verbundenheit mit den Zivilisten und Kindern betrachtet, die unter dem Krieg leiden.

Facebook/Rifugio P. Marchetti allo Stivo

„Ich hoffe, dass es auch in diesem Jahr zu einer Einigung kommen wird. Bislang verläuft die Diskussion ruhig. Ich möchte jedoch eines betonen“, fährt der Hüttenwirt fort, „was ich mit der palästinensischen Flagge tue, ist kein politisches Statement, sondern ein Akt der Solidarität. Wenn ich eine Person wäre, die unter Bomben ausharren muss, wäre ich erleichtert zu wissen, dass es in über 2.000 Metern Höhe eine Hütte gibt, die an mich denkt. Es tut mir leid, und ich hoffe, dass meine Geste nicht als politisches Statement aufgefasst wird, denn hier geht es um etwas Grundlegendes. Es ist reine Unterstützung für diejenigen, die im Krieg sterben. Es ist wie bei einem Verkehrsunfall: Wenn jemand verletzt wird, bleibt man nicht gleichgültig, sondern hält an und hilft, so gut es geht.“

Facebook/Rifugio P. Marchetti allo Stivo

Der Hüttenwirt fügt außerdem hinzu, dass sich nur wenige Menschen über die Flagge beschweren: „Vielleicht missbilligt es der eine oder andere, aber dann denkt er auch, dass man auf 2.000 Metern Höhe tun kann, was man will. Es gibt viel mehr Leute, die mir sagen: ‚Wie schön, dass du auf dieses Thema aufmerksam machst.‘“ Das ist vielleicht ein weiterer Grund, die palästinensische Flagge nicht abzunehmen.

Facebook/Rifugio P. Marchetti allo Stivo

Alberto Bighellini lässt es dieses Jahr auf ein Tauziehen mit der SAT ankommen, das in den Medien und noch mehr in den sozialen Netzwerken immer größeren Widerhall findet.

Der Präsident der SAT, Cristian Ferrari, hat eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der der Verein auf die Diskussionen reagiert, seinen Standpunkt bekräftigt und erläutert: „Solidarität, Menschlichkeit, Frieden und Verbundenheit mit den vom Krieg betroffenen Bevölkerungsgruppen gehören zur Geschichte und zu den Werten der SAT und stehen nicht zur Debatte. Wir verstehen daher, dass die an der Stivo-Hütte gehisste palästinensische Flagge nach den Absichten des Hüttenwirts in erster Linie ein Zeichen der Verbundenheit mit einer Bevölkerung darstellt, die eine Situation außerordentlichen Leids durchlebt. Doch gerade, weil die SAT eine pluralistische Organisation ist, dürfen die gemeinsamen Regeln nicht davon abhängen, inwieweit wir eine bestimmte Position teilen, oder nicht. Heute sprechen wir über die palästinensische Flagge, aber morgen könnte ein Betreiber beschließen, ein Symbol zu hissen, das eine andere Position vertritt, über die wir uns keineswegs alle einig sind. Der Grundsatz muss für alle derselbe sein. Dies schränkt die persönliche Freiheit von niemandem ein. Es bedeutet, die Regeln des Vereins zu respektieren, wenn man ihn vertritt.“

Facebook/Rifugio P. Marchetti allo Stivo

Der Trentiner Alpenverein fordert die Entfernung der palästinensischen Flagge, zeigt sich hinsichtlich des Ausgangs der Angelegenheit jedoch zuversichtlich: „Der Hüttenwirt hat seine Absicht bekundet, die Flagge nicht zu entfernen. In ihrer Antwort hat die SAT den Grundsatz bekräftigt, der ihrer Forderung zugrunde liegt, und gleichzeitig den Wunsch geäußert, die Beziehung in einem Klima der Zusammenarbeit und des Respekts fortzusetzen. Dabei hat sie den Betreiber aufgefordert, sich vorab mit dem Verein über Initiativen oder persönliche Entscheidungen, die die Berghütte betreffen, abzustimmen und eigenmächtige Entscheidungen zu vermeiden. Wir wollen eine Auseinandersetzung nicht weiter anheizen, die Gefahr läuft, eine Frage der Regeln in einen Konflikt um die palästinensische Flagge zu verwandeln“, so der Vorsitzende Cristian Ferrari.

Facebook/Rifugio P. Marchetti allo Stivo

Der Vorstand strebt demnach eine gütliche Einigung im Wege des Dialogs an. Diese Stellungnahme wurde auch vom CAI-Portal Lo Scarpone aufgegriffen. In der Zwischenzeit hat der Fall eine breite Debatte in den sozialen Medien und in der lokalen Öffentlichkeit ausgelöst. Dabei haben sich verschiedene Verbände für den Betreiber ausgesprochen, während andere die Einhaltung der Vorschriften und der Neutralität in den Höhenlagen fordern.

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