Von: Martin Geier
Pietracamela/Isola del Gran Sasso d’Italia – In diesem Sommer nehmen im gesamten Alpenbogen und im Appennin nicht nur sogenannte „Fake-Einsätze“, also Einsätze der Bergrettung aus nicht notwendigen Gründen, rasant zu, sondern auch solche, die auf schlechte Tourenplanung und noch schlechtere Ausrüstung der „Alpinisten“ zurückzuführen sind. Den Vogel schießen jedoch jene Zeitgenossen ab, die den Berg als Kulisse für waghalsige Aktionen in den unmöglichsten Outfits missbrauchen und sich, andere Bergsteiger und nicht zuletzt die Bergretter in unnötige Gefahr bringen.
Zu letzteren gehörte ein Bergwanderer, der die „Direttissima“ des Corno Grande auf dem Gran Sasso in Badehose und Flip-Flops – oder sogar völlig barfuß – erklomm. Entsetzte Bergsteiger, die auf derselben Route unterwegs waren, filmten und fotografierten den jungen Mann bei seiner waghalsigen Tat. Die Fotos und Videos, die in den sozialen Netzwerken sofort viral gingen, lösten heftige Kontroversen im Internet aus und veranlassten die Berg- und Höhlenrettung der Abruzzen (CNSAS), eine strenge offizielle Warnung zur Sicherheit in den Bergen herauszugeben.

Bergwanderer und Bergsteiger, die die „Direttissima“ des Corno Grande bewältigten – mit 2.912 Metern ist er die höchste Erhebung des Gran-Sasso-d’Italia-Massivs und des gesamten Apennin-Gebirges – trauten ihren Augen kaum, als sie einen jungen Mann sahen, dessen „Ausrüstung“ geografisch eher zum nicht weit entfernten Adriastrand passte. Der Mann nahm die „Direttissima“, eine als EE (für erfahrene Wanderer) eingestufte Route mit starken Steigungen, technischen Passagen auf blankem Fels und sehr gefährlichen, ausgesetzten Abschnitten, im Strandoutfit in Angriff.
Die entsetzten Bergwanderer und Bergsteiger fotografierten ihn, während er mit nacktem Oberkörper, Sonnenbrille, Badehose und Flip-Flops unterwegs war. Selbst von den Rufen und entsetzten Blicken der gut ausgerüsteten Alpinisten ließ er sich nicht davon abbringen, unter der prallen Sonne ohne geeigneten Rucksack, ohne ausreichende Wasservorräte und vor allem ohne jeglichen Halt unter den Füßen die steile und an manchen Stellen stark ausgesetzte Route emporzusteigen.

Leider handelt es sich hierbei nicht um einen Einzelfall, sondern um einen weiteren Vorfall einer besorgniserregenden Entwicklung, auf die die Bergretter schon seit Langem hinweisen: die Verharmlosung der Berge. Experten zufolge ist der häufigste und gefährlichste Fehler, zu glauben, ein Wanderweg in den Bergen sei mit einem Spaziergang an der Strandpromenade vergleichbar. Badeschlappen bieten keinerlei Schutz für Fuß und Knöchel und verdreifachen die Rutschgefahr. An bestimmten Stellen kann das tödliche Folgen haben.
Daraufhin folgte eine Stellungnahme seitens der Berg- und Höhlenrettung der Abruzzen (CNSAS):

„Wir befinden uns in einer Phase der Saison, in der die Bedingungen und das Aufkommen in den Bergen besondere Aufmerksamkeit erfordern. Derzeit kursieren im Internet Fotos, die Wanderer zeigen, die die ‚Direttissima del Corno Grande‘ mit einer der Route nicht angemessenen Ausrüstung in Angriff nehmen. Die Berg- und Höhlenrettung der Abruzzen fordert alle, die diese Route – und andere mit ähnlichen Eigenschaften – in Angriff nehmen wollen, zu größter Vorsicht sowie einer sorgfältigen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, der Bedingungen auf der Route und der erforderlichen Ausrüstung auf. Die ‚Direttissima‘ ist kein einfacher Wanderweg: Sie weist ausgesetzte Abschnitte und technische Passagen auf, für die Vorbereitung, Erfahrung und eine angemessene Ausrüstung erforderlich sind.
Die sehr hohe Zahl der bereits in dieser Saison durchgeführten Einsätze erinnert uns daran, wie wichtig es ist, sich bewusst in die Berge zu begeben und die Schwierigkeiten sowie die Umweltbedingungen nicht zu unterschätzen. Sich vor dem Aufbruch zu informieren, sich vorzubereiten und eine den eigenen Fähigkeiten entsprechende Route zu wählen, ist ein wesentlicher Bestandteil der Sicherheit in den Bergen.“

Glücklicherweise endete das verstörende Abenteuer in Badehose und Flip-Flops ohne tragisches Unglück – abgesehen von ein paar Schürfwunden und einer Standpauke der Bergretter, die sich auch in den sozialen Medien fortsetzte. Die Berge sind und bleiben ein herrlicher Ort, aber um sie zu erkunden, braucht man neben den richtigen Schuhen auch einen klaren Kopf. Die Flip-Flops sollte man dieses Mal besser am Strand lassen.







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