Von: Sophia Molitor
Bozen – Achtzig Jahre nach seiner Unterzeichnung steht das Pariser Abkommen von 1946 im Mittelpunkt einer kostenlosen Veranstaltungsreihe der Michael Gaismair Gesellschaft und des Center for Autonomy Experience von Eurac Research. Von September 2026 bis Januar 2027 laden sieben Veranstaltungen in Bruneck, Bozen, Meran, Neumarkt und Brixen dazu ein, bekannte Kapitel der Südtiroler Geschichte neu zu betrachten und ihre Bedeutung für aktuelle gesellschaftliche und politische Fragen zu erörtern.
Das Gruber-De Gasperi-Abkommen wurde 1946 in Paris geschlossen und gilt als wichtiger Ausgangspunkt für die spätere Entwicklung der Südtirol-Autonomie. Sein 80. Jahrestag bietet Anlass, auf die historischen Umstände seiner Entstehung zurückzublicken, zugleich aber auch Fragen zu stellen, die bis heute aktuell sind: Wie werden Minderheiten geschützt? Welche Rolle spielen internationale Vereinbarungen dabei? Wie haben Migration, politische Teilhabe und gesellschaftliche Veränderungen die Entwicklung Südtirols geprägt? Und welche Perspektiven wurden in der bisherigen Erzählung der Autonomie wenig berücksichtigt?
Diesen Fragen nähert sich die Veranstaltungsreihe aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Den Auftakt macht der Historiker Giorgio Mezzalira am 4. September in Bruneck. Er beschäftigt sich mit einem der Konfliktpunkte der Nachkriegszeit: dem Schutz der deutschsprachigen Bevölkerung und der italienischen Zuwanderung nach Südtirol. Eine Woche später, am 11. September, ordnet Historiker Hannes Obermair das Pariser Abkommen in sein internationales historisches und politisches Umfeld ein und fragt, welche Vorstellungen von Gemeinschaft und Minderheitenrechten ihm zugrunde lagen.
Blick zurück, Blick nach vorn
Am 12. Oktober findet im Forschungszentrum Eurac Research in Bozen die internationale Tagung „Menschen und Verträge. Das Pariser Abkommen 1946–2026“ statt. Forschende sowie Fachleute unter anderem von UN/OHCHR und OSZE diskutieren die internationale Dimension des Abkommens und fragen, welche Rolle völkerrechtliche Verträge heute für den Schutz von Minderheiten, für Autonomien und für Friedensordnungen spielen können. Die Tagung findet in deutscher, italienischer und englischer Sprache mit Simultanübersetzung statt.
Wie sich die internationale Ordnung seit 1946 verändert hat, steht auch am 18. November im Meraner Ost West Club Est Ovest im Mittelpunkt. Rechtswissenschaftlerin Anna Wolf greift dort zentrale Inhalte der internationalen Tagung in kompakter Form auf. Unter dem Titel „300 Worte und ihre Wirkung bis heute“ fragt sie, was geopolitische Spannungen und die zunehmende Infragestellung völkerrechtlicher Instrumente für Minderheitenschutz und Autonomien bedeuten.
Im Dezember richtet sich der Blick wieder stärker auf die Geschichte. Politikwissenschaftler Günther Pallaver geht am 3. Dezember in Neumarkt der Frage nach, weshalb die deutschsprachigen Südtirolerinnen und Südtiroler nach dem Zweiten Weltkrieg ein anderes Schicksal erfuhren als zahlreiche andere deutschsprachige Minderheiten Europas und welche Rolle dabei das Pariser Abkommen spielte. Am 10. Dezember in Brixen zeichnet der Journalist Maurizio Ferrandi die diplomatischen Verhandlungen zwischen Paris, Rom und Wien nach und beleuchtet die Rolle von Alcide De Gasperi, Karl Gruber und weiteren Akteuren.
Den Abschluss der Reihe bildet am 22. Jänner 2027 in Meran die Podiumsdiskussion „Frauen, Politik und Autonomie“. Sie erweitert den Blick auf die Geschichte der Autonomie um Perspektiven, die in der öffentlichen Erinnerung häufig weniger sichtbar sind. Im Gespräch geht es um den Beitrag von Frauen zur gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Südtirols sowie um ihre Rolle in heutigen Debatten über Autonomie, politische Repräsentation und gesellschaftliche Teilhabe.
Mit der kostenlosen Veranstaltungsreihe möchten die Michael Gaismair Gesellschaft und das Center for Autonomy Experience von Eurac Research das Pariser Abkommen nicht allein als historisches Dokument betrachten. Achtzig Jahre nach seiner Unterzeichnung soll es vielmehr zum Ausgangspunkt für eine öffentliche Auseinandersetzung mit Südtirols Geschichte und mit Fragen werden, die auch die Gegenwart betreffen.




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