Von: Matthias Knapp
Moskau/Washington, D.C. – CIA-Direktor John Ratcliffe könnte Russland nicht nur vor einem Angriff auf NATO-Verbündete gewarnt haben. Der Chef des US-Geheimdienstes hatte die russische Hauptstadt am Dienstag besucht. Während über den Inhalt der Gespräche nur wenig bekannt ist, laufen die Spekulationen auf Hochtouren.
Das Magazin Politico berichtete unter Berufung auf nicht namentlich genannte Quellen, dass der CIA-Chef Russland vor allem mit Blick auf die östlichen NATO-Partner im Baltikum vor einer Eskalation gewarnt habe. Zudem habe er den Kreml dazu gedrängt, seine militärische und finanzielle Unterstützung für den Iran herunterzufahren.
Der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes, Sergej Naryschkin, bestätigte am Donnerstag sein Treffen mit Ratcliffe, machte aber keine Angaben zum Inhalt. Man habe Fragen erörtert, die in den Kompetenzbereich der Geheimdienste fallen, sagte Naryschkin nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen. Das Treffen sei ein „Arbeitsformat“ gewesen und nichts Ungewöhnliches – er führe regelmäßig ähnliche Gespräche mit den Geheimdienstchefs anderer Länder, entweder persönlich oder online.
Militärexperten vermuten jedoch noch einen weiteren Hintergrund. Wie „The Analyst“ auf der Plattform Bluesky schreibt, könnte Washington Russland vor dem Einsatz von taktischen Nuklearwaffen gewarnt haben.
Russische Staatsmedien hatten angesichts eines ausbleibenden Siegs im Ukraine-Krieg und des nur schleppend verlaufenden Einmarschs ins Nachbarland bereits öfter den Einsatz von Atomwaffen verlangt – vor allem gegen London. Immer wieder kam außerdem in russischen Medienberichten das Bedauern zum Ausdruck, dass russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur in der Ukraine im Vergleich viel weniger Schaden anzurichten scheinen als ukrainische Drohnenattacken auf Ölraffinerien in Russland – ein Umstand, der den Wunsch nach radikaleren militärischen Maßnahmen erklären könnte.
Der letzte bekannte Besuch eines CIA-Chefs in Russland war 2021 die Reise des damaligen Direktors William Burns. Er traf sich auch mit Kreml-Despot Wladimir Putin. Burns sollte damals im Auftrag von US-Präsident Joe Biden eine Eskalation im Ukraine-Konflikt verhindern.
Auch damals soll Russland vor dem Einsatz von taktischen Atomwaffen gewarnt worden sein. Möglicherweise war dies nun ein zweites Mal nötig. Allerdings begann Putin dann am 24. Februar 2022 seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Russland droht Großbritannien
Unterdessen hat Russland – zumindest nach außen hin – seine Kriegsrhetorik weiter verschärft und Großbritannien offen gedroht. Wie Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Moskau laut einem Reuters-Bericht erklärte, könnte Russland britische Militärziele sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ukraine angreifen.
Sacharowa warnte die Regierung davor, nur noch „einen Schritt“ davon entfernt zu sein, sich rechtlich an „Terrorismus“ gegen russische Zivilisten zu beteiligen. Das könne „katastrophale Folgen“ haben, sagte sie laut Reuters.
Moskau hatte die Ukraine am Mittwoch beschuldigt, britische Storm-Shadow-Marschflugkörper gegen ein Einkaufszentrum in der von Russland kontrollierten Stadt Donezk eingesetzt zu haben. Dabei seien laut russischen Angaben Zivilisten – unter anderem auch Kinder – verletzt worden.
Sacharowa forderte die britische Führung auf, ihren „feindseligen und aggressiven Kurs“ sofort und unmissverständlich aufzugeben. Andernfalls bestehe das Risiko, dass der Krieg „auf eine völlig neue Ebene“ eskaliere.
Großbritannien will der Ukraine hingegen geheime Technologie für die Produktion eigener Storm-Shadow-Raketen zugänglich machen, damit Kiew eigenständig die weitreichenden Marschflugkörper herstellen kann. Weil es sich bei der Storm Shadow um ein britisch-französisches Gemeinschaftsprojekt handelt, muss auch Frankreich zustimmen. Das Land hat der Lizenzierung der Technologie laut Reuters bereits grünes Licht erteilt.
Greifen russische Streitkräfte tatsächlich britische Einrichtungen oder Ausrüstung außerhalb der Ukraine an, könnte dies eine unmittelbare Konfrontation mit einem NATO-Mitglied und möglicherweise den Bündnisfall auslösen.




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