Schwächen der Säulen waren bekannt - sollten dringend saniert werden

Bozner Gericht: Die Wahrheit stand seit 2024 in den Akten

Samstag, 22. August 2026 | 10:15 Uhr

Von: Lukas Unterkofler

Bozen – Die statischen Schwächen der zentralen Säulen im Bozner Gerichtsgebäude waren offenbar bereits vor dem Teileinsturz bekannt. Das geht aus Unterlagen hervor, auf die Landesrat Christian Bianchi in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen verweist. Demnach lagen der Verwaltung technische Erkenntnisse vor, auf deren Grundlage bereits konkrete Sanierungsmaßnahmen geplant worden waren.

Im Oktober 2024 war im Rahmen einer statischen Überprüfung festgehalten worden, dass vier Säulen im Eingangsbereich innerhalb von 18 Monaten verstärkt oder ersetzt werden sollten. Zudem sollte die Belastung der Archiv- und Bibliotheksräume innerhalb eines Jahres reduziert werden.

Besonders relevant: Bei den betroffenen Säulen handelte es sich laut Bianchi nicht um Stahlbetonkonstruktionen, sondern um Mauerwerk aus Ziegeln. Aufgrund der Untersuchungen und der Einschätzungen der beauftragten Fachleute sei deshalb bereits der Austausch durch neue, feuerbeständig geschützte Stahlkonstruktionen vorgesehen gewesen.

Gericht blieb während Arbeiten geöffnet

Warum das Gerichtsgebäude trotz des Austauschs tragender Bauteile geöffnet blieb, begründet Bianchi damit, dass die statischen Voraussetzungen dafür gegeben gewesen seien. Gleichzeitig betont der Landesrat, dass die tatsächlichen Ursachen des Einsturzes erst durch die laufenden Ermittlungen und technischen Untersuchungen geklärt werden können.

Das Gebäude wurde zwischen 1939 und 1956 errichtet. 2007 wurden Sanierungs- und Aufstockungsarbeiten abgeschlossen, 2011 folgte eine statische Abnahme. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Gebäude noch dem Staat und ging erst 2018 an das Land Südtirol über. Laut Bianchi lagen der Landesverwaltung deshalb insbesondere Unterlagen aus der Zeit nach der Übertragung vor.

Eine umfassendere Untersuchung der ursprünglichen Tragstrukturen wurde demnach erst 2024 durchgeführt. Dabei stellten die Techniker ein äußerst heterogenes Tragwerk mit unterschiedlichen Materialien, Festigkeiten und Bauweisen fest.

Grüne fordern Kontrolle historischer Gebäude

Nach dem Vorfall richten die Grünen den Blick nun über das Gerichtsgebäude hinaus. Brigitte Foppa, Madeleine Rohrer und Zeno Oberkofler wollen von der Landesregierung wissen, wie es um die Sicherheit weiterer historischer öffentlicher Gebäude in Südtirol steht.

Sie fragen unter anderem, wie viele öffentliche Gebäude aus der Zeit zwischen 1922 und 1945 beziehungsweise bis 1956 stammen, ob mögliche statische oder konstruktive Mängel bekannt sind und ob die Tragwerke, Materialien und Standsicherheit dieser Gebäude systematisch überprüft werden.

Der Einsturz des Bozner Gerichtsgebäudes wirft damit eine grundsätzliche Frage auf: Wie gut wird die Tragfähigkeit des historischen öffentlichen Gebäudebestands in Südtirol tatsächlich überwacht?

Bezirk: Bozen

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen