Offener Brief

Nach AfD-Auftritt in Tramin: Pamer nimmt Eva Klotz in die Pflicht

Donnerstag, 17. September 2026 | 16:06 Uhr

Von: Lukas Unterkofler

Bozen – Landesrätin und Landeshauptmannstellvertreterin Rosmarie Pamer wendet sich in einem offenen Brief an die langjährige Landtagsabgeordnete und Mitbegründerin der Süd-Tiroler Freiheit, Eva Klotz. Darin äußert sie ihre Sorge über die politische Entwicklung der Bewegung und insbesondere deren zunehmende Kontakte zur deutschen AfD.

Pamer betont zunächst ihre persönliche Verbindung zu Klotz und die gemeinsame Herkunft aus dem Passeiertal. Sie würdigt deren jahrzehntelangen Einsatz für Südtirol, die Geschichte des Landes und das Selbstbestimmungsrecht.

Gleichzeitig sieht Pamer eine Veränderung bei der Süd-Tiroler Freiheit. Die Bewegung habe sie ursprünglich als eigenständige Südtiroler Kraft wahrgenommen, deren Schwerpunkt auf Heimat, Sprache, Identität und Selbstbestimmung liege. Die zunehmende Nähe zu politischen Kräften wie der AfD bereite ihr dagegen Sorgen.

Besonders kritisch sieht Pamer einen aus ihrer Sicht zunehmend von Migration und der Abgrenzung gegenüber Menschen anderer Herkunft geprägten politischen Ton. Heimatliebe dürfe nicht auf der Schaffung von Feindbildern beruhen, schreibt sie.

Hintergrund ist unter anderem der Auftritt des AfD-Jugendpolitikers Jean-Pascal Hohm beim Jugendtreffen der Süd-Tiroler Freiheit in Tramin am vergangenen Wochenende. Klotz war bei der Veranstaltung anwesend. Im Vorfeld hatte sie angekündigt, dort an die demokratischen Grundwerte und die Menschenrechte zu erinnern und sich erst danach ein Gesamturteil über die Veranstaltung zu bilden.

Pamer greift in ihrem Brief auch eine frühere Aussage Klotz’ auf, wonach das Ziel die Freiheit Südtirols und nicht eine Zusammenarbeit mit „sogenannten Rechten oder Identitären“ sei und man sich vor zu großer Nähe hüten müsse. Daraus leitet sie die zentrale Frage ihres Schreibens ab: „Wo verläuft diese Grenze heute?“

Zum Abschluss appelliert Pamer an Klotz, angesichts ihrer langjährigen politischen Erfahrung diese Entwicklung kritisch zu hinterfragen. Südtirol dürfe ihrer Ansicht nach nicht zum Abbild politischer Auseinandersetzungen anderer Länder werden.

Nachfolgend der offene Brief im vollen Wortlaut:

Geschätzte Eva,

uns beide verbindet etwas, das keine Partei und kein politisches Amt schaffen kann, unser Heimattal Passeier.

Wir kennen dieses Tal, seine Menschen, ihre Eigenheiten, ihren Stolz und ihre tiefe Verbundenheit mit der Heimat.

Unsere Wege haben sich über die Jahre immer wieder gekreuzt, bei vielen Veranstaltungen und Gedenkfeiern, bei denen unsere Heimat, unsere Geschichte und unsere Identität im Mittelpunkt standen. Auch auf den Brunner Mahdern, beim Gedenken an Deinen Vater Georg Klotz, sind wir uns begegnet. Diese Begegnungen sind mir in Erinnerung geblieben, weil sie mir immer wieder gezeigt haben, wie tief Deine persönliche Verbundenheit mit der Geschichte unseres Landes und unseres Tales reicht.

Und wir wissen beide, dass man im Psairer nicht viele große Worte braucht, wenn einem etwas wirklich am Herzen liegt.

Deshalb schreibe ich Dir.

Ich habe Dich über viele Jahre als eine Frau erlebt und wahrgenommen, die für ihre Überzeugungen eingestanden ist, unbeirrbar, geradlinig und auch dann, wenn es unbequem wurde. Vieles von dem, wofür Du Dein politisches Leben eingesetzt hast, verdient meinen Respekt. Deine Verbundenheit mit unserer Heimat, Dein Einsatz für Südtirol und Dein Beharren darauf, dass die Geschichte unseres Landes nicht vergessen werden darf, habe ich immer geschätzt.

Gerade deshalb beschäftigen mich die Entwicklungen der letzten Zeit so sehr.

Du hast selbst gesagt: „Unser Ziel ist die Freiheit Südtirols, nicht eine europäische Zusammenarbeit mit sogenannten Rechten oder Identitären.“ Und Du hast den Jungen geraten: „Hütet euch vor zu viel Nähe.“

Diese Worte sind wichtig. Denn sie berühren einen Punkt, der auch mir große Sorgen bereitet.

Ich frage mich zunehmend, wohin sich die Süd-Tiroler Freiheit entwickelt.

Ich habe diese Bewegung einmal als eine politische Kraft wahrgenommen, deren Mittelpunkt Südtirol war. Unsere Geschichte, unsere Autonomie, unsere Sprache, unsere Identität und die Frage nach der Zukunft unseres Landes. Eine Südtiroler Heimatpartei mit einem eigenständigen politischen Kompass.

Heute erkenne ich davon manches nicht mehr wieder.

Wenn politische Kontakte, Auftritte und Debatten immer stärker von der Nähe zu Kräften wie der AfD geprägt werden, entsteht für mich der Eindruck, dass etwas Eigenständiges verloren geht. Dass aus einer Bewegung, die aus der Geschichte Südtirols heraus entstanden ist, zunehmend eine Partei wird, die politische Strömungen aus anderen Ländern übernimmt oder nachahmt.

Besonders beschäftigt mich dabei der politische Ton. Migration und Menschen aus anderen Ländern rücken immer stärker in den Mittelpunkt, und ich sehe die Gefahr, dass ganze Gruppen zum Feindbild werden. Heimatliebe braucht aber kein Feindbild. Unsere Identität wird nicht stärker, indem andere abgewertet oder Menschen aufgrund ihrer Herkunft pauschal beurteilt werden.

Gleichzeitig verlagert sich Politik immer stärker in die sozialen Medien. Komplexe Fragen werden zu Schlagworten.

Das besorgt mich.

Nicht, weil wir in allen politischen Fragen derselben Meinung sein müssten. Das waren wir vermutlich selten. Demokratie lebt auch vom Widerspruch. Aber Südtirol braucht politische Kräfte, die aus diesem Land heraus denken, und nicht solche, die Konflikte, Feindbilder und politische Muster anderer Länder übernehmen.

Gerade Deine eigenen Worte lassen mich deshalb nicht los: Hütet euch vor zu viel Nähe.

Liebe Eva, wo verläuft diese Grenze heute?

Wann wird aus Zuhören Nähe? Wann wird aus einem Austausch politische Zusammenarbeit? Und wann verändert diese Zusammenarbeit schließlich eine Bewegung selbst?

Ich stelle Dir diese Fragen nicht, um Deine jahrzehntelange politische Arbeit infrage zu stellen. Im Gegenteil. Ich stelle sie Dir gerade deshalb, weil ich weiß, wie viel Dir Südtirol bedeutet und wie viel Deines Lebens Du diesem Land und Deinen Überzeugungen gewidmet hast.

Vielleicht braucht es gerade Menschen mit Deiner Erfahrung, die diese Fragen offen stellen.

Denn Parteien verändern sich. Menschen kommen und gehen. Politische Strömungen kommen und gehen.

Unsere Heimat aber bleibt.

Und vielleicht können wir uns, trotz aller politischen Unterschiede, zumindest darin als zwei Psairerinnen verstehen, denn Südtirol sollte niemals zur Kopie der politischen Auseinandersetzungen eines anderen Landes werden.

Rosmarie Pamer

Bezirk: Bozen

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