Selenskyj warnt vor neuer Mobilmachung Russlands

Selenskyj erwartet 30 Milliarden Euro von EU für Abwehr

Sonntag, 23. August 2026 | 12:50 Uhr

Von: importer

Die Ukraine braucht nach den Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj dringend Milliarden zur Finanzierung des Abwehrkampfes gegen Russlands Angriffskrieg. Kiew erwarte von der EU 30 Milliarden Euro für die Verteidigungsausgaben, sagte er am Sonntag im Gespräch mit Journalisten in Kiew. “Sie werden für die Verteidigung des ganzen Landes gebraucht”, betonte er. Derzeit gebe es im Verteidigungshaushalt eine Lücke von 27 Milliarden Dollar (rund 23 Milliarden Euro).

Allein 20 Milliarden seien notwendig, um die Gehälter der Soldaten, die Kompensationen für die Familien der Gefallenen und andere Ausgaben zu bezahlen, sagte Selenskyj. Etwa wegen der Produktion von Drohnen sei zusätzliches Geld nötig “Ein bedeutender Geldbetrag ist erforderlich. Ich arbeite in dieser Sache mit den Franzosen und Deutschen”, sagte er.

Selenskyj: 820 Quadratkilometer seit Jahresbeginn befreit

Zugleich verwies Selenskyj auf Erfolge. So hätten Kiews Streitkräfte seit Jahresbeginn 820 Quadratkilometer Fläche befreit, darunter fast komplett das Gebiet Dnipropetrowsk. Dort seien nur noch etwa zehn Quadratkilometer, drei Ortschaften, nicht komplett unter Kiews Kontrolle, sagte der Präsident. Von unabhängiger Seite waren die Angaben zunächst nicht überprüfbar.

Selenskyj räumte auch ein, dass Russland seit Jahresbeginn 990 Quadratkilometer Fläche okkupiert habe. Er erwartet, dass Kiew den Russen bis Jahresende weitere Flächen wieder entreißen werde. Selenskyj schloss zugleich erneut aus, dass die Ukraine sich freiwillig aus dem Donbass zurückzieht – Moskau nannte dies als Bedingung für einen Waffenstillstand.

Präsident lehnt Wahlen in Kriegszeiten weiter ab: Wäre ein “Tsunami”

Mit Blick auf die jüngsten Forderungen des als Verteidigungsminister entlassenen populären Politikers Mychajlo Fedorow nach Wahlen bekräftigte Selenskyj seine Haltung, dass dies in Kriegszeiten nicht möglich sei. “Wahlen zum jetzigen Zeitpunkt wären wie ein Tsunami für den Staat, der die Ukraine spalten würde”, sagte Selenskyj. “Deshalb besteht meine Strategie darin, das Land bis zum Ende des Krieges zu führen und einen unabhängigen und souveränen Staat zu bewahren.”

Bereits im vorigen Jahr habe es Druck von verschiedenen Seiten gegeben, Wahlen abzuhalten, sagte Selenskyj, der 2019 zuletzt gewählt wurde. Wenn die Partner im Westen Vorschläge hätten, wie eine Abstimmung für Millionen ukrainische Kriegsflüchtlinge im Ausland und für die Menschen im Frontgebiet organisiert werden könne, dann sei er bereit, darüber zu reden. Niemand aber habe bisher konkrete Vorschläge gemacht, wie die Sicherheit bei solchen Wahlen garantiert werden könne.

Selenskyj: Russland plant Mobilisierung im September

Russland, das seit viereinhalb Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, hält vom 18. bis 20. September eine Parlamentswahl ab – auch in den von Moskau kontrollierten Teilen der annektierten ukrainischen Gebiete Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson.

Russland plant auch nach Einschätzung der Ukraine die Mobilisierung von 300.000 weiteren Soldaten nach den Parlamentswahlen im September, sagte Selenskyj. Zudem könnte Russland seinen Worten zufolge 2027 Hunderttausende weitere Soldaten einziehen, um den Rest der ostukrainischen Region Donezk zu erobern.

Erneut Angriff auf Ozon-Zentrum

Bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf die russische Region Orenburg stürzten am Sonntag Trümmerteile auf zwei Industrieanlagen, darunter ein Lagerhaus des Online-Händlers Ozon. Die Luftabwehr habe sechs Drohnen über der Region abgefangen, teilte Gouverneur Jewgeni Solnzew mit. Verletzte gebe es demnach keine. Ozon teilte mit, mehr als 300 Mitarbeiter seien evakuiert und der Betrieb im Logistikzentrum eingestellt worden.

Am Samstag war bereits ein Ozon-Zentrum in der Region Samara von einer Drohne getroffen worden. Es handelte sich um die erste Attacke auf den zweitgrößten Online-Händler Russlands. In den vergangenen Wochen war der größere Konkurrent Wildberries bereits Ziel von Drohnenangriffen gewesen. Insgesamt schoss die Luftabwehr nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums in der Nacht auf Sonntag 328 ukrainische Drohnen ab.

Norwegen sagt erneute Milliarden-Hilfe zu

Norwegen will die Ukraine indes mit weiteren Milliardensummen unterstützen. Das skandinavische Land plant für das Haushaltsjahr 2027 Finanzhilfen in Höhe von 85 Milliarden Kronen ein, wie die Regierung am Sonntag mitteilte. Umgerechnet sind das gut 7,8 Milliarden Euro. Die Summe entspreche dem für 2026 vorgesehenen Betrag. Die Gelder seien sowohl für militärische als auch für humanitäre Ausgaben bestimmt.

Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre besuchte am Sonntag zusammen mit den Staats- und Regierungschefs von Finnland, Dänemark, Estland, Lettland und Litauen die ukrainische Hauptstadt Kiew. Die Unterstützung und der Wiederaufbau der von Russland angegriffenen Ukraine seien nicht nur Hilfe, sondern eine Investition in Europas eigene Sicherheit, sagte Støre laut einem von der Regierung in Oslo veröffentlichten Redetext.

Russland und Ukraine attackieren gegenseitig die Wirtschaftsinfrastruktur

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Samstag erklärt, Kiew habe mit seinen Angriffen auf russische Wirtschaftsziele die “Büchse der Pandora” geöffnet. Moskau werde auf die “empfindlichsten Wirtschaftssektoren” der Ukraine zurückschlagen.

Russland und die Ukraine hatten zuletzt ihre gegenseitigen Drohnenangriffe verstärkt, die darauf abzielen, die wirtschaftliche Infrastruktur des jeweils anderen zu schwächen. Dabei werden oft Ziele weit hinter den Frontlinien getroffen. Der von Moskau begonnene Krieg dauert bereits mehr als vier Jahre an.

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