Von: ka
Kiew – Während die russischen Angriffe die Heizungs- und Stromversorgung in der gesamten Ukraine weiterhin lahmlegen, berichtet eine Ärztin aus Kiew, dass sie und ihre Kollegen in ihrer Klinik die gesundheitlichen Auswirkungen zunehmend zu spüren bekommen. Die stunden- und sehr oft tagelangen Ausfälle treffen insbesondere schwächere Bevölkerungsgruppen wie Schwangere, Neugeborene, Kinder, Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen sowie ältere Menschen. Die Zahl der Grippefälle nimmt zu. Aufgrund der ständigen Angriffe auf die Energieversorgung ist leider kein Ende des Leids der Bevölkerung in Sicht.

Seit Ende Dezember führt Russland ständige Angriffswellen gegen die Stromerzeugungs- und Heizungsinfrastruktur der Ukraine durch. In Kiew haben diese innerhalb weniger Tage immer wiederkehrenden Drohnen- und Raketenangriffe wiederholt die Heizung in weiten Teilen der Stadt lahmgelegt. Am 9. Januar sorgte ein schwerer Angriff dafür, dass rund 6.000 Wohngebäude ohne Heizung blieben. Weitere Luftangriffe am 20. und 24. Januar unterbrachen erneut die Heizung in Tausenden von Haushalten. Der jüngste Angriff am 3. Februar hatte zur Folge, dass über 1.100 Wohngebäude ohne Heizung dastehen, während die Temperaturen draußen auf minus 25 Grad fielen. Laut Vitaliy Zaichenko, dem Geschäftsführer des ukrainischen Energieversorgers Ukrenergo, mussten zwei Wärmekraftwerke den Betrieb einstellen.

Hanna Sierova, Allgemeinärztin beim medizinischen Zentrum Dobrobut in Kiew, sagt, dass eine längere Kälteeinwirkung nicht direkt zu Erkrankungen führt. Stattdessen schwäche sie mit der Zeit die Abwehrkräfte des Körpers. „Wir werden nicht krank, weil uns kalt ist“, erklärt sie gegenüber der Journalistin Polina Moroziuk von Kyiv Independent. „Wir werden wegen Viren und Bakterien krank. Wenn einer Person jedoch über einen längeren Zeitraum sehr kalt ist, werden die Voraussetzungen für eine Erkrankung geschaffen.“

Wenn der Körper über einen längeren Zeitraum Kälte ausgesetzt ist, lenkt er tatsächlich Energie um, um die Kerntemperatur aufrechtzuerhalten. Dadurch stehen jedoch weniger Reserven zur Abwehr von Infektionen zur Verfügung. Schlafstörungen, die häufig auftreten, wenn Menschen frieren oder sich Sorgen über Stromausfälle machen, beeinträchtigen die Immunfunktion zusätzlich, da der Körper bei schlechter Erholung weniger infektionsbekämpfende Zellen produziert. Ein Leben unter diesen Bedingungen bedeutet eine zusätzliche Belastung durch anhaltenden Stress.

„Dies hat auch psychologische Auswirkungen“, fügte Sierova hinzu. „Wenn wir über kalte Temperaturen sprechen, geht es auch um Stress, Schlafstörungen und eine Verschlechterung der Konzentrations- und Gedächtnisleistung.“ Der Unterschied liege, so die Ärztin, zwischen akuter und chronischer Exposition. Eine kalte Nacht sei verkraftbar. Wochenlange Heizungsausfälle, eine unzuverlässige Stromversorgung und Temperaturen weit unter null Grad hingegen führten zu einer zunehmenden Belastung der Körperfunktionen.
Hanna Sierova betont, dass sie in diesem Winter deutlich mehr Patienten mit akuten Atemwegsinfektionen und Grippe behandelt hat, darunter auch geimpfte Personen. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals so viele geimpfte Menschen an Grippe erkrankt sind“, sagt sie. Laut dem ukrainischen Zentrum für öffentliche Gesundheit gab es Ende Januar 410,6 Fälle von akuten Atemwegsinfektionen pro 100.000 Einwohner. Dies entspricht einem Anstieg von 10,6 Prozent gegenüber der Vorwoche. Der Wert liegt jedoch immer noch im Rahmen dessen, was die Gesundheitsbehörde als „Hintergrundniveau“ für diese Jahreszeit bezeichnet.

Neben Virusmutationen nennt die Ärztin aus Kiew auch längere Kälteeinwirkung, Schlafstörungen und anhaltenden Stress als Faktoren, die zur Zunahme der Grippefälle beitragen. Die Kälte schwäche mit der Zeit die Immunabwehr, wodurch Menschen anfälliger für bereits zirkulierende Viren werden, so die Ärztin. Für Menschen mit chronischen Erkrankungen seien die Auswirkungen oft schwerwiegender. „Chronische Krankheiten verschlimmern sich ebenfalls”, sagte Sierova. Kälteeinwirkung kann Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen verschlimmern, insbesondere bei älteren Menschen. In einigen Fällen unterbrechen Stromausfälle die Behandlung, wenn Patienten ihre medizinischen Geräte wie Vernebler oder Sauerstoffkonzentratoren nicht mehr betreiben können.

Sierova wies außerdem darauf hin, dass sie einen Anstieg von Lebensmittelvergiftungen festgestellt habe. Wiederholte Stromausfälle beeinträchtigen die Kühlung. „Was ich derzeit beobachte, ist ein Anstieg der Lebensmittelvergiftungen“, sagte sie und warnte davor, während Stromausfällen Produkte mit kurz bevorstehendem Verfallsdatum zu kaufen. Wenn Stromausfälle die Wasserversorgung unterbrechen, wird es auch schwieriger, grundlegende Hygiene zu gewährleisten. Denn ohne ausreichend Wasser zum gründlichen Händewaschen steigt das Infektionsrisiko.
Bestimmte Gruppen sind davon besonders stark betroffen. „Dazu zählen schwangere Frauen, Kinder, Säuglinge, ältere Menschen, chronisch Kranke und Menschen mit Behinderungen“, zählte die Ärztin auf. Sie sind bei längeren Stromausfällen am stärksten gefährdet. In der Woche vom 26. Januar bis zum 1. Februar meldete das Zentrum für öffentliche Gesundheit sechs Todesfälle im Zusammenhang mit Grippe sowie einen weiteren Todesfall aufgrund einer durch Adenoviren verursachten Lungenentzündung. Laut Hanna Sierova sind viele dieser gesundheitlichen Auswirkungen weder sofort erkennbar noch sofort dramatisch. Die ständigen Strom- und Heizungsausfälle haben jedoch zur Folge, dass sie sich summieren und im Laufe der Zeit vermehrt zu schweren Krankheiten führen können.

Tatsächlich suchten im Januar 2026 insgesamt 1.642 Ukrainer aufgrund von Erfrierungen und Unterkühlung eine Notfallversorgung auf. Davon wurden 1.469 in Krankenhäuser eingeliefert.
Aufgrund der anhaltenden Angriffe auf die Energieversorgung ist leider kein Ende des Leids der ukrainischen Bevölkerung in Sicht. Die einzige Hoffnung der leidgeprüften Ukrainerinnen und Ukrainer ist, dass die Kältewelle bricht, die dem osteuropäischen Land einen der härtesten Winter der letzten Jahrzehnte beschert, oder dass ein „Energiewaffenstillstand” mit Russland vereinbart wird. Im Kreml deutet jedoch nichts auf eine Verhandlungsbereitschaft in diese Richtung hin.

Die Veröffentlichung von Ratschlägen und Verhaltensregeln bei Erfrierungen oder Unterkühlung durch das ukrainische Gesundheitsministerium spricht Bände:
Zur Erinnerung: Um Erfrierungen oder Unterkühlungen zu vermeiden, wird empfohlen, mehrere Kleidungsschichten zu tragen, sich körperlich zu betätigen und auf Alkohol zu verzichten.
Achten Sie besonders auf Warnzeichen für Kälteschäden. Eine Unterkühlung äußert sich durch blasse, kalte und trockene Haut (die Haut und die Lippen können bläulich erscheinen), Zittern des Körpers sowie in schweren Fällen durch eine verlangsamte Atmung oder Sprachschwierigkeiten. Bei Kleinkindern kann die Haut gerötet und kalt sein. Sie können ungewöhnlich ruhig oder schläfrig wirken und sich weigern zu essen. Erfrierungen äußern sich durch eine grau-gelbe oder manchmal wachsweiße Haut, ein Taubheitsgefühl und einen Gefühlsverlust, wobei die Haut nicht mehr auf Berührungen reagiert.
Erste Hilfe bei Erfrierungen und Unterkühlung: Stellen Sie zunächst sicher, dass Sie, die verletzte Person und andere Personen in Sicherheit sind. Bringen Sie die Person, die Anzeichen von Unterkühlung oder Erfrierungen zeigt, an einen warmen Ort. Rufen Sie anschließend die Notrufnummer 112 an, um medizinische Notfallhilfe anzufordern. Entfernen Sie vorsichtig Handschuhe, Schuhe, Schmuck und nasse Kleidung von den betroffenen Körperstellen. Decken Sie die Person mit einer Thermodecke oder einer normalen Decke zu. Wenn die Person bei Bewusstsein ist, bieten Sie ihr warme, alkoholfreie Getränke wie Tee oder Wasser an. Bleiben Sie bei ihr, bis medizinische Hilfe eintrifft. Auf die betroffenen Stellen können saubere, trockene Mullbinden aufgelegt werden. Unter keinen Umständen darf Alkohol auf die Verbände aufgetragen werden! Reiben Sie die betroffene Haut nicht mit Schnee ab und versuchen Sie nicht, gefrorene Hände oder Füße in heißem Wasser zu erwärmen.
Sollte sich der Zustand der Person verschlechtern, verständigen Sie erneut den Rettungsdienst. Sollte die Person bewusstlos werden und keine Lebenszeichen mehr zeigen, beginnen Sie mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung.













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