Von: APA/dpa/Reuters/Ukrinform
Mit einem abrupten Generationswechsel an der Armeespitze will der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mitten im Krieg den öffentlich eskalierten Streit zwischen Modernisierern und Traditionalisten beenden. Nach tagelangen Straßenprotesten übernahm der 43 Jahre alte Generalmajor Mychajlo Drapatyj am Mittwoch die Führung über die ukrainischen Streitkräfte. Selenskyj hatte den bisherigen Oberkommandierenden Olexander Syrskyj (60) am Dienstag entlassen.
Damit opfert der Präsident nun auch Syrskyj, der aus einem Machtkampf mit dem bisherigen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zunächst als Sieger hervorgegangen war. Die Entlassung des 35-jährigen Zivilisten und Technologiespezialisten Fedorow im Rahmen einer Kabinettsumbildung löste jedoch Proteste für Fedorow und gegen Syrskyj aus. Dem Druck der meist jungen Demonstranten, die der Soldatengeneration angehören, gab Selenskyj nun nach. Die Demonstranten sahen den entlassenen Minister als Vertreter einer anderen Kriegführung, die auf Technik statt auf den Verschleiß von Soldaten setzt, an denen es in der Ukraine fehlt.
Der in den 1980er-Jahren in Moskau ausgebildete Syrskyj gilt als Verfechter eines alten militärischen Kurses, die auf Verluste wenig Rücksicht nimmt. Zu Syrskyjs anerkannten Erfolgen zählen umfangreiche Rückeroberungen ukrainischer Gebiete. Als Verteidigungsminister wurde kommissarisch Jewhenij Chmara eingesetzt. Für eine offizielle Bestätigung muss der Präsident die Kandidatur im Parlament einreichen und sie von den Abgeordneten bestätigen lassen. Chmara hatte zuvor im Geheimdienst SBU die Drohnenangriffe auf Russland geleitet.
Selenskyj verlangt von neuem Armeechef mehr Offensive
Drapatyj hat nach eigenen Angaben von Selenskyj “klare Aufgaben” gestellt bekommen. “Die Offensivhandlungen in allen Bereichen fortsetzen und zu intensivieren, neue Operationen hinter den feindlichen Linien zu planen, das Militär und seine Technologien weiterzuentwickeln sowie die Fähigkeiten der Streitkräfte der Ukraine auszubauen”, schrieb Drapatyj auf seiner Facebookseite.
Drapatyj dankte Selenskyj für die Ernennung von Ihor Skybjuk zum Chef des Generalstabs. Er kenne Skybjuk bereits seit 2022. “Vor uns liegt eine schwierige Arbeit, daher gehen wir ohne vollmundige Versprechungen vor”, schrieb der Generalmajor. Für Entscheidungen werde Verantwortung übernommen, und den Soldaten an der Front werde mit Respekt begegnet.
Selenskyj erwartet von dem neuen militärischen Oberbefehlshaber Drapatyj eine Fortsetzung der massiven Angriffe auf die Energiebranche und Logistikeinrichtungen in Russland. Während Russland seine Angriffe auf die Ukraine als “militärische Spezialoperation” bezeichnet, nennt die Ukraine ihre Vergeltungsschläge “Sanktionen”. “Die Einsätze der ukrainischen Verteidigungsstreitkräfte dauern an und müssen stetig fortgesetzt werden”, erklärte Selenskyj zur Ernennung Drapatyjs. “Der ukrainische Plan für weitreichende Sanktionen und unser Programm für Mittelstreckenangriffe werden mit absoluter Präzision ausgeführt.”
Mann für schwere Fälle
Der in der Bevölkerung beliebte Drapatyj wird nach Walerij Saluschnyj und Olexander Syrskyj der dritte Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee in fast viereinhalb Jahren des russischen Angriffskriegs. Drapatyj wird von Kameraden als General einer neuen Generation beschrieben. Geboren 1982, stieg er in einer 26-jährigen Militärkarriere vom Panzerleutnant zu einem der fähigsten Kommandanten der Ukraine auf. In der vergangenen Woche hatte er sich in einer seiner wenigen öffentlichen Äußerungen hinter den abgesetzten Verteidigungsminister Fedorow gestellt. “Ich glaube an die ukrainischen Streitkräfte, die in der Lage sind, zu lernen, Technologie zu entwickeln, Menschen zu schützen und es Kommandanten zu ermöglichen, die Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen”, erklärte Drapatyj auf Facebook.
Drapatyj gilt als Mann für aussichtslos erscheinende Fälle. 2014 machte er sich einen Namen, er mit einem gepanzerten Mannschaftstransporter eine Straßensperre prorussischer Kräfte in Mariupol durchbrechen ließ, um belagerte Polizisten zu retten. Nach dem russischen Großangriff im Februar 2022 wurde Drapatyj an wechselnden Frontabschnitten eingesetzt, um dort jeweils verfahrene Situationen zu lösen. 2024 half er mit, einen russischen Einmarsch nahe Charkiw zu stoppen.
Kurz darauf wurde er der bisher jüngste Befehlshaber der ukrainischen Landstreitkräfte. In dieser Funktion versuchte er, das Rekrutierungs- und Ausbildungssystem zu reformieren, und förderte Eigeninitiative und Flexibilität bei den Truppen an der Front. Nachdem bei einem russischen Angriff auf ein Ausbildungszentrum im Juni 2025 mindestens zwölf ukrainische Soldaten getötet worden waren, trat Drapatyj als Heereschef zurück. Er übernehme die Verantwortung dafür, dass im Heer Soldaten nicht genügend geschützt worden seien, erklärte er. Zuletzt befehligte Drapatyj eine Armeegruppe, die für die Verteidigung des Gebiets Charkiw zuständig ist.
Fedorow begrüßt Entscheidung
Ex-Verteidigungsminister Fedorow, dessen Rückkehr ins Amt eine der Hauptforderungen der Demonstranten war, begrüßte die Ernennung Drapatyjs auf der Plattform X als “frischen Wind” und “Stimme der Veränderung, die nicht länger ignoriert werden konnte”. Ob Fedorow in die Regierung zurückkehrt, blieb zunächst unklar. Selenskyj bot ihm nach eigenen Angaben eine “würdige Position” zur Aufsicht über den technologischen Bereich an. Details nannte er nicht. Nach ukrainischen Medienberichten lehnte Fedorow, dem Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt werden, aber ab. Fedorow hatte zuvor erklärt, für ihn komme nur eine Rückkehr in sein bisheriges Amt infrage.
Syrskyj akzeptierte seinen Abschied und zog eine persönliche Erfolgsbilanz. “Ich übergebe meinem Nachfolger eine Armee, die nicht nur die Verteidigung aufrechterhält, sondern auch in der Offensive ist”, erklärte er am Mittwoch auf dem Kurznachrichtendienst Telegram. Unter seiner Führung habe die Ukraine in diesem Jahr 700 Quadratkilometer ihres Territoriums zurückerobert. Weiter betonte er, dass eine russische Offensive in der Region Charkiw gestoppt worden sei und er 2024 den Vorstoß in die russische Region Kursk befehligt habe.
Der General machte deutlich, dass es ihm selbst nicht um Posten gehe. “Meine Aufgabe ist der Krieg”, erklärte er. “In welcher Position ich auch immer sein mag, ich werde der Ukraine bis zum Sieg dienen.” So sei unter seiner Leitung auch erstmals Drohnenstreitkräfte gegründet worden, die Russland keine sicheren Rückzugsgebiete mehr ließen. Das Land habe eine eigene Flugabwehr aufgebaut, führte er in einer ausführlichen Bilanz aus. “Lange Zeit hat man versucht, uns einzureden, dass die Ukrainer nicht in der Lage seien, Krieg zu führen”, sagte der aus Russland stammende Syrskyj. “Wir haben bewiesen, dass das nicht stimmt. Die Ukraine wird von einem heldenhaften Volk verteidigt.”
Russland überzieht das Land seit mehr als vier Jahren mit einem zerstörerischen Angriffskrieg. Seine Kriegsziele hat Moskau bisher nicht erreicht.




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