Von: Martin Geier
Bozen – Südtirol wird bei Gästen aus Asien, namentlich bei Chinesen, Südkoreanern, Japanern und Taiwanesen, immer beliebter. Diese „neuen Touristen“, die immer zahlreicher werden, sorgen bei den einheimischen Hoteliers jedoch nicht nur für Begeisterung.
Einerseits helfen sie dabei, die Abhängigkeit von einigen wenigen touristischen Kernmärkten – etwa dem deutschen – zu verringern. Andererseits schaffen sie auch bisher so nicht gekannte Herausforderungen. „Sie kommen durch Social Media, buchen sehr lange im Voraus und belegen die Zimmer für unsere Stammgäste. Wir riskieren, den Markt der deutschen Stammgäste zu verlieren“, klagen viele Touristiker.
Auch die Bergretter sind alles andere als begeistert: „Oft fehlt ihnen die passende Ausrüstung“, erklärt Carlo Zanella, der Präsident der Südtiroler Sektion des italienischen Bergsteigervereins CAI. Da sie zumeist an wenigen „Instagram-Places“ wie der Seceda, in Villnöß oder am Pragser Wildsee anzutreffen sind, sind die asiatischen Touristen zudem zu einem guten Teil für den Overtourism verantwortlich. Eine Lösung ist noch nicht in Sicht.

Der Tourismus ist seit jeher ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region. So wurden im Jahr 2025 in Südtirol über 38,2 Millionen Übernachtungen verzeichnet, allein im August dieses Jahres wurden mehr als 1,3 Millionen Ankünfte gezählt. Wie Roberta Agosti, die Direktorin des Verkehrsvereins Bozen, dem Corriere dell’Alto Adige bestätigte, machen Gäste aus Asien einen immer größeren Anteil der Ankünfte und Übernachtungen in Südtirol aus. Sie belegen nach Italien, Deutschland und den USA den vierten Platz. Es handelt sich dabei vor allem um Südkoreaner, Chinesen, Japaner und Taiwanesen. „Es ist ein anderes Publikum“, erklärt Agosti, „das bisher meist nur kurz bleibt – daran müssen wir arbeiten.“ Zudem betont Agosti, dass sich viele asiatische Touristen auf wenige, bereits sehr beliebte Orte konzentrieren. „Wir müssen sie auch über den Rest unseres Angebots informieren. Unser Land hat weit mehr zu bieten als nur die international bekannten Top-Ziele.“

Gegenüber der Lokalausgabe des Corriere della Sera unterstreicht Klaus Berger, Präsident des Südtiroler Hoteliers- und Gastwirteverbands (HGV), die Bedeutung der Kernmärkte: „Für uns bleiben Deutschland, Österreich und die Schweiz die wichtigsten Zielmärkte. Über die sozialen Medien finden mittlerweile auch asiatische Touristen zu uns, ohne dass wir eigene Werbekampagnen durchführen müssen. Die Herausforderung besteht jedoch darin, dass sie ihren Urlaub im Vergleich zu unseren gewohnten Gästen sehr lange im Voraus buchen und dadurch frühzeitig Zimmer blockieren.“

Daraus ergibt sich ein klarer Zielkonflikt: Sowohl der kurzfristige Tagestourismus als auch das extrem langfristige Buchungsverhalten internationaler Fernreisender bergen das Risiko, traditionelle Stammgäste aus Italien und Deutschland – insbesondere jene, die erst spontan buchen – zu verdrängen. Um diese Klientel nicht zu verprellen, erwägen einige Hoteliers bereits, nur einen Teil der Zimmer für weit im Voraus buchende Märkte freizugeben.

Neben dem veränderten Buchungsverhalten stellt auch der ausgeprägte Tages- und Durchreiseverkehr die Anbieter vor große Herausforderungen. Eine ähnliche Problematik wurde zuletzt auch von Hoteliers bekannter italienischer Kunst- und Kulturstädte betont. Asiatische Gäste verweilen oft nur ein bis zwei Tage an einem Ort, bevor sie zur nächsten Etappe weiterziehen, etwa von Venedig über die Dolomiten nach Mailand. Diese Reiseplanung wird maßgeblich von viralen Trends auf chinesischen Social-Media-Plattformen wie REDnote (Xiaohongshu) oder Douyin beeinflusst. Dies führt zu zeitlichen Überlastungen an spezifischen Fotospots, den sogenannten „Instagram-Orten“, während umliegende Gebiete kaum Beachtung finden. Für die Anwohner entstehen dadurch erhebliche Verkehrsprobleme.

Auch die Bergretter sind alles andere als begeistert: Viele asiatische Urlauber zeigen einen weit verbreiteten Mangel an Bewusstsein für die geografischen Besonderheiten ihrer Reiseziele – insbesondere in der Natur und im Gebirge. Der italienische Alpenverein (Club Alpino Italiano, CAI) berichtet regelmäßig von asiatischen Wanderern, die sich mit völlig unzureichender Ausrüstung, wie etwa glatten Turnschuhen oder sogar Flipflops, auf anspruchsvolle Wanderwege oder in hochalpines Gelände wagen. Aufgrund ihrer fehlenden Erfahrung in diesem Umfeld bringen sie sich und die Bergretter in große Gefahr.
Carlo Zanella, der Präsident des Südtiroler Alpenvereins (CAI), weist zudem auf ein weiteres Problem hin: „Erst seit Kurzem besuchen asiatische Touristen unsere Berge. Sie sind stets sehr respektvoll und ordentlich, doch häufig fehlt ihnen die richtige Ausrüstung für die Wanderwege. Sie steigen in Sandalen oder Schlappen auf die Berge – das ist ein erhebliches Sicherheitsrisiko.“

Zanella sieht auch die Folgen des Tagestourismus kritisch: „Meist bleiben sie nur ein paar Tage, reisen im Reisebus an und sind am nächsten Tag schon in Cortina, Venedig oder Mailand. Das kann zu Konflikten mit unseren Stammgästen aus dem deutschsprachigen Raum führen, die sich bereits über steigende Preise und Massentourismus beschweren.“
Von Villnöß bis zum Seceda entscheiden sich immer mehr Besucher aus Asien für Südtirol. „Ich habe sogar ein Paar gesehen, das hier Fotos für seine Hochzeit gemacht hat”, erzählt Zanella. „Das freut natürlich manche Hoteliers, weniger jedoch die einheimische Bevölkerung, die ihre Täler mittlerweile von Touristen aller Nationalitäten überlaufen sieht.“

In Südtirol steigt der Unmut. In der jüngeren Vergangenheit kam es im Land zu kontroversen Eigeninitiativen, lautstarken Protesten und Provokationen – von Drehkreuzen bis hin zum „Touristen-Ausweichlauf“ –, die von der Bevölkerung gegen den Übertourismus inszeniert wurden. Der Massentourismus treibt die Lebenshaltungskosten in die Höhe, da Wohnungen häufig in Ferienunterkünfte umgewandelt werden, wodurch die Mieten und Immobilienpreise steigen. Zudem werden traditionelle kleine Läden, Lebensmittelgeschäfte und Handwerksbetriebe zunehmend durch internationale Marken, Souvenirläden und große Ketten verdrängt.
Es geht also nicht um asiatische Gäste, sondern um eine notwendige Steuerung der Touristenströme, um diese besser auf das Land und über die gesamte Saison hinweg zu verteilen. Es gilt zu verhindern, dass die Einheimischen die Zeche für eine „unregulierte Flut“ zahlen.







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