Von: Sophia Molitor
Salurn – Auf der einen Seite entwickelt sich die Welt technologisch rasant weiter, auf der anderen wird mit großer Begeisterung an mitteralterlichen Traditionen festgehalten. Besonders in Tirol, Südtirol und dem Trentino finden zwischen Anfang November und Anfang Dezember alljährlich Krampusläufe statt. Ein äußerst spannender Kontrast, der sich dadurch offenbart: Während die Menschheit über künstliche Intelligenz, Robotik und die Frage diskutiert, ob Maschinen uns eines Tages intellektuell überlegen sein könnten, zieht sie gleichzeitig mit Hörnern, Fratzen, Ketten und Peitschen durch die Straßen.
Am 7. November findet in Salurn erstmals die „Salurner Krampuswelt“ statt. Rund 500 Krampusse werden ab 18.00 Uhr durch die Straßen ziehen. Erwartet werden zwischen 2.000 und 3.000 Besucher, darunter auch Gäste von außerhalb der Region. Für die Sicherheit sorgt eine Taskforce mit mindestens 50 Personen, darunter Carabinieri der Kompanie Neumarkt und Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes. Die Strecke, die den Murenweg, den Cesare-Battisti-Platz und den Rathaus-Platz einschließt wird zwischen 15.00 Uhr und 22.00 Uhr gesperrt sein. Weitere Sperren gelten von 10.00 Uhr bis 1.00 Uhr am Josefsplatz und Andreasplatz. Auch der Busverkehr der Linie 127 wird ab 15.00 Uhr eingestellt.
Bürgermeister Roland Lazzeri kann die erwartete Besucherzahl nicht genau einschätzen: „Es ist auch für uns das erste Mal, und es ist wirklich schwierig, eine Prognose abzugeben“, erklährt Lazzeri. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen die Krampusgestalten, Feuer, Folklore und Musik – ein Spektakel, das historisch gesehen bewusst mit dem Unheimlichen und Dämonischen spielt und es dementsprechend inszeniert.
Tradition: Das Böse mit dem Bösen vertreiben
Der Ursprung der Krampus-Tradition liegt in der mitteleuropäischen, insbesondere im deutschsprachigen Alpenraum verbreiteten Mythologie. Der Krampus gilt als dämonische Gestalt, die den heiligen Nikolaus begleitet. In der christlich geprägten Erzählung ist er ein besiegter Dämon, der dem Heiligen unterworfen wurde und ihm ab sofort dienen muss. Während der Nikolaus am 5. Dezember beziehungsweise am Nikolausabend die braven Kinder mit Süßigkeiten und kleinen Geschenken belohnt, verkörpern die Krampusse die strafende, bedrohliche Gegenfigur. Mit Masken, Hörnern, Ketten und Ruten ziehen sie durch die Straßen und erschrecken die Menschen. Nicht selten werden Zuschauer dabei auch mit Ruten geschlagen.
Der Brauch soll ursprünglich dazu gedient haben, das Böse und die dunklen Kräfte zu vertreiben. Außergewöhnlich an dieser Tradition ist vor allem der damalige Glaube, die Dunkelheit mit der Dunkelheit bekämpfen zu können. Dämonen sollen durch Dämonen vertrieben werden und Angst durch Angst besiegt werden. Dabei wäre es der modernen Logik zufolge naheliegender, das Licht gegen die Finsternis einzusetzen.
Eine solche Vorstellung mag in einer Welt, in der Naturgewalten, Krankheiten und unerklärliche Ereignisse als Ausdruck übernatürlicher Kräfte verstanden wurden, nachvollziehbar gewesen sein. Doch wie viel davon braucht eine Gesellschaft, die sich heute als eine auf Wissenschaft, Vernunft und technologischer Entwicklung basierende Gesellschaft präsentiert?
Fallen Erwachsene in die Roller der Pubertät zurück?
Eine interessante Perspektive auf diese Bräuche bietet auch die Kultur- und Sozialanthropologin Gertraud Seiser. Sie verweist auf die Bedeutung der Pubertät und darauf, wie junge Menschen in dieser Entwicklungsphase mit körperlichen Veränderungen, Hormonen, Emotionen und dem Bedürfnis nach Abgrenzung umgehen. Rituale und Gruppenerlebnisse können dabei einen Raum schaffen, in dem intensive Gefühle ausgelebt und verarbeitet werden.
Das mag erklären, warum solche Veranstaltungen gerade auf junge Menschen eine besondere Anziehungskraft ausüben. Das Ausbrechen aus dem Alltag, das Spiel mit der Angst und Aggression, das Erleben von Gemeinschaft und das Austesten von Grenzen, spielt vor allem in der Pubertät eine große Rolle. Allerdings stellt sich, anhand ihrer Perspektive die Frage warum dieser Brauch weiterhin auch bei Erwachsenen für Begeisterung sorgt. Die Entwicklungsphase der Pubertät solle eigentlich weitgehend überwunden sein.
Die Vorstellung, dass man sich auch Jahrzehnte später noch in einer Horde dämonischer Gestalten ausleben muss, die mit Ketten rasseln und Menschen mit Ruten schlagen, wirft zumindest die Frage auf, wo das spielerische Ausleben einer Tradition endet und die unkritische Wiederholung archaischer Verhaltensmuster beginnt.
Während die Angst vor künstlicher Intelligenz wächst und die Frage diskutiert wird, ob Maschinen eines Tages klüger sein könnten als wir, lohnt es sich vielleicht, darüber nachzudenken, worauf Intelligenz aus unserer Sicht tatsächlich beruht. Denn Intelligenz bemisst sich nicht allein an Rechenleistung, Wissen oder Problemlösungsfähigkeit – Fähigkeiten, die auch Maschinen problemlos übernehmen können. Sie zeigt sich ebenso in der Fähigkeit, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Eine Fähigkeit, die ein Roboter wiederum nicht besitzen kann.
Vielleicht sollten wir uns künftig weniger die Frage stellen, ob Maschinen eines Tages intelligenter sein werden als wir, sondern vielmehr, ob wir neben dem technologischen auch an einen kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt interessiert sind.




Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen