Slobodan Snajder Ende Februar beim Interview mit der APA

Kroatischer Autor Slobodan Šnajder 78-jährig gestorben

Montag, 31. August 2026 | 16:45 Uhr

Von: importer

Im Frühjahr hatte der kroatische Autor Slobodan Šnajder zwei Monate in einer Gastwohnung des Wiener Museumsquartiers verbracht, an einem großen Roman gearbeitet, der das Schlussstück einer Trilogie werden sollte, und die deutsche Übersetzung des Mittelstücks, des Romans “Engel des Verschwindens”, vorgestellt. Am Sonntagabend (30. August) ist Šnajder im Alter von 78 Jahren überraschend in seiner Heimatstadt Zagreb gestorben. Das gab der Zsolnay Verlag am Montag bekannt.

“Vor drei Wochen rief er mich an und erzählte, etwas geschwächt, aber bestimmt, dass er nach einem Verkehrsunfall im Spital liege, den Roman aber bei seinem Verlag in Kroatien abgeliefert habe. Im November werde er ‘Maria Leib’, so der Titel, auf dem Literaturfestival in Pula vorstellen. Unbedingt müsse ich dorthin kommen, dabei sein, auf die Vollendung und die hoffentlich baldige deutsche Ausgabe anstoßen”, ließ Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger wissen. Die Todesmeldung habe ihn am Montagvormittag ereilt. “Mit ihm verliert Europa eine über seine Länder hinausschallende Stimme, einen eigensinnigen, couragierten Schriftsteller, dessen Werk bleiben wird.”

Wurde durch sein Stück “Der kroatische Faust” bekannt

Slobodan Šnajder wurde international durch sein Stück “Der kroatische Faust” bekannt, das 1982 in Split uraufgeführt und 1994 in einer Inszenierung von Hans Hollmann auch am Burgtheater gezeigt wurde. Er schrieb zahlreiche Stücke, leitete jahrelang das Theater der Jugend in Zagreb und war als politischer Kolumnist für die Tageszeitung “Novi list” tätig. 2019 erschien sein Roman “Die Reparatur der Welt” auf Deutsch, ein europäischer Epochenroman, der im Schwabenland beginnt, donauabwärts führt, seine dramatische Haupthandlung im kriegsverwüsteten Polen entfaltet und in Zagreb endet. Im Zentrum steht das Glück, das dazu gehörte, dass seine Eltern – ein in Slawonien lebender “Volksdeutscher”, der sich als “Zwangsfreiwilliger” zur Waffen-SS melden musste, und eine junge Partisanenführerin – in den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs zusammenfanden, damit er 1947 in Zagreb gezeugt werden konnte. Als Ungeborener kommentiert er im Buch gelegentlich den Fortgang der Ereignisse.

In “Engel des Verschwindens” setzte er ebenfalls auf einen ungewöhnlichen Erzähler: Ein altes Mietshaus im Zentrum von Zagreb kann sich nur wundern, was die Menschen in ihm so treiben. Der Roman ist ein Geschichts- und Geschichtenbuch, das mit drei Zeitschnitten operiert. 1941 arrangiert man sich mit der Okkupation durch NS-Deutschland, 1945 ziehen die Partisanen als Befreier in der Stadt ein, 1991 zerfällt Jugoslawien in einem blutigen Bruderkrieg. Mit den Umbrüchen wechseln auch die Hausbewohner – Juden, Ustascha, Kommunisten, Kroaten und Serben kommen und müssen gehen.

Trilogie war für ihn “ein Testament, ein letztes Wort”

Für den Abschluss der Trilogie recherchierte der Autor auch in Mauthausen, wo er vergeblich Spuren seines hierher verschleppten Onkels suchte, der dort als politischer Häftling wohl in den letzten Kriegstagen umgebracht wurde. In dem Roman hatte er für ihn eine wichtige Rolle geplant. Ende Februar erzählte er im APA-Interview von seiner Arbeit an dem Buch, aber auch von seinem grundsätzlichen Pessimismus, was die politische Entwicklung angeht: “Der Balkon am Heldenplatz ist im Moment leer und wartet auf den Nächsten.” An die Möglichkeit, als Autor Einfluss zu nehmen auf die Entwicklung – daran glaubte Slobodan Šnajder nicht mehr. “Ich habe so viel geschrieben in meinem Leben – umsonst.” Seine Trilogie sei für ihn “ein Testament, ein letztes Wort”. Er hat es noch fertigstellen können. Slobodan Šnajder hat nun tatsächlich das letzte Wort gesprochen.

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