Von: importer
Ein Bunker schützt nicht nur vor der Außenwelt, er isoliert auch vor ihr. Mit diesem Symbol geht Oscar-Preisträger Florian Zeller (für das Drehbuch zu “The Father”) nun dem Lebensgefühl unserer Zeit auf den Grund. In “Bunker” verbindet er erneut gekonnt großes Schauspielkino mit einem dichten Plot und moralischen Fragen. Dies komme nicht von ungefähr, machte der 47-Jährige am Donnerstag bei der Viennale-Präsentation seines Werks deutlich: “Ich habe Angst vor der Zukunft.”
Eventuell seien wir alle wirklich die letzte Generation der Zivilisation, zeigte sich der Franzose pessimistisch. Und dennoch strebe die Gesellschaft momentan auseinander, suche jeder sein Glück im Rückzug – “als wären wir isolierte Inseln und keine verbundenen Kontinente.”
Bardem und Cruz auf den Leib geschrieben
Diese Mechanismen waren auch eine der Triebkräfte für “Bunker”, den Zeller dem spanischen Kinotraumpaar Javier Bardem und Penélope Cruz auf den Leib geschrieben hat. Die beiden spielen das Powercouple Miguel und Sofia, das für seine Karriere vor einigen Jahren von Madrid nach London gezogen ist. Er ist Stararchitekt, sie Verlagslektorin, und gemeinsam mit den beiden Töchtern lebt man in einem Haus, das wie von Tom Ford durchgestylt scheint.
Dieses scheinbare Idyll wird jedoch zunehmend brüchig, als Miguel von einem Techmilliardär das Angebot unterbreitet bekommt, für ihn einen Hightechbunker auf Hawaii zu bauen, um für den Fall des zivilisatorischen Untergangs gerüstet zu sein. Außerdem beginnt Miguel einen Privatkrieg mit dem proletarischen Nachbarn (Stephen Graham), der die gemeinsame Trennwand der Grundstücke für ein Fenster durchschlägt.
Die Stabilität wankt
Die Stabilität gerät ins Wanken – jene der Mauer ebenso wie jene der Ehe von Miguel und Sofia. Sie verurteilt seine Überlegung, das Angebot des Milliardärs überhaupt in Erwägung zu ziehen, und beginnt, das Fundament der Beziehung in Frage zu stellen. Sie spürt Veränderung, ohne sie noch genau benennen zu können und fühlt sich stattdessen zum jungen Literaten Jeremy Smith (Patrick Schwarzenegger) hingezogen.
“Javier hat zu mir gesagt: ‘Wir brauchen keine Proben – ein streitendes Paar können wir seit Jahren'”, erinnerte sich Zeller an den Prozess der Vorbereitung. Und wahrlich verkörpert das Paar im realen Leben den Zwist des Paares im Film in dichten Szenen bravourös. Dennoch geht “Bunker” über das schiere Beziehungsdrama weit hinaus.
Die Distanz im Zentrum
Zeller verbindet die Distanz zwischen den Individuen mit der Entfernung zwischen den Klassen, rückt die isolationistischen Tendenzen unserer Tage ins Zentrum. So hadert der Architekt Miguel mit der Idee, für einen Superreichen ein Refugium unter der Erde zu bauen, isoliert sich und seine Familie aber selbst in seinem Anwesen. Die Natur ist hier allenfalls auf der Fototapete präsent, die Luxuswelt, in der sich die Protagonisten bewegen, trägt in all ihrer Großzügigkeit klaustrophobische Züge. Das Fenster des Nachbarn wird hier als Angriff auf den damit durchlöcherten Schutzwall begriffen.
Diese Paradoxien seien für ihn ein Antrieb gewesen, machte Zeller nun deutlich mit Verweis auf Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der sich tatsächlich auf Hawaii eine Schutzanlage errichten lässt. “Der Mensch, der ein Vermögen mit der Idee gemacht hat, Menschen zu verbinden, arbeitet nun an der Idee, sich zu isolieren.” Er selbst stelle sich da für sich persönlich die Frage: “Wenn alle sterben, welchen Sinn hat es, weiterzuleben?”
Zeller gelingt mit “Bunker”, die großen Strömungen unseres Zeitalters auf letztlich kleinem Raum zu komprimieren. In durchästhetisierten Aufnahmen, zu denen der deutsche Oscar-Komponist Volker Bertelmann (“Im Westen nichts Neues”) einen seiner markanten Elektroniksoundtracks beigesteuert hat, mischt der Film Beziehungsdrama und Thriller, politische Metapher und moralische Parabel, ohne sich dabei zu überheben. Und das wäre dann ja bei aller Gemeinschaftstendenz schon fast wieder ein Alleinstellungsmerkmal.




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