Sandra Hüller nimmt sich trotz allen Risikos als Rose die Freiheit

Sandra Hüller: “Schleinzer ist ein kämpferischer Regisseur”

Sonntag, 15. Februar 2026 | 07:39 Uhr

Von: apa

Sie hat sich mittlerweile zu einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schauspielerinnen emporgearbeitet und war für “Anatomie eines Falls” bereits oscarnominiert: Sandra Hüller. Nun spielt die 47-jährige Künstlerin in Markus Schleinzers neuem Film “Rose” die Hauptrolle einer Frau, die sich im Dreißigjährigen Krieg als Mann ausgibt, um selbstbestimmter leben zu können.

Vor der Weltpremiere im Rahmen des Berlinale-Wettbewerbs am Sonntagabend sprach Hüller mit der APA über Markus Schleinzer als Visionär, die Männerdarstellung im Film und auf der Bühne sowie die Frage, wie man einen Organismus bildet.

“Das ist schon bemerkenswert”

APA: Markus Schleinzer ist einerseits selbst Schauspieler und andererseits ein intellektueller Regisseur, der eine klare Vision von seinen Projekten hat. Wie ist es, mit so jemandem als Schauspielerin zu arbeiten?

Sandra Hüller: Markus Schleinzer hat ganz verschiedene Seiten. Er ist ja auch Produzent und weiß also sehr wohl, was man in einem Film alles machen kann – auch wenn andere einem was anderes erzählen. Und er ist ein sehr kämpferischer Regisseur für seine Sache. Er ist zugleich sehr verbindend für die Menschen bei einem Projekt. Das ist schon bemerkenswert. Als Schauspieler funktioniert er aber anders als ich. Ich glaube, er braucht da andere Dinge, und das ist auch völlig in Ordnung, denn er hat mir sehr vertraut in dem, was ich gemacht habe.

APA: Das bedeutet, Sie hatten trotz aller konkreter Vision am Set als Künstlerin Freiheit?

Hüller: Wenn man Schwarz-Weiß dreht und historisch, dann gibt es wenig Bewegungsfreiheit. Das ist einfach der Sache immanent. Das Licht muss perfekt sein, die Positionen ebenso. Das hat dann nichts mit Markus zu tun, sondern mit dem ganzen Setting. Und darin Freiheit zu finden, als Regieperson oder eben auch als Spielperson, das ist dann die Aufgabe. Hier spiegelt sich das Thema des Films.

“Das Private ist politisch”

APA: “Rose” ist einerseits eine gesellschaftspolitische Parabel, die einen gewissen zeitübergreifenden Allgemeinanspruch formuliert. Andererseits müssen Sie natürlich eine konkrete Person darstellen. Wie bewegt man sich in diesem Spannungsfeld als Schauspielerin?

Hüller: Wenn ich davon ausgehe, dass das Private politisch ist – und da sind wir uns wahrscheinlich einig-, dann kann man nur von einer Person ausgehen. Ich kenne sozusagen die Regeln der Gesellschaft, in der ich mich bewege im Film. Und dann gibt es die konkrete körperliche, physische Erfahrung – das Kostüm, die Maske mit der Narbe, die Hitze, die Kälte, etc. Und mein Körper ist mein Körper, der reagiert darauf. Und ich reagiere auf meine Kolleginnen. Wir bilden einen Organismus. Ich würde deshalb nicht sagen, dass ich in dem Sinne etwas über Gesellschaft gespielt habe. Das passiert automatisch mit.

APA: Die Darstellung der Rose ist nicht Ihre erste Hosenrolle, haben Sie am Theater doch etwa bereits den Hamlet gespielt. Aber sind diese beiden Welten vergleichbar?

Hüller: Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Im Theater gibt es eine andere Form von Behauptung. Wenn jetzt eine Frau Hamlet spielt, dann ist das halt so. Und Hamlet hat keine Angst vor Entdeckung. Bei Rose hingegen geht es um jemanden, der eine Frau ist und so tut, als wäre sie ein Mann, und ständig mit der Angst der Entdeckung lebt. Das sind zwei völlig verschiedene Spielvorgänge und Spielanlässe. Das hat eigentlich nichts miteinander zu tun. Bei Hamlet habe ich mich nie bemüht, in irgendeiner Art und Weise männlich zu wirken. Bei Rose dagegen schon.

“Da macht man nicht so viel Aufsehen”

APA: Zugleich fällt Ihr Spiel der “männlichen” Figur sehr subtil aus, sehr lakonisch. Haben Sie hier bewusst versucht, nicht ins Outrieren der männlichen Geste zu verfallen?

Hüller: Ich selbst bin als Zuschauerin und Spielerin nicht sicher, ob es glaubwürdig war. Es gab auch Szenen, die wir gefilmt haben, in denen Rose gewalttätig ist, um ihre männliche Position innerhalb des Rudels zu behaupten. Markus hat dann aber darauf verzichtet, das in den Film zu nehmen. Und mir ging es eher darum, Rose als jemanden zu spielen, der wirklich Tod und Zerstörung gesehen hat und einfach in Frieden leben will. Und da macht man nicht so viel Aufsehen, dachte ich mir.

APA: Im Gegensatz zur Ehefrau Suzanna, die fast eine Coming-of-Age-Geschichte hat, ist Rose damit der statischere, stabilere Charakter …

Hüller: Rose geht diesen Weg natürlich auch schon viel länger, hat schon den halben Krieg als Mann gelebt. Und ich glaube auch, dass sie das Ende der Geschichte kennt. Das Risiko, dass es nicht funktioniert, das rechnet sie in jeder Sekunde mit ein. Der Spielanlass ist die Angst vor der Entdeckung, denn es besteht das Risiko, dass es tödlich endet. Das ist die eigentliche Freiheit, die sie hat. Sie sagt: Was auch immer passiert, ich will das so. Und das war mir das Fundament.

“Wenn ein Projekt interessant ist, mache ich das”

APA: Sie legen momentan einen kometenhaften internationalen Aufstieg hin und drehen zugleich weiterhin kleinere, deutschsprachige Projekte wie “Rose”. Ist das eine Position, die Sie auch in Zukunft halten wollen?

Hüller: Ich habe eigentlich nicht so doll vorausgedacht, weil man ja eh nicht weiß, was passiert. Wenn ein Projekt interessant ist, dann mache ich das. Und es hat natürlich auch Vorteile, in der Muttersprache zu spielen.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – www.berlinale.de/de/2026/programm/202614656.html )

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