Gustav Ernst erinnert sich an seine Jugend

“Arbeiterkino”: Gustav Ernst über eine “Jugend in Favoriten”

Mittwoch, 16. September 2026 | 11:27 Uhr

Von: importer

Der 1944 geborene Wiener Autor Gustav Ernst war ein echtes Arbeiterkind. Das wird rasch deutlich, wenn man sein neues Buch aufschlägt, in dem er sich an “eine Jugend in Favoriten” erinnert. Das “Arbeiterkino” des Titels ist doppeldeutig. Einerseits steigen konkrete Szenen so plastisch aus dem Gedächtnis herauf, dass man tatsächlich Kamerafahrten eines Kopfkinos miterlebt, andererseits werden die Lichtspielhäuser des zehnten Bezirks umso attraktiver, je älter “Gusti” wird.

Anders als der um ein Jahr ältere Peter Henisch, der sich jüngst in seinem Roman “Muttersuchen” erneut seiner Familiengeschichte und der Auseinandersetzung mit der Nachkriegszeit zugewandt hat, verzichtet Gustav Ernst auf ausgefeilte Literarisierung, sondern setzt auf Unmittelbarkeit. Als er vor jenem Haus, in dem er aufgewachsen war, und das er 1965 verlassen hatte, steht und ihm ein Lokalaugenschein im Inneren nicht möglich ist, weil im ganzen Haus niemand auf sein Klingeln an der Gegensprechanlage reagiert, ärgert er sich zunächst nur. Als aber wenige Tage später seine Kinder Interesse zeigen und fragen: “Ist es wahr, dass ihr zu viert in einem Zimmer geschlafen habt? Dass eure Wohnung kein Klo und kein Badezimmer hatte? Dass du auf der Straße Fußball gespielt hast?”, beginnt er dann doch sich hinzusetzen und Notizen zu machen. Und ja, die Kinder lagen richtig: Es ist alles wahr.

Ein bloßfüßiger Gassenbub

“Ich war ein Gassenbub”, schreibt der Autor, der in den 1970ern und 80ern mit Drehbüchern (etwa für “Exit … Nur keine Panik”) und Stücken (“Ein irrer Haß” u.a.) die österreichische Kulturgeschichte um einige gewichtige Kapitel bereichert hat. Schuhe habe er nur in der Schule, bei Verwandtschaftsbesuchen und Sonntagspaziergängen getragen. Was Gustav Ernst mit seinen Erinnerungen unternimmt, sind Ausflüge in eine heute fremd wirkende Welt. Die Männer versaufen ihren Lohn am Wochenende im Wirtshaus, die Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder. Alkoholismus und häusliche Gewalt sind in den unterschiedlichsten Härtegraden Alltag. Der großfamiliäre Zusammenhalt ist groß, der Umgangston rau, aber herzlich. Der Mechanikersohn Gusti darf in die Mittelschule und bekommt vom Vater ein eigenes Bücherbrett in die bereits aus allen Nähten platzende Wohnung gezimmert.

Eingekauft wird im Kleiderhaus Tlapa, Krauthappeln werden ausgeliefert, das frische Bier im Krügel vom Wirt’n am Eck geholt und der Umstieg vom Plumpsklo am Gang zum WC und vom Lavoir zur ersten Dusche in der Verwandtschaft als epochaler hygienischer Fortschritt gefeiert. Beim Waschtag muss man aufpassen, sich mit der mit einem Holzstab aus dem Kessel gehobenen nassen Wäsche nicht zu verbrennen. Kühlschrank gibt es keinen, und wenn der Eismann die 25-Kilo-Eisblöcke anschleppt und zerkleinert, fallen immer wieder kleine Brocken ab, zum Lutschen oder Schabernack Treiben. Gustav Ernsts “Arbeiterkino” wirkt mit seinen vielen pittoresken Details wie ein Märchenfilm, und wenn nicht gelegentlich sowjetische Besatzungssoldaten durchs Bild liefen, könnte er wohl auch vor hundert Jahren spielen.

Gegen Ende geht man dann tatsächlich mit Gusti ins Kino – ins “Dschungerl”, ins “Edison”, ins “Amalienkino” und ins “Bürger Kino”, wo der 15-Jährige seinen ersten jugendverbotenen Film (“Schleichendes Gift”) sieht. Im inneren Umschlag sind die einstigen Örtlichkeiten auf einer Favoriten-Karte alle eingezeichnet, als Beglaubigung des Gewesenen, aber wohl auch als Bestätigung: Die Welt von damals ist untergegangen.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – Gustav Ernst: “Arbeiterkino. Eine Jugend in Favoriten”, Sonderzahl Verlag, 152 Seiten, 22,90 Euro)

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen