Noel und Liam sind wieder ein Herz und eine Seele

Ein fast religiöses Ereignis: Film über Oasis-Comeback

Mittwoch, 09. September 2026 | 06:01 Uhr

Von: importer

15 Jahre haben Noel und Liam Gallagher nicht miteinander gesprochen und sich in Interviews beflegelt. Eine Schlägerei zwischen den Brüdern vor einem Konzert 2019 bedeutete das Ende ihrer Band Oasis. Dass Vergebung möglich ist, zeigt die Doku “Don’t Look Back in Anger”, die von Versöhnung und der Rückkehr der Britpop-Legende erzählt – dramatisch inszeniert und dramaturgisch toll aufbereitet. Zu sehen ist der Film von heute bis Sonntag im Kino, später auf Disney+.

Als die Rückkehr von Oasis besiegelt war und die Gallaghers Hand in Hand beim Comeback-Konzert in Cardiff auf die Bühne schritten, hielten manche sogar Weltfrieden für möglich. Ein Pfarrer im Film – nach einem Drehbuch von “Peaky Blinders”-Erschaffer Steven Knight – predigt am Beispiel von Noel und Liam vor seiner Gemeinde über Vergebung. “Fix all the shit”, rät einer der Brüder aus eigener Erfahrung. Das ist den Gallaghers tatsächlich gelungen: Da sitzen sie gemeinsam vor der Kamera beim Interview und loben sich gegenseitig.

Der Reihe nach: In einem flotten Zusammenschnitt aus Archivmaterial rollen die Regisseure Dylan Southern und Will Lovelace (“Shut Up and Play the Hits”) zunächst die Vorgeschichte auf – den Weg von Oasis zur großen Rock-and-Roll-Band der 90er bis zu jenem Abend in Frankreich, als Noel endgültig von den Faxen seines Bruders genug hatte. Schnitt: Radiomeldungen aus aller Welt verkünden, dass die Gallaghers wieder vereint auf Welttournee gehen. Reaktion der Fans wird hier und über alle 120 Minuten viel Raum gegeben.

Liam kommt und geht wortlos

Fans mögen die Einblicke in die Proben für das Comeback besonders spannend finden. Die Band – auch das 1999 ausgestiegene Urmitglied Paul “Bonehead” Arthurs ist wieder dabei, dessen Bedeutung für den speziellen Oasis-Sound im Film hervorgehoben wird – wartet auf Liam. Der kommt, scheucht die auf einer Couch sitzenden Musiker auf und geht nach dem Singen wortlos ab. Die Stimmung ändert sich aber schlagartig ab den Konzerten. Die Brüder sagen selbst, dass ihnen erst beim Spielen der Songs richtig klar wurde, was ihre Musik bewegen kann.

Das erzählen auch Fans aus aller Welt, eingefügt zwischen Konzertaufnahmen. Eine Flucht aus der Realität seien ihre Shows, sagt Liam. “The world is a shit fucking place” – eines von exakt 179 F-Wörtern in der Doku, wie britische Journalisten gezählt haben. Die Gallaghers aus der Arbeiterklasse Manchesters benennen die Dinge eben direkt. “Sei kein Arsch. Und wenn du schon ein Arsch bist, sei ein lustiger”, so etwa Liam. Und sein Bruder meint, Journalisten hätten nie gewusst, was Oasis eigentlich ist. Er selbst auch nicht, aber er wisse zumindest, was Oasis nicht ist: keinesfalls rechts. “Bei uns sind alle willkommen.”

Weinen zu ewigen Hymnen

So sieht man Generationen an Fans in São Paulo, Wales, England, Buenos Aires und Südkorea sich in den Armen liegen und ewige Hymnen wie “Wonderwall”, “Live Forever”, “Supersonic” oder “Rock ‘n’ Roll Star” singen bzw. von Emotionen überwältigt beweinen. Die Songs kommen in grandioser Tonqualität, aber nicht in voller Länge, allerdings originell zwischengeschnitten mit Aufnahmen aus den 90ern. Welchen Stellenwert und welche Kraft Musik hat, untermauern auch Bilder nach den Anschlägen beim Konzert von Ariana Grande in Manchester, als Trauernde Blumen niederlegen und “Don’t Look Back in Anger” singen.

Das Team erfindet den Musikfilm nicht neu, aber die Aufbereitung ist stark. Was wirklich einst passierte und wer die Versöhnung initiierte, erfährt man allerdings nicht. So ganz in die Tiefe geht der Film dann doch nicht. Bei den Konzertszenen spürt man förmlich die Energie. Das Comeback wird als fast religiöses Ereignis gezeigt. “Es ist wie die Wiedergeburt von Jesus”, sagt ein Fan. So trägt “Don’t Look Back in Anger” generell dick auf, was aber perfekt zu Oasis passt. All die Euphorie wird der Botschaft gerecht: Hass kann zu Liebe werden. Vielleicht sollte die Menschheit (noch) mehr Oasis hören, und vielleicht gibt es bald eine Chance dazu. Über eine Fortsetzung der triumphalen Tournee 2027 wird spekuliert.

(Von Wolfgang Hauptmann/APA)

(S E R V I C E – www.disney.de/filme/oasis-dont-look-back-in-anger )

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