Von: apa
So generationenübergreifend hat sich der Auftakt des Wiener Popfests noch nie präsentiert: Niemand geringerer als die “Mutter des Austropop”, die inzwischen 80-jährige Marianne Mendt, gab am Donnerstagabend den Startschuss für das viertägige Gratis-Festival bei dem am bzw. rund um den Karlsplatz einmal mehr die große Bandbreite der heimischen Popmusik in die Auslage gestellt wird. Danach gehörte die Seebühne mit Anna Buchegger, Lusterboden und Tamara Flores dem Nachwuchs.
Als “Legende” kündigte Wolfgang Lehmann, der gemeinsam mit Sofie Royer die diesjährige Ausgabe kuratierte, Mendt dem Publikum an: “Dank der Pionierarbeit von Leuten wie ihr gibt es überhaupt gute Popmusik in Österreich.” Die Grand Dame selbst zeigte sich zwar etwas schwer bei Fuß, aber umso kräftiger bei Stimme. Sie präsentierte mit ihrer Band legendäre Jazznummern wie Duke Ellingtons “It Don’t Mean a Thing (If It Ain’t Got That Swing)” und Cole Porters “Love For Sale” und wienerische Versionen von Klassikern. Aus Joe Zawinuls “Mercy, Mercy, Mercy” wurde so “I kann net lang mit Dir bös’ sein”, aus “Spinning Wheel” von Blood, Sweat & Tears machte sie “A g’scheckert’s Hutschpferd”.
“Ich hab mir gedacht, ich hör nicht richtig. Popfest – und ich werde eingeladen”, lachte Mendt, die überhaupt guter Laune war. Als der Wind einem Bläser die Noten vom Pult blies und der sie danach erst mühsam wieder zusammensuchen musste, bevor er weiterspielen konnte, meinte sie lakonisch: “Das hat man davon, wenn man Noten lesen kann.” Nach einer Stunde Jazz und Swing kam dann doch noch der Austropop – in Form des “Kaisermühlen Blues” und dem unverzichtbaren “Wie A Glock’n”, jenem Song, mit dem Mendt 1970 den Austropop zumindest mitbegründete.
Jodeln über Electrobeats
Dass Dialekt auch Jahrzehnte später immer noch hoch im Kurs steht, bewies danach Anna Buchegger. Die Salzburgerin, Jahrgang 1999, hat vor allem mit ihrem zweiten Album “Soiz”, erschienen im Vorjahr, viel Anerkennung bekommen. Ihr rural verwurzelter Pop in modernem Kleid funktionierte am Teich vor der Karlskirche tadellos. Gleich zu Beginn legte die Sängerin ein gewaltiges Jodel-Intro hin und war für den Opener “Draht” zum ersten von mehreren Malen auf dem Hackbrett zugange, dem sie fast synthieähnliche Klänge entlockte.
Bucheggers avantgardistischer Alpenfolk ist immer auch mit einer kritischen Auseinandersetzung mit Heimat und Stereotypen verbunden. Ihr fetziges “Maria” – eine Hommage an die Matriarchin der berühmten Trapp-Familie – widmete sie “allen wilden Frauen”, bei “Vaterland” stand sie allein am Steg neben der Bühne, spielte düstere Klangflächen am Keyboard und sang “Vaterland, du kannst mi amoi”, während “Soiz” mit Clubbeats gegen den dämmernden Himmel geknallt wurde – vier herumhüpfende Krampus-Perchten-Hybride samt Kuhglocken am Popsch inklusive. Bucheggers schwarz-weißes Bühnen-Outfit mit Versatzstücken von Tracht, Clownskostüm und Laufstegmode verdeutlichte auch optisch, wie sehr die einstige Gewinnerin von “Starmania21” die unterschiedlichen Welten stimmig zu vereinen imstande ist.
Schunkeln und Rumpeln mit Lusterboden
Je später der Abend, desto frischer die Temperaturen. Aber immerhin blieben die insgesamt 15.000 Besucherinnen und Besucher, die die Veranstalter am Auftakttag zählten, nach wiederholten, teils heftigen Regenschauern, die tagsüber über der Stadt niedergegangen waren, während des Fests selbst dann trocken. Viel Herzenswärme in die zunehmend kalte Nacht brachten Florian Klinger und Merlin Miglinci mit. Als Lusterboden hat das Newcomer-Duo heuer ihr zweites Album “Na bravo” veröffentlicht, aus dem es gleich zu Beginn ihres Auftritts den Song “Vespa fahren” auftischte.
Vor der Karlskirche kam ihre charmante Version des neuen Wienerlieds, die zuweilen mit einem Tupfer Schnöseligkeit daherkommt, hervorragend an. Lebenslust und Melancholie, Vorstadt und Boheme – vieles hat Platz in den Songs von Lusterboden. Bei der sommerlich-verträumten Schunkelnummer “Auf der Donau Tretboot fahren” wurde aus vollem Hals mitgesungen, die Zugabe “Wunderbar” rumpelte dagegen fast punkrockig dahin. Und an ein Cure-Cover von “Boys Don’t Cry” wagte man sich auch noch: “Burschen weinen nicht.”
Latino-Flair am Karlsplatz
Richtig internationales Flair brachte schließlich die Headlinerin Tamara Flores mit, die erst vor einem Jahr ihre erste Single “Mi Amor” releast hatte und mit dem Song “Chingona” einen ersten kleinen Hit platzieren konnte. Die Halb-Mexikanerin – ihre Mutter stammt aus Mexiko – gab dem Abend nach all den diversen Spielarten österreichischer Mundart einen kräftigen Latino-Anstrich. Gleich beim ersten Song packte Flores ihr Signature-Instrument, die Querflöte, aus, und solierte damit wie andere auf einer Gitarre. Pop mischte sich da mit Einflüssen von Flamenco, Oper, Rap oder Drum ‘n’ Bass – und kritischen Anmerkungen. “Fuck Trump”, kündigte sie ein neues Stück an und erzählte an anderer Stelle, dass ihr einmal auf einem Festival K.O.-Tropfen verabreicht worden seien: “No is fucking No.” Ihre kraftvolle Musik akzentuierte Flores nicht zuletzt mit einer Handvoll Tänzerinnen, mit der sie energiegeladene Choreos auf die Bühne und damit zumindest zwischenzeitlich das Publikum zum Hüftwackeln brachte.
Insgesamt treten am 17. Popfest 50 heimische Acts und Bands auf, die – eine Neuerung – bisher noch nie Teil des Line-ups waren. Für die noch ausstehenden Tage sind u.a. die Grazer Soulformation Sladek, Fußballstar-Schwester Rose May Alabar mit ihrem Afro-R’n’B oder Alpha Romeo & die Sommerreifen, die ihren Stil einmal als Tagada-Rock bezeichnet haben, angekündigt. Das Rahmenprogramm reicht von einem mitternächtlichen Walking Concert mit Naked Lunch-Frontmann Oliver Welter über ein Gespräch mit Mendt und Ambros-Texter Joesi Prokopetz über die Ursprünge des Austropop bis zu Tischtennis im Park. Zum Abschluss sind am Sonntag Teresa Rotschopf, Martin Klein und Exit Void in der Karlskirche zu hören.
(Von Thomas Rieder/APA)
(S E R V I C E – https://popfest.at/ )




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