"Renate": Eindrucksvolles Filmporträt von Renate Welsh

“Renate”: Eindrucksvolle Doku über die Autorin Renate Welsh

Freitag, 06. Februar 2026 | 09:58 Uhr

Von: apa

Wie geht jemand, der ein Leben lang professionell mit Sprache umgegangen ist, mit drohender Sprachlosigkeit um? Der Beginn des Films “Renate” von Martin Nguyen ist zutiefst berührend. Die Autorin Renate Welsh war nach einem Schlaganfall mit dem Verlust ihrer verbalen Ausdrucksfähigkeit konfrontiert und hat sie sich wieder zurückerobert. Die Kamera sieht zu, wie sie mit einer Logopädin arbeitet, mit Worten ringt und darüber reflektiert. Am Freitag startet der Film im Kino.

“Renate” besteht aus vielen Interviewausschnitten mit der heute 88-jährigen Autorin, die seit Jahrzehnten eine fixe Größe nicht nur der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur ist, und kein einziges Mal redet sie einfach drauflos, ohne zuvor nach dem richtigen Ausdruck zu suchen. Der 45-jährige Dokumentarfilmer Nguyen (“Ich muss dir was sagen”, “Die Kinder des Kardinals”, “Tomorrow You Will Leave” u.a.) hat auch Archivmaterial gesichtet, um den Werdegang der Autorin nachzuzeichnen, die heute über eine viele Dutzend Bücher umfassende Werkliste verfügt.

Die Meisterin der Schreibwerkstätten

Dabei wird nicht nur die Leistung klar, die sie und ihre Kolleginnen Christine Nöstlinger und Mira Lobe vollbrachten, um Autorinnen sichtbar und Kinderbücher zu einem Bildungs- und Emanzipationsinstrument zu machen. Es wird auch ein Umstand deutlich, der Welsh außergewöhnlich macht: Sie begegnet nicht nur ihren jungen Leserinnen und Lesern mit Respekt, sondern sie will auch Menschen selbst zum gewissenhaften Gebrauch von Sprache heranführen.

Die Schreibwerkstätten, die Renate Welsh mit Kindern, mit Obdachlosen, mit Bergbäuerinnen abhält, sind faszinierendes Anschauungsmaterial. Ihr ruhiges, konzentriertes Zuhören, ihr sorgsam abgewogenes Kommentieren des Gehörten, vor allem aber ihre Technik, mit ganz einfachen Aufgabenstellungen Dinge ins Rollen zu bringen, bei denen aus Worten Sätze, aus Sätzen Geschichten und aus Geschichten ganze Lebensgeschichten werden, macht ihre ganze Poetik deutlich: Sprache erweitert die eigenen Reflexionsräume und gibt einen Möglichkeiten zur Hand, sich selbst, den anderen und der Welt näherzukommen.

Vom “Vamperl” zur “Johanna”

Nguyen bringt in dem 82-minütigen Film nicht nur die bald ein halbes Jahrhundert andauernde Rezeption auf das “Vamperl”, den kleinen Vampir, der den Menschen das Gift aus der Galle saugt, näher, sondern lässt Welsh auch die Schwestern der “Johanna” besuchen, der unehelich geborenen Magd, deren von Erniedrigungen und Entbehrungen gezeichnete Lebensgeschichte sie in zwei Büchern festgehalten hat. Auch diese Begegnung zeigt, wie rasch Renate Welsh die Menschen die Anwesenheit der Kamera vergessen lässt. Fast mühelos kommen Dinge zur Sprache, die sonst verborgen bleiben. Oder, wie es im Film so schön heißt: “Renate macht Fenster auf, wo keine sind.”

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – https://filminstitut.at/filme/renate)

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