Von: Matthias Knapp
Margreid – Südtirols Wasserkraft produziert Strom zu anderen Kosten als Gaskraftwerke – trotzdem bestimmt der Gasstrom häufig den Marktpreis. Der Verbraucherschutzverein Robin aus Margreid fordert eine Zehnjahresbilanz der Mehrkosten und die Prüfung einer regionalen Stromautonomie. Eine neue Preiszone allein garantiere keine Entlastung.
Eine eigene Strompreiszone für Südtirol klingt nach einer Lösung für hohe Strompreise. Doch der Verbraucherschutzverein Robin warnt davor, Erwartungen zu wecken, ohne konkrete Einsparungen für Haushalte und Kleinbetriebe nachweisen zu können. „Eine neue Preiszone könnte zum trojanischen Pferd werden: Sie verändert die regionale Preisbildung, lässt die grundlegenden Mechanismen des Strommarktes aber weitgehend bestehen“, so Robin.
Wasserkraft – aber Strompreise nach den Kosten von Gas?
Südtirol verfügt über bedeutende Wasserkraftressourcen. Trotzdem orientieren sich die Strompreise nicht ausreichend an den tatsächlichen regionalen Erzeugungskosten. Der Grund liegt laut Robin unter anderem in der Merit-Order: Wird teurer Strom aus Gaskraftwerken benötigt, um die Nachfrage zu decken, kann dieser die Großhandelspreise bestimmen – auch für Strom aus Wasserkraft, dessen laufende Erzeugungskosten deutlich niedriger liegen.
„Natürlich verursacht auch Wasserkraft Kosten für Betrieb, Instandhaltung, Investitionen und Netze. Doch diese müssen transparent ausgewiesen und den erzielten Erlösen gegenübergestellt werden“, verlangen die Verbraucherschützer.
Robin sieht darin ein strukturelles Marktversagen: Die Preisbildung gewährleiste nicht, dass die Vorteile der heimischen Wasserkraft angemessen bei den Verbrauchern ankommen.
Die zentrale Frage lautet laut Robin deshalb: „Wie viel haben Südtirols Haushalte und Kleinbetriebe in den vergangenen zehn Jahren zusätzlich bezahlt, weil der Strompreis wesentlich von der Gasstromproduktion statt von den tatsächlichen regionalen Erzeugungsbedingungen geprägt wurde?“ Diese Mehrbelastung müsse unabhängig berechnet werden.
„Eine neue Preiszone garantiert keine günstigeren Stromrechnungen“
Eine eigene Südtiroler Strompreiszone könnte laut Robin zwar einen niedrigeren zonalen Börsenpreis ermöglichen. Die Merit-Order bliebe jedoch grundsätzlich bestehen. Auch der nationale Referenzindex PUN Index GME und die bestehenden Marktmechanismen würden nicht verschwinden. Seit 2025 werden Stromkäufe am Day-ahead-Markt bereits zonal bewertet.
Selbst ein niedrigerer regionaler Börsenpreis bedeutet laut Robin nicht automatisch günstigeren Strom für Haushalte und Kleinbetriebe. Ausgleichsmechanismen, Beschaffungsverträge, Netzentgelte und Steuern würden weiterhin die Endrechnung beeinflussen.
Robin fordert deshalb, nicht nur eine neue Preiszone zu simulieren, sondern auch weitergehende Lösungen zu prüfen. „Dazu gehört das von den zwei Professoren Hilpold und Piva aus Innsbruck und Padua öffentliche Gutachten zur Stromautonomie mit einer gesetzlich geregelten regionalen Preisgestaltung. Die Landesregierung muss klären lassen, welche Handlungsspielräume das Autonomiestatut eröffnet und wie ein solches Modell mit den europäischen und staatlichen Vorgaben vereinbar wäre“, so Robin.
Geschützter Markt: 58 Prozent teurer als der Vergleichswert im freien Markt
Eine weitere Fehlfunktion zeigt der von Robin in seiner jüngsten Medieninformation angeführte Preisvergleich: Ab 1. Oktober 2026 beträgt der Strompreis im geschützten Markt 43,5 Cent pro Kilowattstunde, gegenüber einem Vergleichswert von 27,5 Cent im freien Markt in Südtirol. Das sind rund 58 Prozent mehr.
Für schutzbedürftige Haushalte kann diese Differenz eine erhebliche Belastung bedeuten. „Sie ist nicht die Ursache des strukturellen Marktversagens, aber ein zusätzliches Warnsignal dafür, dass das italienische Stromsystem Verbraucher nicht ausreichend vor hohen Preisen schützt“, kritisiert Robin.
Robin fordert einen klaren Auftrag statt einer Alibi-Studie
Die Untersuchung muss öffentlich ausgeschrieben werden und konkrete Antworten liefern. Robin fordert:
1. Zehnjahresbilanz: Berechnung der zusätzlichen Stromkosten für Südtiroler Haushalte und Kleinbetriebe gegenüber realistischen regionalen Versorgungsmodellen.
2. Volle Kostentransparenz: Offenlegung der tatsächlichen Wasserkraft-Erzeugungskosten, der Erlöse und der Verteilung der Wertschöpfung.
3. Vergleich konkreter Alternativen: Prüfung einer eigenen Preiszone, einer gemeinsamen Zone mit dem Trentino sowie einer regionalen Stromautonomie mit gesetzlich geregelter Preisgestaltung.
4. Nachweisbarer Verbrauchernutzen: Berechnung der möglichen Einsparungen für Haushalte, Kleinbetriebe und besonders schutzbedürftige Kunden – nicht nur an der Börse, sondern auf der tatsächlichen Stromrechnung.
5. Unabhängige Vergabe: Öffentliche Ausschreibung nach fachlicher Kompetenz und wissenschaftlicher Qualität. Bestehende Aufträge für die Landesverwaltung dürfen keinen automatischen Vorteil bringen; Interessenkonflikte müssen offengelegt und bei der Bewertung angemessen berücksichtigt werden.
6. Öffentliche Kontrolle: Begleitung durch eine Arbeitsgruppe mit Verbraucherorganisationen, Kleinbetrieben, Wissenschaft, Stromwirtschaft und öffentlichen Stellen. Methodik, Datengrundlagen und Ergebnisse müssen öffentlich zugänglich sein.
Autonomie nutzen, statt Verbraucher weiter vertrösten
Robin fordert daher: „Schluss mit Beruhigungspillen, eine unabhängige Analyse des Marktversagens, eine Berechnung der Mehrbelastung der vergangenen zehn Jahre und eine ernsthafte Prüfung der lokalen Stromautonomie. Südtirol muss seine Handlungsspielräume nutzen, damit aus der eigenen Wasserkraft endlich ein spürbarer Vorteil für Haushalte und Kleinbetriebe wird.“




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