Offener Brief zur Zukunft der Berufsbildung

“Fachkräftemangel in der Berufsbildung – Mut zu Lösungen”

Freitag, 19. Juni 2026 | 16:18 Uhr

Von: mk

Meran – Der Fachkräftemangel ist in aller Munde, doch ein entscheidender Aspekt wird in der öffentlichen Debatte oft übersehen: die schwierige Suche nach qualifizierten Fachlehrkräften für die Praxisfächer an Berufsschulen. Darauf will Karl Telser, Direktor der Landesberufsschule für das Gastgewerbe „Savoy“ in Meran, aufmerksam machen. Wörtlich schreibt er in einem offenen Brief:

Die Südtiroler Bildungslandschaft ist vielfältig, doch in der öffentlichen Wahrnehmung existiert oft noch ein unzeitgemäßes Gefälle. Es ist mir ein großes Anliegen, zu Beginn mit einem Vorurteil aufzuräumen: Die berufsbildenden Schulen in unserem Land sind keineswegs schlechter oder weniger anspruchsvoll als Gymnasien oder andere Oberschulen. Wir sind nicht schlechter, wir sind schlichtweg anders. Unser Fokus ist ein anderer, und unsere Schülerinnen und Schüler sind es auch.

An den Berufsschulen begleiten wir tolle, engagierte junge Menschen, die sich ganz bewusst für einen praxisnahen Ausbildungsweg entschieden haben. Die Berufsbildung bietet heute Qualifikationen und Entwicklungsmöglichkeiten, die in ihrer Praxisrelevanz und Flexibilität einer klassischen Matura in nichts nachstehen – oft eröffnen sie sogar weitaus mehr konkrete Karrierewege. Diese Jugendlichen kämpfen mit den ganz eigenen Herausforderungen der heutigen Zeit; Probleme, die wir Entscheidungsträger im Alltag oftmals zu wenig verstehen, weil sie weit von unserer eigenen Realität entfernt sind. Umso mehr ist es unsere Pflicht, diesen jungen Menschen im geschützten Raum Schule Halt, Orientierung, Struktur und eine moderne, innovative Ausbildung zu bieten.

Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn wir engagierte und qualifizierte Fachlehrkräfte vor den Klassen haben. Damit sind wir bei der zentralen Prämisse und einer seit Jahren bekannten, wachsenden Baustelle: Die berufsbildenden Schulen haben immer größere Schwierigkeiten, Fachlehrkräfte für die Praxisfächer zu finden. Am Beispiel der Landesberufsschule Savoy in Meran betrifft dies ganz akut die Bereiche Küche und Service.

In diesen Fachbereichen konkurrieren wir direkt mit der Privatwirtschaft – und dieser Wettbewerb ist unter den aktuellen Rahmenbedingungen ein Ding der Unmöglichkeit. Das Problem liegt im starren Lohnmodell der Autonomen Provinz Bozen, das nach wie vor fast ausschließlich in Funktionsebenen denkt: Je höher der akademische Studientitel, desto höher die Funktionsebene und damit das Gehalt. Dieses System verhindert in vielen Bereichen massiv den Fortschritt und die Konkurrenzfähigkeit der Schule als Arbeitgeber.

Dabei hätten die Autonome Provinz Bozen und die Verhandlungspartner der Kollektivverträge alle Möglichkeiten, hier einfach und mutig anzusetzen. Aktuell erhalten Fachlehrkräfte im Bereich Küche und Service – da sie in der Regel keine Akademiker sind – trotz einer höheren Anzahl an Wochenstunden ein spürbar geringeres Grundgehalt als ihre akademischen Kollegen. Gleichzeitig sollen sie aber die fachlichen Aushängeschilder einer gastronomischen Schule sein. Sie leisten fachlich wie auch pädagogisch mindestens dieselbe wertvolle Arbeit wie Lehrpersonen mit akademischem Grad. Die Aufgaben und die Verantwortung für die Jugendlichen unterscheiden sich im Schulalltag nicht.

Frühere Vorstöße in Richtung einer Gehaltsgleichstellung verliefen leider immer wieder im Sande. Es fehlte schlicht der Mut, Bedienstete nach dem zu bezahlen, was sie tatsächlich an der Schule leisten, statt starr nach der formalen Erstausbildung. Genau diesen Mut braucht es aber jetzt, um die Zukunft der Berufsbildung langfristig zu sichern und den Lehrberuf in den Praxisfächern wieder attraktiv zu machen.

Dasselbe Prinzip gilt im Übrigen für das gesamte Hilfs- und Reinigungspersonal an unseren Schulen. Ihre Arbeit ist für das tägliche Funktionieren des Lehrbetriebs von genau gleicher Bedeutung wie jeder andere Beruf im System. Auch diese Kategorie leidet darunter, dass Kollektivvertragsgelder meistens nur wie ein Nieselregen gleichmäßig auf alle Bediensteten verteilt werden, ohne die realen Lebenshaltungskosten und die Leistung vor Ort zu berücksichtigen. Dass man im Bereich der Leistungsprämien zuletzt neue Wege gegangen ist, setzt einen positiven Impuls. Aber es braucht mehr: den Mut, diese Strukturreform auch bei den Grundgehältern anzugehen.

Wir sprechen hier gesamtwirtschaftlich gesehen nicht von Millioneninvestitionen. Gerade deshalb wünsche ich mir, dass die Verantwortungsträger diese Themen endlich prioritär auf den Tisch der Kollektivvertragsverhandlungen legen und Lösungen ausarbeiten. Lösungen, die keine faulen Kompromisse darstellen, sondern echte Meilensteine für die Aufwertung der Praxis sind.

Wenn wir den viel zitierten Fachkräftemangel in der Südtiroler Wirtschaft ernsthaft bekämpfen wollen, müssen wir dort ansetzen, wo die Fachkräfte von morgen geformt werden: in den Werkstätten, Küchen und Praxisräumen unserer Berufsschulen. Eine exzellente Ausbildung braucht exzellentes Personal, und dieses gibt es nicht zum Nulltarif. Es ist Zeit, den Wert von Arbeit neu zu definieren – weg vom reinen Titeldenken, hin zur Wertschätzung der tatsächlichen Leistung. Nur mit mutigen, unkonventionellen Entscheidungen sichern wir die Qualität unserer Schulen und geben den Jugendlichen die Ausbildung, die sie verdienen.

Es ist mir an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass dieses Anliegen nichts mit der aktuellen, landesweiten Gehälterthematik oder den allgemeinen Verhandlungen rund um die Anpassung der Lehrergehälter in Südtirol zu tun hat. Hier geht es nicht um die allgemeine Anhebung des Gehaltsniveaus für alle Lehrpersonen, sondern um die Behebung einer tiefen, systemischen Ungerechtigkeit innerhalb der Berufsbildung selbst: die Schlechterstellung der praktischen Fachlehrkräfte gegenüber ihren akademischen Kollegen bei gleicher Verantwortung und höherer Stundenlast.

Bezirk: Burggrafenamt

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