Sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse in Italien sorgen für Entsetzen

Nach Erntehelfer-Tod – Italiens Landwirtschaft in der Kritik

Donnerstag, 11. Juli 2024 | 06:00 Uhr

Von: apa

Italiens Landwirtschaft sitzt auf der Anklagebank. Nach dem Tod eines indischen Erntehelfers bei einem Arbeitsunfall auf den Feldern südlich von Rom tobt die Debatte über die sklavenähnlichen Arbeitsverhältnisse in der Agrarbranche. Die Regierung hat nach dem Unfall die Kontrollen gegen Schwarzarbeit in der Landwirtschaft verschärft. Die Ergebnisse sind erschütternd: Bei 66 Prozent der kontrollierten Landwirtschaftsunternehmen wurden Rechtsverstöße festgestellt.

Der 31-jährige Satnam Singh starb eines schrecklichen Todes: Eine Verpackungsmaschine auf dem Feld, auf dem er Melonen erntete, schnitt ihm den Arm ab und zerschmetterte seine Beine. Sein italienischer Arbeitgeber, ein Landwirtschaftsunternehmer aus Latina, 60 Kilometer südlich von Rom, leistete keine Hilfe. Statt einen Krankenwagen zu rufen, warf er den abgetrennten Arm auf eine Gemüsepalette und brachte Singh und seine ebenfalls auf dem Feld arbeitende Frau in ihre Behausung zurück. Erst als italienische Nachbarn des indischen Paares eingriffen, wurde Singh per Hubschrauber ins Krankenhaus in Rom eingeliefert, wo er zwei Tage später an Verblutung starb. Bei der Autopsie wurde festgestellt, er wäre noch am Leben, hätte er rechtzeitig Hilfe bekommen. Der 39-jährige Arbeitgeber wurde festgenommen.

Der Fall schockiert die italienische Öffentlichkeit und nährt neue Diskussionen über die oft dramatischen Arbeitsbedingungen auf den italienischen Feldern. Experten zufolge erhalten Arbeiter ohne Papiere in Süditalien 30 Euro Lohn pro Tag für bis zu 14 Stunden Arbeit. Sie müssen in gettoartigen Siedlungen wohnen.

Vor einigen Tagen wurden italienweit 310 Landwirtschaftsbetriebe kontrolliert, von denen 206 (66 Prozent) wegen Rechtsverstöße als “nicht in Ordnung” eingestuft wurden. Die Situation von 2.051 Arbeitnehmern wurde überprüft; von ihnen waren 616 (30 Prozent) illegal beschäftigt, 216 Personen waren überhaupt nicht gemeldet. Nach den Kontrollen wurden Bußgelder in Höhe von 1,68 Mio. Euro verhängt. 171 Personen wurden angezeigt, u.a. wegen Verstöße gegen die Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften am Arbeitsplatz. An den Kontrollen waren 1.240 Personen beteiligt, davon 690 Polizisten (Carabinieri) und 550 Inspektoren der Arbeitsaufsichtsbehörde.

Schätzungen der größten italienischen Gewerkschaft CGIL zufolge haben bis zu 230.000 Menschen keinen Arbeitsvertrag – mehr als ein Viertel der landwirtschaftlichen Saisonarbeiter des Landes. Immer wieder hat die Regierung in Rom unter verschiedenen Ministerpräsidenten versucht, die Missstände zu bekämpfen – ohne Erfolg. Vor allem in Süditalien ist die Lage schwierig. Hier floriert der “Caporalato”, eine illegale Form der Anwerbung von hauptsächlich ausländischen Arbeitskräften durch Vermittler. Die Angeworbenen bekommen ein Flugticket und eine Arbeitserlaubnis für eine Saison, die sie teuer bezahlen müssen. Auch für ihre Unterkünfte müssen sie mit ihrem Hungerlohn aufkommen.

Viele Ausländer, die in der süditalienischen Landwirtschaft arbeiten, wohnen in Hütten ohne Strom und Wasser. Hinter der Ausnutzung der Tagelöhner stecke meistens die Mafia, die sich mit dem Menschenhandel bereichere, so Branchenkenner.

Doch einiges kommt inzwischen in Bewegung und zwar dank des wachsenden Widerstands der ausgebeuteten Arbeiter. 140 ausländische Schwarzarbeiter, die jahrelang auf den Feldern der mittelitalienischen Provinz Viterbo nördlich von Rom ausgebeutet wurden, haben eine Sammelklage gegen ihren Arbeitgeber eingereicht. Sie berichteten dass sie sechs Tage pro Woche 13 Stunden am Tag arbeiten mussten. Dabei wurden sie mit drei bis sieben Euro pro Stunde bezahlt. Die Klage wird vor einem Gericht in Viterbo behandelt. Die Arbeitskräfte, die vor allem aus Pakistan und dem Senegal stammen, forderten Entschädigung von ihrem Arbeitgeber, der sie jahrelang eingeschüchtert und bedroht hatte. Viele Schwarzarbeiter hatten keine Aufenthaltsgenehmigung in Italien.

Dabei wurde in Italien 2016 gesetzlich geregelt, dass bis zu sechs Jahren Haft für die Ausbeutung von Schwarzarbeitern auf den Feldern drohen. Diese Strafe kann um weitere zwei Jahre verschärft werden, wenn der Arbeitnehmer geschlagen oder schwer bedroht wurde. Neben den Haftstrafen sind auch Geldstrafen zwischen 500 und 1.000 Euro pro Schwarzarbeiter vorgesehen. Dieser Betrag steigt auf 2.000 Euro wenn der Arbeitnehmer Gewalt erlitten hat oder bedroht wurde. Auch Entschädigungen sind für die Opfer vorgesehen.

Zwar gebe es in Italien Gesetze gegen sklavenmäßige Arbeitsverhältnisse, die Kontrollen seien aber unzulänglich, kritisieren die Gewerkschaften. Sie sollten wöchentlich durchgeführt werden, verlangen die Arbeitnehmerorganisationen. Dabei müssten nicht nur die Polizei, sondern auch die Gemeinden flächendeckend eingebunden werden.

Kommentare

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25 Kommentare auf "Nach Erntehelfer-Tod – Italiens Landwirtschaft in der Kritik"


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bern
bern
Universalgelehrter
9 Tage 9 h

Der Mensch will bio und vegan, aber ganz wichtig: billig billig

N. G.
N. G.
Kinig
9 Tage 9 h

Das jetzt mit Bio und Vegan zu verbinden ist völlig an den Haaren herbeigezogen! Die Allermeisten bauen für den ganz normalen Markt an und dann bist genau DU es der es billig haben will. Also red keinen Blödsinn! Jetzt hätten Veganer und Gesundheitsbewusste an der Misere Schuld?

magg
magg
Superredner
9 Tage 8 h

Wieso ist du nur Fleisch? Z. B. zu deinem Hamburger willst du vielleicht Pommes? Oder eine Scheibe Tomaten, ein Blatt Salat oder Zwiebeln? Vielleicht noch mit Ketchup? Und zum genießen ein Glas Wein?
Jetzt die Veganen und Käufer von Bio die Schuld zuweisen, ist so was von schäbig, da auch Fleischfresser Obst und Gemüse essen. Gesetzt sind ja vorhanden, aber das Problem ist, dass niemand kontrolliert und dieses Phänom wird sicher nicht nur hier in Italien sein. In Spanien zum Beispiel wäre auch mal Zeit, eine Razzia durchzuführen.

Hustinettenbaer
9 Tage 8 h

@bern
Das ist doch Schmarrn, dem Verbraucher die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Selbst wenn Kunden 10 € je kg Tomaten zahlen.
Du glaubst doch wohl nicht, dass Verbrecher die höhere Marge mit ihren Sklaven teilen ?

Was kann ich tun. Keine italienischen Tomaten mehr kaufen ?
Da fällt mir eine Episoden aus einem Spanien-Urlaub ein.
(O.k., ist schon länger her, aber…)
Steht ein LKW auf einem Betriebsgelände. Planen-Beschriftung des LKWs “Erdbeeren aus Deutschland”.

Hallo ? 🤪

Neumi
Neumi
Kinig
9 Tage 7 h

italienische Produkte sind nicht billig.

andr
andr
Universalgelehrter
9 Tage 5 h

@bern
Dann hast du wohl noch nie für einen Haushalt eingekauft. Tomaten bezahlst du wie Gold aber das ist halt so, jedoch wer sackt das Geld ein das ist die frage. Wir Konsumenten bezahlen jedenfalls einen hohen Preis.

Linda
Linda
Grünschnabel
9 Tage 3 h

@Hustinettenbaer: Tatsache ist doch: WEIL der Verbraucher alles billig haben will, versuchen die Bauern möglichst billig zu produzieren. Da wird dann natürlich am ehesten an den Löhnen gespart und versucht, den Ernteertrag zu erhöhen durch Einsatz von Chemie (Kunstdünger, Herbizide, Fungizide)!

Hustinettenbaer
9 Tage 2 h

@Linda
Es ist das gute Recht der Verbraucher, auf die Preise zu schauen.
Ebenso haben die Hersteller das Recht, ihre Margen – im Rahmen der Gesetze – zu optimieren.
Das ist doch der sog. “freie Markt”.

Wer Illegale ausbeuterisch beschäftigt, ist ein Betrüger des “freien Marktes” (Konkurrenten, Kunden, Staat).
Und ich kann mir kaum vorstellen, dass die Sklaven-Bezahlung mit “Weißgeld” stattfindet.

So sig holt is
9 Tage 13 Min

naja des hot weder mit bio, no wos mit vegan zu tian… des sein uanfoch lei leit für de i kuan Ausdruck hon… orme leit ausnutzen um awia mear zu verdianen, mafia holt

Oracle
Oracle
Kinig
9 Tage 10 h

Der Süden entpuppt sich immer wieder als gesetzloser Raum…. die Mafia hat da wohl das Sagen…

So ist das
9 Tage 9 h

Nicht nur im Süden 🤔

Chriss
Chriss
Tratscher
9 Tage 7 h

“Oracle”
Wir brauchen nicht in den Süden zu fahren, auch in Südtirol werden Arbeiter illegal in der Landwirtschaft angestellt (Zupfer). Da werden einfach die Personalpapiere gefälscht und schon hat man legale Arbeiter! Hier sollte auch einmal ordentlich kontrolliert werden.

So sig holt is
9 Tage 5 Min
@Chriss es werden einfach die personalpapiere gefälscht?? hast du eine ahnung welchen stumpfsinn du da von dir gibst?? du laberst als. wäre das bei uns gang und gäbe und als ob das so einfach möglich ist… ja es werden sicherlich leute schwarz angestellt, in der Landwirtschaft, Gastronomie, bei Handwerkern, überall gibt es schwarzarbeit … bei uns sehen die kontrollieren aber anders aus als im bella italia sud… bei uns sitzt der finanzen auf einer Erhöhung und späht mit dem fernglas und lotzt seine kollegen in den wiesen herum… bei den Nachbarn schon ein paar mal passiert! da kommen sie dann… Weiterlesen »
Paladin
Paladin
Universalgelehrter
9 Tage 10 h

“Vor einigen Tagen wurden italienweit 310 Landwirtschaftsbetriebe kontrolliert, von denen 206 (66 Prozent) wegen Rechtsverstöße als “nicht in Ordnung” eingestuft wurden.”
Das ist nichts neues, es wird nicht kontrolliert, sei es aus Personalmangel, oder auch aus Absicht. Die mafiösen Strukturen sitzen tief. Was passiert wenn kontrolliert sieht man an dem Ergebnis oben.

OrtlerNord
OrtlerNord
Universalgelehrter
9 Tage 8 h

Paladin
Über die Immigranten zieht die italienische Regierung aufs übelste her, aber die Menschen bis aufs Blut ausnehmen ist für die vollkommen in Ordnung!
Menschenverachtend diese Scheinheiligkeit.

Trixie77
Trixie77
Grünschnabel
9 Tage 38 Min

Die höchste Sklavenausbeutung passiert immer noch im Rotlichtbereich und bei dieser Ausbeutung ist Germanien an vorderster Stelle

Homelander
Homelander
Universalgelehrter
9 Tage 11 h

Ja ja die Mafia… wo steckt denn heutzutage etwa nicht die Mafia dahinter…

Savonarola
9 Tage 8 h

verstehe die Aufregung nicht, die Zustände sind ja längst bekannt. Und auch dieses Mal wird sich nach ein paar Wochen die Aufregung legen und alles weitergehen wie vorher. Bis zum nächsten Toten.

Zacki86
Zacki86
Neuling
9 Tage 8 h

Schon komisch , dass die Leute immer so entsetzt sind, ist ja Gang und Gebe überall, dass Menschen und Tiere ausgebeutet werden. Die billigen Produkte kaufen sie aber trotzdem alle gerne. Kein Wunder , dass sich, dann nichts ändert. Es sollte einfach keinen Preisunterschied geben, bei 1 Kg oder 1 Liter

Reitiatz
Reitiatz
Universalgelehrter
9 Tage 10 h

Traurig dasas sou weit kemman isch, va mir aus kearatn olle Vertreter va die Gemeinden mitgestroft, deis sein olls mitwisser. 🤔😤

Privatmeinung
Privatmeinung
Universalgelehrter
9 Tage 9 h

Es ist wirklich eine Schande, wie die Arbeiter dort behandelt werden. Wahrscheinlich, kauft man auch deshalb die Ware von Süditalien billiger ein, als die einheimische Ware.

Tita-Nina
Tita-Nina
Grünschnabel
9 Tage 7 h

1.6 Millionen Strafe tönt nach viel….
Wenn man nun aber 616 auffällige Betriebe nimmt, so kommt man auf
+/- € 2500.00 pro Betrieb und wenn
wenn man eine 14 Std. Schicht mit € 5 anstatt € 30 pro Tag ausrechnen tut…..
Ja, ist schwer verdaulich so eine Strafe
Für den Arbeiter.

So sig holt is
9 Tage 1 Min

nicht 616 auffällige Betriebe sondern 616 unregelmäßig gemeldete Arbeiter, lese besser aufmerksam! pro Arbeiter ist die strafe 3000€ und wenns mehrere sind auch mehr

Plodra
Plodra
Tratscher
9 Tage 7 h

Die Ausbeutung hat System und wird seit Jahrzehnten so gehandhabt, ohne Respekt für die Würde und die Rechte der Arbeitskräfte, ohne Folgen für die Verantwortlichen, ohne politisches Gegensteuern. 

josef.t
josef.t
Superredner
9 Tage 2 h

Korruption macht auch in Italien die Sklavenarbeit 
möglich….

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