Zwischen Greenhushing und Zertifizierungsdilemma

Nachhaltigkeit im Tourismus: Südtirol liegt weltweit vorne

Montag, 23. Februar 2026 | 11:52 Uhr

Von: mk

Bozen – Der Verein VITALPIN warnt vor Greenwashing sowie Greenhushing in der Tourismusbranche. Sowohl Plattformen als auch Reiseanbieter vergeben häufig „Nachhaltigkeits-Badges“, die nicht von unabhängigen Auditoren geprüft sind. Hier werden Kunden oft getäuscht. Dies sei oft ein globales Problem. Positiv ist, dass sogenannte „Vage Green Claims“, nicht zertifizierte Labels oder Aussagen zur Klimaneutralität auf Basis von Kompensation, künftig verboten sind. Im Alpenraum sieht dies zum Glück ohnehin anders aus: Im Rahmen einer VITALPIN-Wissensreihe-Veranstaltung zeigte sich, dass verschiedene Labels im DACH-I-Raum zumeist auf den gleichen Kriterien beruhen und auch vertrauenswürdig sind, wobei Südtirol besonders hervorsticht.

Vier Länder, vier unterschiedliche Voraussetzungen? Im Rahmen einer VITALPIN-Wissensreihe-Veranstaltung zum Thema Nachhaltigkeitszertifizierungen zeigte sich, dass verschiedene Labels im DACH-I-Raum zumeist auf den gleichen Kriterien beruhen. Dennoch gibt es oft verschiedene Hürden. Lech Zürs Tourismus ist gerade am Weg zum Österreichischen Umweltzeichen. Maßnahmen wie z.B. die Biomasse-Wärmeversorgung wodurch jährlich 24.000 Tonnen CO₂ eingespart werden, sollen so sichtbar werden. Südtirol ist indes weltweit die Region mit den meisten GSTC-zertifizierten Destinationen. Die Schweiz hat auch ohne EU-Vorgaben den gleichen Weg eingeschlagen. Zudem warnt VITALPIN vor Greenwashing sowie Greenhushing.

Nachhaltigkeitszertifizierungen mehr als ein Imagefaktor

Nachhaltigkeitszertifizierungen sind im Tourismus längst mehr als ein Imagefaktor – sie entscheiden über Zukunftsfähigkeit, Glaubwürdigkeit und Wettbewerbsstärke von Destinationen und Betrieben. „Hat man sich zuvor mit dem Thema Nachhaltigkeitszertifizierungen noch nicht befasst, können die vielen verschiedenen Labels im DACH-Raum und Italien jedoch für Verwirrung sorgen. Daher ist Aufklärung wichtig und ein Vergleich notwendig. Der Irrglaube, dass man in der eigenen Region die größten Hürden hat, ist weit verbreitet. Die Experten sollen im Rahmen der VITALPIN-Veranstaltung für Klarheit sorgen“, erklärt Manuel Lutz, Geschäftsführer von VITALPIN. Zudem soll das Format auch Platz für eine kritische Diskussion sein. Zertifizierungen sind für Unternehmen auch sehr zeitaufwändig und kostenintensiv. „Daher müssen sie auch einen Mehrwert darstellen. Für den Betrieb. Den Gast. Unsere Umwelt und damit natürlich auch den Einheimischen. Mit solchen Formaten sollen Probleme diskutiert und Barrieren abgebaut werden“, hält Lutz fest.

Jede Zertifizierung bringt eigene Merkmale und Anforderungen mit und es gibt keine universelle Lösung – vielmehr kann jeder Tourismusbetrieb eine geeignete Option finden. Paolo Agnelli vom Terra Institute macht dies deutlich, indem er aktuelle Nachhaltigkeitszertifizierungen vergleicht und aufzeigt, warum Nachhaltigkeit heute ein zentraler strategischer Erfolgsfaktor im Tourismus ist. So sind Zertifizierungen formelle, von unabhängigen Stellen geprüfte Verfahren, während Labels vor allem als sichtbares Kennzeichen zur Kommunikation bestimmter Nachhaltigkeitsleistungen nach außen dienen. Das Zertifizierungsdilemma: Für kleine Betriebe sind Zertifizierungen häufig nur schwer erreichbar. Viele Anbieter sowie lokale Akteure ermöglichen daher den Einstieg mit niederschwelligen Labels. Vor dem Hintergrund der neuen EU-Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den grünen Wandel, die seit September 2026 verpflichtend gilt, warnt Agnelli vor unzulässigen Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen. Sogenannte „Vage Green Claims“, nicht zertifizierte Labels oder Aussagen zur Klimaneutralität auf Basis von Kompensation sind künftig verboten. Gleichzeitig plädiert er gegen Greenhushing: Wer Nachhaltigkeitsbemühungen verschweigt, vergibt Chancen auf Positionierung, Feedback und gesellschaftliche Wirkung.

„Zukunft gehört nachhaltigen Unternehmen“

Zertifizierungen sollten daher nicht als Endziel angesehen werden, sondern als strategisches Werkzeug mit klaren Vorteilen – von Kosteneinsparungen und besseren Finanzierungsbedingungen über stärkere Reputation bis hin zu höherer Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz. „Die Zukunft gehört nachhaltigen Unternehmen. Ein strukturierter Nachhaltigkeitsprozess ist der Schlüssel, um Chancen zu nutzen und Ihr Unternehmen zukunftsfähig zu machen“, so Agnelli.

Die vielen Vorteile von nachhaltigen Maßnahmen zeigen sich bereits in der Region Lech Zürs. Durch die Wahl, sich um das Österreichische Umweltzeichen zu bemühen, setzt Lech Zürs wie weitere Vorarlberger Destinationen nun auch ein starkes Zeichen. Sie zeigen nicht nur, dass nachhaltiger Tourismus machbar ist, sondern profitieren von regionaler Zusammenarbeit, nationaler Unterstützung und langfristigen Vorteilen für Gäste und Einheimische. Auch zertifizierte Betriebe berichten von klaren wirtschaftlichen Vorteilen: geringere Energie- und Betriebskosten, höhere Sichtbarkeit bei Reiseveranstaltern, Zugang zu Green Meetings & Events sowie eine stärkere Kundenbindung durch ein glaubwürdiges, verantwortungsvolles Image. Aktuell sind drei Betriebe in Lech Zürs zertifiziert, weitere 15 Betriebe bekunden konkretes Interesse. Aktuell sind 460 Beherbergungsbetriebe in Österreich mit dem Gütesiegel zertifiziert. Zudem konnten bereits 15 Tourismusdestinationen alle Kriterien für das grüne Gütesiegel erfüllen.

Es gibt bereits einige erfolgreich umgesetzte Initiativen: 98 Prozent der Betriebe sind an die Biomasse-Wärmeversorgung angeschlossen, wodurch jährlich rund 24.000 Tonnen CO₂ eingespart werden. Die Bergbahnen sind bereits nach ISO-Richtlinien zertifiziert und die Anzahl der Skigebietseintritte ist seit über 20 Jahren auf 14.000 begrenzt. Aufbauend darauf formuliert die Gemeinde das ambitionierte Vorhaben, bis 2026 mindestens 400 zertifizierte Betten zu erreichen. „Der Weg zu einer Zertifizierung ist keiner, den man einmal geht und der dann abgeschlossen ist. Es bedarf eines langen Atems und es ist ein Prozess, den man weiterlebt“, betont Projektleiterin Germana Nagler. Langfristig müssen sowohl Gäste als auch Einheimische spürbar erleben, dass sie sich in einer nachhaltig ausgerichteten Destination befinden. Um noch mehr Bewusstseinsbildung in den Betrieben zu schajen und auf die Zertifizierung vorzubereiten, wurden u.a. Workshops angeboten. Daran möchte man auch im heurigen Jahr festhalten.

Während Lech Zürs den Weg der kontinuierlichen Weiterentwicklung auf Destinationsebene beschreitet, setzt Südtirol auf ein strukturiertes, mehrstufiges Nachhaltigkeitsprogramm, das bewusst auf langfristige Transformation ausgelegt ist.

Nachhaltigkeitsprogramm in Südtirol

Hannes Waldmüller von IDM Südtirol gibt Einblicke, wie das Nachhaltigkeitsprogramm Südtirol aufgebaut ist: „Südtirol hat nach einer Methodik gesucht, das Thema Nachhaltigkeit im Tourismus systematisch anzugehen. Daher wurde das Nachhaltigkeitsprogramm Südtirol gegründet. Dieses basiert auf den internationalen Kriterien des Globalen Rats für nachhaltigen Tourismus (Global Sustainable Tourism Council, GSTC) da viele führende Destinationen wie Slowenien, Norwegen u.a. ebenfalls nach diesem Standard arbeiten.“ Auf dieser Basis konnte sich die Region schnell eine Vorreiterrolle sichern: Südtirol ist weltweit die Region mit den meisten GSTC-zertifizierten Destinationen. Gleichzeitig legt die Region besonderen Wert auf das eigene Nachhaltigkeitslabel Südtirol® – die in Italien registrierte Zertifizierungsmarke. Das Label bewertet nachhaltige Entwicklung ganzheitlich in den vier Bereichen Management, Sozioökonomie, Kultur und Ökologie und wird von zwei unabhängigen Zertifizierungsstellen vergeben. Aktuell sind bereits 17 Destinationen in Südtirol zertifiziert, was rund 75 Prozent der Tourismusorganisationen in Südtirol und rund 57 Prozent der Nächtigungen im Jahr 2025 entsprochen hat. Zudem befinden sich weitere acht Destinationen im Zertifizierungsprozess. „Ziel ist es, bis 2030 alle Destinationen in Südtirol in das Programm einzubinden,“ sagt Waldmüller. Auf Betriebsebene wurden bislang 265 von rund 11.000 Unterkunftsbetrieben ausgezeichnet.

Aufgrund der klaren Aufgabenteilung im Tourismus ist dafür eine enge Zusammenarbeit mit starken Partnern wie Tourismusorganisationen und Interessensverbänden – etwa dem HGV – notwendig, die den direkten Zugang zu den Betrieben haben. „Wir haben die Vision Südtirol, zum begehrtesten nachhaltigen Lebensraum Europas zu machen. Wir sind uns bewusst, dass wir eine hohe Tourismusintensität haben, die Tourismusgesinnung in der Bevölkerung abnimmt und der Klimawandel unumstritten ist“, nennt Waldmüller das Ziel. Reinhard Leitner, Leiter des Bereichs Nachhaltigkeit im Hotel- und Gastwirteverband Südtirol (HGV), erläutert Aufbau, Zielsetzung sowie das dreistufige Modell von Level 1 bis Level 3 auf betrieblicher Ebene. Das Label ermöglicht Betrieben aus Tourismus, Gastronomie und weiteren Sektoren einen schrittweisen Einstieg in die Nachhaltigkeit, fördert Sichtbarkeit nach außen und setzt auf kontinuierliche Weiterentwicklung statt Perfektion.

Schweizer Programm Swisstainable

Die Bedeutung nachhaltigen Handelns in der Tourismusbranche wird auch von Martina Hollenstein Stadler von Mounteco hervorgehoben, die den Betrieben und Destinationen Nachhaltigkeit als grundlegende Haltung empfiehlt. In der Schweiz sorgt das Programm Swisstainable für eine klare und verständliche Kennzeichnung nachhaltiger Angebote, da die Vielzahl unterschiedlicher Labels für Gäste oft unübersichtlich sein kann. Zudem fördert es eine zukunftsorientierte Entwicklung des Tourismus und stärkt die Positionierung der Schweiz als nachhaltige Tourismusdestination. Für Gäste bietet das Label wertvolle Orientierung und Transparenz in Bezug auf nachhaltige Angebote.

Aktuell sind in der Schweiz rund 2.500 Betriebe sowie 15 Destinationen Swisstainablezertifiziert. Davon werden 59 Prozent der Betriebe als „committed“, 22 Prozent als „engaged“ und 19 Prozent als „leading“ eingestuft. Hollenstein Stadler berichtet zudem, dass viele Betriebe ihre eigene Nachhaltigkeitsleistung zu Beginn überschätzen. „Wenn man sich auf den Prozess einlässt, dann sagen alle dasselbe: Dass sie ganz viel über den eigenen Betrieb und wie er funktioniert gelernt haben“, so Martina Hollenstein Stadler.

Bezirk: Bozen

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