Von: Sophia Molitor
Zürich – Die Schweiz gilt seit Langem als erfolgreiches Land und wird oft als Sonderfall in Europa beschrieben. Zürich gilt als erfolgreiche Kleinstadt, doch diesen Mythos bricht die herzergreifende, aber auch motivierende Geschichte eines jungen Schweizers, der in seinem Youtube-Video seinen Masterabschluss als nutzlos bezeichnet und seit knapp vier Jahren prekäre Jobs ausübt, die nichts mit seinem Studium zu tun haben. Er erzählt von einer schmerzhaften Lücke zwischen dem, was ihm seine Ausbildung versprochen hatte, und dem Leben, das er tatsächlich führen muss. Dennoch soll seine Botschaft anderen Mut machen: Sie sollen sich deswegen nicht schlecht fühlen und mit aller Kraft vermeiden, in die Verwahrlosung abzurutschen.
Der junge Mann hat an der Universität Zürich einen Masterabschluss in Data Science, Statistik und Politik erworben. Doch selbst vier Jahre nach dem Abschluss hatte er noch keine Stelle gefunden, die zu seinem Studium passte. Um seine Rechnungen zu bezahlen, arbeitete er als Fahrradkurier und lieferte Pizza und Zeitungen aus. Dabei lernte er die Stadt Winterthur und ihre Menschen aus nächster Nähe kennen und schätzte die Bewegung, auch wenn die Arbeit weit unter seinen Qualifikationen lag.
Außerdem arbeitete er in einem Callcenter und in einem Burgerlokal. Heute hat er eine Vollzeitstelle, die er zwar als ungelernt und fachfremd beschreibt, doch trotz der Enttäuschung schämt er sich nicht für diese Arbeit. Die vielen Jobs hätten ihn vielmehr persönlich bereichert, denn er begegnete vielen anderen Menschen mit Ausbildung – mit Hochschulabschluss oder Berufslehre –, die ebenfalls keine passende Arbeit fanden. Für ihn war das ein Hinweis darauf, dass Unterbeschäftigung kein Einzelfall und nicht einfach persönliches Versagen ist. Vielen Menschen gehe es auch außerhalb der Schweiz so: In China würden sogar hoch qualifizierte Ingenieure als Essenskuriere arbeiten; in den USA garantiere selbst ein Doktortitel von einer Spitzenuniversität keine passende Stelle. Ähnliche Erfahrungen gebe es auch in Deutschland, Österreich und Spanien.
“Schäme dich nicht dafür, wenig zu verdienen und in einer WG zu leben”
Das Risiko, dass sich junge Menschen von dieser Situation gedemütigt fühlen, ist hoch, deshalb möchte der Schweizer in seinem Video anderen Mut machen nicht aufzugeben. „Wenn du einen Uni Abschluss hast und im Regen auf dem Fahrrad als Kurrier unterwegs bist, solltest du stolz auf dich sein“, gibt er seinen Zuhörern mit auf den Weg.
Es sei ein gesellschaftliches Problem unserer aktuellen Zeit. Während eine Mittelschicht immer weiter schrumpft oder gar verschwindet, hält sich eine kleine Oberschicht, die immer noch Zugang zu guten Stellen und Sicherheit hat. Das ist aber, in seinen Augen, schon lange nicht mehr Standard. Viele andere rutschten in unsichere oder schlecht bezahlte Arbeit ab. Unter anderem sei es inzwischen völlig normal, dass jüngere Generationen finanziell schlechter dastünden als ihre Eltern – selbst wenn sie aus einem wirtschaftlich gut gestellten Haushalt kämen. Die Löhne halten, laut seiner Erzählung, mit den Kosten des Lebens nicht mehr Schritt, während Mieten, Lebensmittel, Häuser und in der Schweiz besonders auch Krankenkassenprämien teurer werden. Ohne Erbe werde es dadurch immer schwerer, Vermögen aufzubauen oder eine Familie zu gründen. Viele Erwachsene Männer, die berufstätig sind, würden auch mit 40 noch in einer WG leben, weil es anders gar nicht mehr bezahlbar ist.
Er verschweigt seine Enttäuschung nicht, aber macht daraus keinen Beweis, dass er selbst wertlos oder gescheitert sei. Als er an einem Freitagmorgen am Bahnhof Schaffhausen im Norden der Schweiz vorbeikam, sah er dort ein gesellschaftliches Abbild, das erschreckend, zugleich aber ein Ansporn dafür sei, sich nicht gehen zu lassen. Er beschreibt die Szene als ein einziges „Saufgelage“: Zahlreiche verwahrloste Männer hätten neben Bierdosen gelegen.
Deshalb möchte er vor allem davor warnen, zu verzweifeln – auch wenn man sich sein Leben anders erhofft hatte. Man muss sich nicht für ehrliche Arbeit schämen, auch wenn sie wenig einbringt oder nicht zur Ausbildung passt. Weiterzumachen, Rechnungen zu bezahlen und sich trotz Enttäuschung nicht aufzugeben, ist für ihn etwas, worauf man stolz sein darf.
Abschließend weist er darauf hin, dass er sich mehr Offenheit zu diesem Thema wünscht, denn ein perfektes und erfolgreiches Land sei die Schweiz schon lange nicht mehr.
Die Geschichte des Hochschulabsolventen zeigt, wie sehr sich die Lebensrealität vieler Menschen verändert hat – und wie stark zugleich der gesellschaftliche Druck geblieben ist, einen erfolgreichen Beruf zu haben, eine eigene Wohnung und ein Auto zu besitzen und eine Familie zu gründen. Dieses Erfolgsbild stammt jedoch aus einer Zeit mit anderen wirtschaftlichen Bedingungen und entspricht für viele längst nicht mehr der Wirklichkeit. Gerade jetzt, da zunehmend darüber gesprochen wird, wie Künstliche Intelligenz zahlreiche Arbeitsplätze verändern oder ersetzen könnte, ist seine Botschaft besonders wertvoll: Statt einem überholten Ideal von Erfolg hinterherzujagen, sollten wir lernen, den Wandel anzunehmen und darin unseren eigenen Weg zu finden.




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