"Saubertrank" im Fokus

Unternehmen wehrt sich gegen Vorwurf der Werbelüge

Donnerstag, 20. August 2026 | 07:08 Uhr

Von: Matthias Knapp

Bozen – Für die dreisteste Werbelüge des Jahres hat die deutsche Verbraucherschutzorganisation foodwatch Mitte Juli zum 15. Mal den Goldenen Windbeutel verliehen. 2026 geht die Negativ-Auszeichnung an LaVita für das „Nährstoffkonzentrat Fit fürs Leben“. Der Hersteller hat nun selbst darauf reagiert.

“Über 70 natürliche Zutaten” verspricht ein goldenes Siegel auf der Frontseite der Flasche. Tatsächlich listet das Zutatenverzeichnis 98 Einzelzutaten auf: verschiedene Fruchtsaft- (70 Prozent der Menge) und Gemüsesaftkonzentrate (sechs Prozent), vergorenen Gemüsesaft (zwölf Prozent), Kräuterextrakte (fünf Prozent) und pflanzliche Öle (1,5 Prozent), außerdem Fruchtpürees, Aloe-Vera-Saft und Tee-Extrakte. Zusätzlich zu den “über 70” natürlichen Zutaten enthält der Saft 26 isolierte Vitamine und Nährstoffe, darunter Vitamin C und Magnesium, die in der Regel in der chemischen bzw. pharmazeutischen Industrie, häufig in China und immer öfter mit Hilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen, synthetisch hergestellt werden.

Der Hersteller hat das Produkt zumindest in der Vergangenheit unter anderem als “Saubertrank” und als Wohlfühlelixier (“Rundum Wohlfühlen”) beworben. foodwatch kritisiert die Werbung als irreführend und die Gesundheitsversprechen als falsch, mindestens acht der zugesetzten Vitamine bzw. Nährstoffe seien zu hoch dosiert, und für Personen, die gerinnungshemmende Medikamente einnehmen, könne das zugesetzte Vitamin K problematisch sein. Bei einem Grundpreis von 100 Euro pro Liter summiert sich die tägliche Dosis “Saubertrank” – der Hersteller empfiehlt zehn oder 20 Milliliter täglich – auf 30 bis 60 Euro im Monat. Das Fazit von foodwatch: ein unnötiges, völlig überteuertes Produkt, für das der Hersteller mit irreführenden Gesundheitsversprechen wirbt und das für manche Menschen gesundheitlich bedenklich sein kann. Viele Bürger und Bürgerinnen betrachten das Produkt offenbar ähnlich kritisch, denn mit 39,2 Prozent der rund 66.000 abgegebenen Stimmen hat der Saft von LaVita klar die Nase vorne.

Die LaVita GmbH sieht die Sache jedoch anders. Über die Kommunikationsagentur heller & partner Marketing Services AG, die die LaVita GmbH in der Presse- und Medienkommunikation betreut, will der Hersteller die Vorwürfe entkräften und nimmt dazu Stellung. Wörtlich heißt es in einem Statement zum Vorwurf “100 Euro pro Liter für einen Fruchtsaft”:

LaVita ist kein Fruchtsaft, sondern ein hochkonzentriertes Mikronährstoffkonzentrat. Die enthaltenen 19 Obstsorten werden als Konzentrate oder Pürees verarbeitet, damit die wertvollen Inhaltsstoffe in einem flüssigen Produkt erhalten bleiben. Ergänzt werden sie durch Gemüse, Kräuter, pflanzliche Öle sowie Vitamine und Spurenelemente. Bei einem Konzentrat ist der Literpreis nicht aussagekräftig, niemand konsumiert einen Liter LaVita auf einmal. Entscheidend ist der Preis pro Portion – dieser liegt bei 1 €.

Die Verbraucherzentrale Südtirol (VZS) verweist in Zusammenhang mit Kaufpreisangaben darauf, dass der Preis pro Liter für Verbraucherinnen und Verbraucher dennoch höchst relevant sei. Die italienische Gesetzgebung verpflichtet die Händler zur Angabe des so genannten “Preises pro Maßeinheit”. Im Lebensmittelbereich hat die Angabe des Preises für ein Kilogramm (für feste Lebensmittel) oder für einen Liter (für flüssige Lebensmittel) zu erfolgen. Die Angabe des Preises pro Maßeinheit diene der Verbesserung der Information an die Verbraucher und der Erleichterung des Vergleiches der Preise, wie im Infoblatt der Handelskammer Bozen nachzulesen sei. Laut foodwatch wurden die vom Hersteller empfohlenen Dosierungen von zehn ml bzw. 20 ml täglich und die auf dieser Grundlage zu erwartenden Kosten für die Verbraucher von 30 Euro monatlich bzw. 60 Euro monatlich explizit angeführt.

Auch den Vorwurf “LaVita ist kein Naturprodukt” will das Unternehmen nicht stehen lassen. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme:

LaVita besteht aus über 70 natürlichen Zutaten und wird gezielt mit Vitaminen und Spurenelementen ergänzt, um eine umfassende Mikronährstoffversorgung zu ermöglichen. Viele dieser Mikronährstoffe stammen ebenfalls aus natürlichen Quellen. Auf Konservierungs-, Farb- und Füllstoffe verzichten wir vollständig. Natürlicher kann man ein Produkt mit dieser Nährstoffdichte nicht herstellen. Deshalb bezeichnen wir LaVita als Naturprodukt.

In Bezug auf die Bezeichnung “Naturprodukt” fordert foodwatch im Factsheet (Abschnitt: Was muss passieren?): “LaVita sollte transparent machen, wie viele der 26 zugesetzten Stoffe synthetisch produziert sind beziehungsweise nicht aus pflanzlichen Quellen stammen.” Bis dahin sollte der Hersteller laut foodwatch das Getränk nicht als Naturprodukt oder im Zusammenhang mit natürlich vermarkten. Der Begriff “natürlich” müsse lebensmittelrechtlich definiert werden.

Zum Vorwurf, “LaVita ist überdosiert”, lässt der Hersteller über die Kommunikationsagentur ausrichten:

Das ist falsch. Bezugspunkt für diese Aussage sind die sogenannten NRV-Werte (Nutrient Reference Value, zu Deutsch: Nährstoffbezugswert). Das sind Mindestmengen, die bei gesunden Menschen eine Unterversorgung verhindern sollen. LaVita geht hier einen wichtigen Schritt weiter. Die Dosierung orientiert sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen mit dem Ziel, den Stoffwechsel bestmöglich zu versorgen. Deshalb sind die Werte natürlich höher als die NRV-Werte, aber nicht zu hoch im Sinne einer Überdosierung.

In Bezug auf die Dosierung der Vitamine und Mineralstoffe erläutert foodwatch im Factsheet (Abschnitt: Was ist drin? sowie Abschnitt: Warum ist das eine Irreführung der Verbraucher:innen?) hingegen: “Insgesamt acht der Vitamine und Nährstoffe überschreiten die Referenzmenge für eine tägliche Zufuhr bei der vom Hersteller empfohlenen Menge von zehn ml pro Tag. Bei einer Einnahme von zwei Mal zehn ml pro Tag sind sogar 14 Vitamine und Nährstoffe überdosiert enthalten.” Als Quelle gibt foodwatch die EU-weit harmonisierten Referenzmengen für die tägliche Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen für Erwachsene gemäß Anhang XIII der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 des Europäischen Parlaments und es Rates vom 25. Oktober 2011 betreffend die Information der Verbraucher über Lebensmittel an.

LaVita beziehe sich bei der “optimalen täglichen Nährstoffversorgung” auf Erkenntnisse der orthomolekularen Medizin, wie foodwatch erklärt. Diese hat laut foodwatch jedoch wissenschaftlich wenig Rückhalt und wird teils eher kritisch eingeordnet. Das Konzentrat enthalte eine hohe Bandbreite an Nährstoffen und Vitaminen, einige davon überdosiert. Für manche Menschen könne das gesundheitlich bedenklich sein. Ein Hinweis zu ärztlichem Rat findet sich nicht auf der LaVita-Seite, stattdessen preist das Unternehmen eine eigene Gesundheitshotline an. “LaVita sollte schnell auffindbare Hinweise geben, dass Personen, die gerinnungshemmende Medikamente einnehmen, Vitamin K nicht ohne vorherige ärztliche Beratung supplementieren sollten”, sagt die Ernährungsmedizinerin Dr. Diana Rubin. Auch in diesem Zusammenhang führt foodwatch entsprechende Quellen an.

Den Vorwurf, “LaVita verspricht mehr als es halten kann”, will der Hersteller ebenfalls nicht gelten lassen:

Unser Versprechen ist: LaVita optimiert die tägliche Ernährung mit einer Vielzahl an Mikronährstoffen – nicht mehr und nicht weniger. Die Bedeutung von Mikronährstoffen für zahlreiche Körperfunktionen ist in vielen wissenschaftlichen Studien untersucht worden. Zusätzlich zeigt eine Studie (Neuroendocrinology Lett. 2015 Sep 12; 36(4): 337–347, Leitung Prof. Mosgöller, Universität Wien) zu LaVita, dass die enthaltenen Mikronährstoffe auch wirklich in den Körperzellen ankommen.

In Bezug auf die Werbeversprechen erklärt foodwatch im Factsheet (Abschnitt: Warum ist das eine Irreführung der Verbraucher:innen?): “Gesundheitsversprechen wie ‘Fit fürs Leben’ oder ‘Saubertrank’ versprechen mehr als sie aus Sicht von foodwatch dürfen. Als unspezifische Gesundheitsaussage ohne konkrete Erklärung, worauf sie sich bezieht, ist ‘Fit fürs Leben’ irreführend und somit aus Sicht von foodwatch rechtswidrig. Alle Inhaltsstoffe können lediglich zu normalen körperlichen Funktionen beitragen. ‘Fit’ suggeriert aber mehr als das, nämlich gesundheitlich in guter Verfassung oder sportlich zu sein.”

In der Tat hat LaVita sowohl in einer Mail an foodwatch als auch gegenüber Spiegel Online auf die Kritik reagiert. Den Slogan “Fit fürs Leben” will das Unternehmen erneut rechtlich prüfen lassen. Die Werbung mit dem Begriff “Saubertrank” habe man mittlerweile gestoppt.

foodwatch betont, dass Fruchtsaftkonzentrate, Extrakte oder isolierte Vitamine die empfohlene Tagesmenge an frischem Obst und Gemüse nicht ersetzen könnten. Sorgen um einen Vitaminmangel sind laut foodwatch außerdem oft unbegründet: Es gebe Hinweise darauf, dass die Bevölkerung Deutschlands im Durchschnitt mit den meisten Nährstoffen ausreichend versorgt ist, betont foodwatch. Die Ernährungswissenschaftlerin Alice Luttropp weist außerdem darauf hin: “In Studien konnte der Nutzen von Multivitaminpräparaten für gesunde Erwachsene bisher nicht überzeugend belegt werden. Wenn man einen Nährstoffmangel vermutet, sollte man zunächst ärztlichen Rat einholen und gegebenenfalls gezielt supplementieren, statt zu hochdosierten, teuren und breit angelegten Mitteln wie ‘LaVita’ zu greifen.”

Bezirk: Bozen

Kommentare

Aktuell sind 1 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen