Nachtquartier für 25 obdachlose Menschen

Bozens Zivilgesellschaft eröffnet dormizil

Donnerstag, 14. Oktober 2021 | 16:50 Uhr

Bozen – Ein warmes Bett im kalten Winter stellen zehn Privatpersonen vom 10. November 2021 bis Ende März 2022 insgesamt 25 obdachlosen Menschen in Bozen zur Verfügung. Die Haselsteiner Familien-Privatstiftung stellt dem neu gegründeten Verein housing first bozen dafür ein dreistöckiges Gebäude in der Rittner Straße 25 für 30 Jahre bereit. Das Haus sollte ursprünglich umgebaut werden, um wohnungs- und obdachlosen Menschen langfristig Wohnraum in kleinen Einheiten zu ermöglichen. Aber „weil es Politik und Verwaltung aber auch heuer wieder verabsäumt haben, im Winter ausreichend menschenwürdige Schlafplätze bereitzustellen“, haben die Vereinsmitglieder entschieden, das Haus auszuräumen und mit Betten auszustatten, wie es in einer Aussendung heißt. Sie nennen das Winterprojekt „dormizil, Nachtquartier für obdachlose Menschen, dormitorio per persone senzatetto“. Es dürfe nicht sein, dass in einer reichen Stadt wie Bozen mindestens 130 Menschen auf der Straße dem Erfrieren ausgesetzt werden, betonten die Vertreterinnen und Vertreter von Bozens Zivilgesellschaft heute bei einer Pressekonferenz.

Das Nachtquartier wird ausschließlich von Freiwilligen geführt. Unterstützung durch Zeit, Spenden, Hygieneartikel und Lebensmittel ist daher willkommen und notwendig. Vor fast genau einem Jahr – am 20. Oktober 2020 – haben Magdalena Amonn, Paul Tschigg, Christian Anderlan, Sigrid Bracchetti, Norbert Pescosta, Wolfgang Aumer, Martina Schullian, Helmuth Niedermayr, Verena von Aufschnaiter und Birgit Bragagna Spornberger den Verein „housing first bozen“ gegründet. Sie haben den Termin bewusst gewählt: Drei Tage davor, am 17. Oktober wurde der jährliche internationale Tag zur Bekämpfung von Armut begangen. Der Verein „housing first bozen“ will Wohnungs- und Obdachlosigkeit in der Landeshauptstadt nachhaltig bekämpfen, neue Lösungsansätze nach Südtirol bringen und die Gesellschaft zum herausfordernden Thema Obdachlosigkeit sensibilisieren. Auf mehr als 130 Menschen in Südtirols Landeshauptstadt wartet heuer wieder ein eisiger Winter auf Parkbänken, unter Brücken, in Abbruchhäusern und Zelten am Rand der Flüsse. Wieder sei es die engagierte Zivilgesellschaft, die auf die Not dieser Menschen hinweist und tatkräftig anpackt: Von diesem Engagement überzeugt, stellte die Haselsteiner Familien-Privatstiftung in der Rittner Straße 25 ihre dreistöckige Immobilie unkompliziert und kostenlos für 30 Jahre bereit.

Das Nachtquartier dormizil wird am 10. November seine Tore öffnen und bis 31. März jede Nacht geöffnet sein. Es wird ausschließlich von Freiwilligen in jeweils zweiköpfig besetzten Turnussen geführt. Abends sperren sie das Nachtquartier um 19.30 Uhr auf und stellen den obdachlosen Menschen Tee, Kekse und ein offenes Ohr bereit. Ab 22.00 Uhr ist Nachtruhe. Am Morgen werden die Freiwilligen abgelöst, damit sie ihrer regulären Arbeit nachgehen können. Zwei weitere Personen übernehmen das Vorbereiten des Frühstücks. Die Bewohner können zwischen 7.30 und 8.15 Uhr frühstücken und verlassen das Haus spätestens um 8.30 Uhr. Der Bedarf an Freiwilligen ist groß. Wer mitarbeiten möchte, kann sich über volunteers@dormizil.org melden. In der kommenden Woche stellen die Vereinsmitglieder potentiellen Freiwilligen am Montag, 18. und Mittwoch 20. Oktober zwischen 19 und 20.30 Uhr und am Samstag, 23. Oktober zwischen 9.00 und 10.30 Uhr die Abläufe, Aufgaben und Tätigkeiten im dormizil vor.

Majda Brecelj

Die Führungskosten des Hauses werden ausschließlich durch Spenden finanziert. Die Vereinsmitglieder haben Spendenpakete für jede Dicke von Brieftasche geschnürt: So kosten Strukturerhalt und Frühstück für eine Übernachtung im dormizil sieben Euro (Nachtpaket). Das Wochenpaket – sieben Nächte – ist um 49 Euro erhältlich. Ein Frühstückspaket – Frühstück für alle 25 Gäste – kostet 80 Euro. Wer die Strukturerhaltungskosten wie Heizung, Strom, Reinigung der Bettwäsche und Müll für einen Monat tragen möchte, ist eingeladen, das Wärmepaket um 460 Euro zu übernehmen. Aber auch jede andere Spende ist willkommen. Die Spendenpakete und Einzelspenden können über die Webseite www.dormizil.org abgewickelt werden. Einzahlungen sind per Banküberweisung, paypal oder Kreditkarte möglich. Wer Angehörigen, Freunden oder Mitarbeitern ein Spendenpaket schenken möchte, bekommt vom Verein Spenden-Geschenkgutscheine zugemailt. Ethical Banking, Raiffeisenkasse Bozen und Raiffeisen Landesbank Südtirol haben dem Verein ihre Zusammenarbeit und finanzielle Unterstützung zugesichert.

Der Vorstand des Vereins housing first bozen besteht aus Magdalena Amonn (Vorsitzende), Paul Tschigg (stellvertretender Vorsitzender) und Christian Anderlan (Schriftführer). Birgit Bragagna Spornberger übernimmt die Vereinsbuchhaltung. Die Koordination des Projektes dormizil im kommenden Winter übernehmen Paul Tschigg, Sigrid Bracchetti, Verena von Aufschnaiter und Christian Anderlan. Sie teilen die Freiwilligen ein, betreuen die Hotline, machen die Einkäufe und sind für alle Fragen da. Die anderen Vereinsmitglieder übernehmen vor allem Nachtdienste. Weitere Informationen: www.dormizil.org

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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12 Kommentare auf "Bozens Zivilgesellschaft eröffnet dormizil"


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Anduril61
Anduril61
Tratscher
4 Tage 5 Min

Wenn sich das unter den Gästen herum spricht dann werden die Betreiber schon bald expandieren müssen…😀😀😀

Faktenchecker
3 Tage 21 h

Das wäre sehr gut. Danke für Deine Unterstützung!!!

ebbi
ebbi
Universalgelehrter
3 Tage 14 h

haben Sie schon einmal im Winter eine Nacht im Freien schlafen müssen? und damit meine ich nicht den Abenteuerurlaub jn einem Igloo.

So sehe ich das
So sehe ich das
Tratscher
3 Tage 11 h

@ Anduril61
L.t Wikipedia bedeutet Gast : “Ein Gast (Mehrzahl Gäste) ist allgemein eine zum vorübergehenden Bleiben eingeladene oder willkommene Person, die einen Besuch macht oder ihren Urlaub verbringt. “

quilombo
quilombo
Superredner
3 Tage 12 h

es ist wirklich beschämend, daß die Verwaltung einer reichen Stadt nicht imstande ist, den ärmsten seiner Bürger ein menschenwürdiges Dasein zu geben. Aber ständig großspurig von Demokratie reden. Wo ist da die Demokratie?
Ein paar lobenswerte Private haben wenigstens für wenige dieser Bürger eine Unterkunft für die Nacht geschaffen.
Da sollte die Stadtverwaltung doch wenigstens nachziehen und dafür sorgen, daß niemand die Nacht im Freien verbringen muß.
Diese Leute brauchen außerdem auch bei Tag einen Ort, wo sie sich aufwärmen können und eine Toilette haben. Das wäre das Mindeste.

andr
andr
Universalgelehrter
3 Tage 9 h

Hast du eine Ahnung was die Öffentlichkeit alles macht und wieviel Geld in soziale Projekte gesteckt wird? Nein sonst würdest du nicht so einen “plentn” schreiben😳 ich kann dir garantieren ich weiß es👍

quilombo
quilombo
Superredner
2 Tage 23 h

@andr, was du da schreibst, ist sinnloses Zeug. Was die öffentlichen Ämter in soziale Projekte stecken, ist hier uninteressant. Ob du das weißt oder nicht, ist auch vollkommen egal, das interessiert niemand.
Hat die Stadt dafür gesorgt, daß die ärmsten seiner Bürger ein würdiges Leben haben, ja oder nein? Darum geht’s, den Rest kannst du für dich behalten.

Ninni
Ninni
Kinig
3 Tage 14 h

Danke an alle die daran sich beleiligen, den Obdachlosen ein warmes Bett zu geben.🙏

ebbi
ebbi
Universalgelehrter
3 Tage 14 h
Die Initiative ist ja sehr lobenswert. Aber warum wird diese Möglichkeit nicht auch in den Sommermonaten angeboten, besteht Obdachlosigkeit nur in den Wintermonaten. Einige dieser Menschen haben auch Arbeit, bzw. gute Chancen auf Arbeit. Es sind manchmal nur Teilzeitstellen in niedrigen, schlecht bezahlten Jobs, die wir nicht mehr machen wollen, aber es ist ein Beginn. Wie soll es möglich sein, untertags ausgeruht einer Arbeit nachzugehen, wenn man Nachts auf der Straße schlafen muss? Die Obdachlosenarbeit ist ohne jegliches Konzept und ziehlt nur darauf ab, so wenig “Kunden” wie möglich anzuziehen. Langfristige, sinnvolle und nachhaltige soziale Arbeit sieht anders aus.
So sehe ich das
So sehe ich das
Tratscher
3 Tage 10 h

…könnte das nicht unsere “nächstenliebende” kath. Kirche organisieren? 
Wieviele Klöster stehen leer?
Die kath. Kirche hat jetzt ihre Trauben und Apfelernte fast fertig eingefahren und sicherlich auch gut daran verdient. ….also macht flüssig euren Kirchentopf.   🙂   🙂

Supergscheider
Supergscheider
Superredner
3 Tage 14 h

Was Gemeinde ind Land nicht imstande sind,muss halt von ein paar Privaten auf die Füsse gestellt werden.
So gesehen sind Gemeinde umd Landtag eigentlich überflüssig und mit den eingesparten Megagehältern könnten dann Private doch viel Gutes tun.

falschauer
23 h 12 Min

solche positiven nachrichten tun wohl nicht nur weil sie von der ganzen covidproblematik ein wenig ablenken, sondern weil sie ans tageslicht rücken, dass es auf der welt auch andere notstände außer sars cov 2 gibt, welche man angehen muss und angeht, ohne darüber diskutieren zu müssen ob diese erforderlich sind oder nicht, obwohl ich nicht ausschließe dass sogar diese initiativen manchen auch ein dorn im auge sind

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