"Potenzielle Folgen für die menschliche Gesundheit"

EU-Badegewässer laut Kritikern “doch nicht so unbedenklich”

Freitag, 03. Juli 2026 | 10:32 Uhr

Von: APA/dpa

Die Qualität der europäischen Badegewässer ist offenbar in bestimmten Fällen nicht so unbedenklich, wie der aktuelle Bericht der Europäischen Umweltagentur EEA angibt. Deren Bewertung basiert auf Messungen von zwei Fäkalbakterien. Andere Erreger und chemische Schadstoffe werden laut dem Medienhaus Correctiv nicht berücksichtigt, obwohl der Behörde auch diese Werte vorliegen. Diesen Angaben zufolge gelten auch erfasste österreichische Badestellen als “belastet”.

In einem Mitte Juni veröffentlichten Bericht hatte die EEA Europas Badegewässern überwiegend ausgezeichnete Wasserqualität bescheinigt. Demnach hatten knapp 85 Prozent der mehr als 22.000 Badestellen in den 27 EU-Staaten sowie Albanien und der Schweiz eine exzellente Wasserqualität, 96 Prozent erfüllten immerhin die EU-Mindeststandards. In Österreich wurden sogar 96,5 Prozent der untersuchten 260 Badegewässer als “ausgezeichnet” beurteilt.

Allerdings beziehen sich die Angaben lediglich auf sogenannte intestinale Enterokokken und Escherichia coli. Diese Bakterien können Magenverstimmungen, Durchfall oder Infektionen verursachen.

Experte: Bewertung ist irreführend

Nicht berücksichtigt werden Cyanobakterien – auch Blaualgen genannt – und chemische Schadstoffe wie Pestizide, Mineralöle und PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen). Letztere sind allgegenwärtig und reichern sich im Körper an. “Die gegenwärtige Bewertung reicht nach meiner Meinung nicht aus”, sagte der Toxikologe Hans-Jörg Martin vom Universitätsklinikum Kiel. “Ein Gewässer kann die Grenzwerte von chemischen Stoffen sprengen und dennoch als exzellent eingestuft werden. Das ist irreführend.”

Dass solche Fälle nicht selten sind, zeigt eine Analyse von Correctiv zu offiziellen Gewässerdaten der EEA – also derselben EU-Behörde, die den jährlichen Badegewässer-Bericht erstellt -, die auch chemische Schadstoffe berücksichtigen. Demnach gelten EU-weit mindestens 7.866 Badestellen gemäß den Vorgaben der Badegewässerrichtlinie als sauber, obwohl sie an Gewässern liegen, die nachweislich mit chemischen Schadstoffen belastet sind. Besonders viele Badestellen an belasteten Gewässern gibt es nach Correctiv-Angaben in Italien, Deutschland, Dänemark, Ungarn und Frankreich.

“Chronisch belastet”

In einigen Ländern, darunter auch Österreich, Belgien, die Niederlande, Schweden, Luxemburg, Lettland und die Slowakei, “liegen alle in unserer Analyse erfassten Badestellen an Gewässern, die den guten chemischen Zustand gemäß der Wasserrahmenrichtlinie nicht erreicht haben”, steht in dem Correctiv-Bericht. “Dies bedeutet keinesfalls, dass an allen Badestellen in diesen Ländern zwangsläufig ein Gesundheitsrisiko besteht. Vielmehr spiegelt dieses Ergebnis wider, dass die meisten Oberflächengewässer in diesen Ländern – oder, wie im Fall von Deutschland, sogar alle – chronisch belastet sind.”

In einer Stellungnahme der EEA hieß es, Grundlage für die Bewertung sei die EU-Badegewässerrichtlinie – und die sehe nur die zwei Fäkalbakterien vor. Etwaige Änderungen wären Sache der EU-Mitgesetzgeber.

“Potenzielle Folgen für die menschliche Gesundheit”

Die aktuell vorgestellte Analyse basiert auf einem EU-weiten Monitoring, bei dem lokale Behörden Gewässer auf Dutzende chemische Schadstoffe untersuchen – von Schwermetallen wie Arsen über Pestizidrückstände bis hin zu Industriechemikalien wie PFAS. Diese Daten dienen der Überwachung der Ökosysteme und dem Schutz von Wasserlebewesen – in die Bewertung der Badegewässer fließen sie bisher nicht ein.

Wie hoch die Belastung jeweils ist, geht aus den Messdaten nicht hervor. Allerdings sind laut Correctiv Fälle bekannt, in denen Gewässer so stark belastet sind, dass Gesundheitsgefahren drohen können. “Würden die Behörden bei der Bewertung der Badewasserqualität auch chemische Parameter berücksichtigen, fänden sie belastete Badegewässer – mit potenziellen Folgen für die menschliche Gesundheit”, sagte der Toxikologe Martin.

Die Analyse fischt derzeit allerdings teils noch im Trüben: Detaillierte Angaben zur Konzentration einzelner Substanzen liegen nur für wenige Länder vor: Laut den Autoren ist dies für Österreich, Belgien, Tschechien, Dänemark, Estland, Malta und Rumänien aus dem Jahr 2023 der Fall, für Deutschland aus 2021, für andere Länder teilweise aus noch weiter zurückliegenden Jahren. Zudem sei die Datenabdeckung selbst innerhalb dieser Länder nicht immer vollständig.

EU-Kommission räumt Probleme mit Cyanobakterien ein

Das grundsätzliche Problem hat die EU-Kommission selbst eingeräumt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe dazu aufgerufen, Cyanobakterien in Badegewässern mehr Aufmerksamkeit zu widmen, heißt es in einem Bericht von 2025. Das sei insbesondere angesichts des Klimawandels wichtig, denn neben hohen Nährstoffkonzentrationen begünstigen höhere Temperaturen die Vermehrung dieser Erreger. Dann könne eine Badestelle auch dann mit Gesundheitsgefahren verbunden sein, wenn sie als exzellent eingestuft worden sei. Daher sollten in die Bewertung von Badegewässern neben Fäkalbakterien auch zusätzliche Stoffe einfließen, empfiehlt der Bericht.

“An Badestellen sollte vor dem Baden gewarnt werden, wenn das Wasser nachweislich mit Schadstoffen in stark erhöhten Konzentrationen belastet ist”, sagte der Chemiker Markus Große Ophoff von der Hochschule Osnabrück, der einer Expertenkommission des deutschen Umweltbundesamts (UBA) angehört. Dabei gelte es vor allem, vulnerable Gruppen wie Schwangere und Kinder zu schützen. “Meeresschaum oder auch der Schaum an Seen kann besonders stark mit PFAS belastet sein”, erläuterte der Chemiker. Viele PFAS seien oberflächenaktiv. “Und Schäume bieten eine besonders große Oberfläche und reichern daher diese Schadstoffe an.”

“Die Dosis macht das Gift”, schränkt der Correctiv-Bericht selbst ein. “Eine chemische Belastung bedeutet deshalb nicht zwangsläufig ein Gesundheitsrisiko für Badegäste.” Für Badestellen an Gewässern, die von den Behörden auf chemische Belastungen untersucht werden, zeigt die von Correctiv erstellte Karte zwar, welche Schadstoffe gefunden wurden – aber nicht, in welcher Konzentration.

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