Von: Martin Geier
Bozen – Nach wochenlangem Hängen und Würgen, Protesten der Unterlandler und einer um Worte und Fassung ringenden SVP-Parteispitze ist es vollbracht. Zwar konnte die befürchtete Teilung des Unterlandes entlang der Etsch im letzten Moment abgewendet werden, doch auch der sogenannte „Plan B“ – die Schaffung des Wahlkreises Bozen-Leifers und die Übereignung des Rests an den Westen – ist ein herber Schlag für alle, die diesen „historischen Senatswahlkreis“ liebgewonnen haben.

Denn der Senatswahlkreis Bozen-Überetsch-Unterland war immer schon mehr als nur ein Wahlkreis. Im Gegensatz zu „West“ und „Ost“, die beide „a g’mahnte Wiesn“ für die Edelweißpartei waren, entwickelte sich Bozen-Überetsch-Unterland über die Jahre hinweg zu einem „gesellschaftlichen Labor“, das zeigte, wie ein besseres Südtirol aussehen könnte.
Wie vom Autonomiestatut vorgesehen, bevorzugte der Wahlkreis mit einem italienischen und einem deutschen Bevölkerungsanteil von jeweils etwa 60 zu 40 Prozent die Wahl eines italienischen Senators. Die immer stärker zersplitterte Parteilandschaft sorgte jedoch dafür, dass nur jene Kandidaten eine Chance hatten, die gemäßigt waren und in beide Richtungen blicken konnten.
Sieht man von den Heißspornen auf beiden Seiten ab, so war der Wahlkreis tatsächlich vom Wunsch vieler Menschen nach einem friedlichen Zusammenleben der Sprachgruppen und einem entsprechend respektvollen Umgang miteinander geprägt. Viele gemischtsprachige Familien und Beziehungen taten ihr Übriges – und selbst der „deutscheste“ Unterlandler ist heute noch stolz auf seine Nonna oder seinen Nonno.

Über all die Wahlen hinweg wurde der Senatswahlkreis Bozen-Überetsch-Unterland daher zu so etwas wie einem Brutkasten für neue politische Ideen und zur Wiege für Politiker sowie Intellektuelle, die Südtirol mit anderen Augen betrachteten. Nirgends in ganz Südtirol war das ethnische Gleichgewicht so ausgewogen und das – manchmal auch erzwungene – Zusammenleben so eng. Man rieb sich zwar aneinander, aber aus den Funken entstanden Zukunftsideen.
Das ist nun vorbei: Die Unterlandler Italiener geraten im „Wilden Westen“ ebenso in die Defensive wie die Bozner und Leiferer „Deutschen“ im neuen Wahlkreis. Während die Opposition zu Recht von einem Kniefall spricht und tobt, bemüht man sich in der Brennerstraße um Schadensbegrenzung. Mag sein, dass die „Sonderregelung für Südtirol eine Schwächung verhindert“, der schale Nachgeschmack der Übergehung der eigenen Wähler bleibt jedoch bestehen.

Vor allem wird das „Südtirollabor“ fehlen – der Brutkasten für neue Ideen und die Wiege für weitsichtiges politisches Personal.
R. I. P., Senatswahlkreis Bozen-Überetsch-Unterland – du wirst nicht nur mir abgehen.




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