Raus aus den Abhängigkeiten von Substanzen

Donnerstag, 01. Oktober 2026 | 17:40 Uhr

Von: Sophia Molitor

Meran – Der heutige Recovery Day in der Jugendkirche Meran hat Fachkräfte aus dem Suchtbereich und interessierte Menschen aus dem Burggrafenamt und Vinschgau zusammengebracht. Organisiert wurde er vom Dienst für Abhängigkeitserkrankungen SerD Meran und HANDS Meran. Im ersten fachlichen Teil ging es darum, bestehende Angebote besser zu verbinden, um Menschen auf ihrem persönlichen Weg aus einer Abhängigkeit noch intensiver begleiten zu können. Bewegung, Kreativität und Begegnung machten im zweiten für die Bevölkerung zugänglichen Teil erfahrbar, wie vielfältig Genesung sein kann.

Wie groß der Bedarf ist, zeigen die aktuellen Zahlen des SerD Meran (Servizio per le Dipendenze, Dienst für Abhängigkeitserkrankungen): Bis heute (30.09.26) waren dort 1.213 Menschen in Betreuung. Die verfügbaren Daten zeigen für die ersten Monate dieses Jahres einen Anstieg der begleiteten Personen. Etwa 35 Prozent der Betreuungen betreffen den Konsum von Substanzen, 33,4 Prozent alkoholbezogene Probleme. Der Dienst beobachtet zudem mehr Anfragen wegen Kokain und zunehmend auch wegen Ketamin, besonders bei jüngeren Menschen. Auch gleichzeitige psychische Erkrankungen und Abhängigkeit treten häufiger auf.

„Jeder Recovery-Weg ist einzigartig. Gemeinsam ist diesen Wegen, dass Menschen mit Unterstützung der Gemeinschaft und der Dienste eigene Stärken, Beziehungen und Möglichkeiten wiederentdecken können“, sagt Ilenia Dellai, Erzieherin beim SerD Meran. „Dafür müssen sich auch die Fachkräfte und Dienste laufend weiterentwickeln.“

Im HANDS-Ambulatorium beobachten die Fachkräfte bei jüngeren Menschen zunehmend Mischkonsum: Alkohol wird mit verschiedenen Substanzen kombiniert oder die konsumierten Mittel wechseln. Eine Abhängigkeit kann Arbeit, Gesundheit und Beziehungen zugleich belasten. Wenn der Konsum den Tagesablauf bestimmt, entstehen Konflikte und Rückzug. Auch Angehörige stehen oft vor der Frage, wie sie helfen können, ohne die Abhängigkeit unbeabsichtigt zu stabilisieren.

Der Alltag kann durch Behandlung wegbrechen – Selbstständigkeit muss erhalten werden

Nach einer Behandlung kann der bisherige Alltag wegbrechen. Kontakte fehlen, das Vertrauen der Familie muss neu wachsen, und viele Betroffene erleben Einsamkeit. Deshalb braucht es neben medizinischer und psychologischer Begleitung auch Wohnraum, eine sinnvolle Tagesstruktur, soziale Kontakte und Möglichkeiten, wieder tätig zu werden. Die Angebote müssen zu den Bedürfnissen und Zielen der einzelnen Person passen.

Das Projekt PAIT setzt an dieser Vielschichtigkeit an. Fachkräfte und Betroffene legen gemeinsam fest, welche Schritte im Alltag möglich und wichtig sind. Dabei zählen neben gesundheitlichen Fragen die Wohnsituation, vorhandene Beziehungen, finanzielle Mittel und persönliche Wünsche. Ziel ist es, Selbstständigkeit zu erhalten oder zurückzugewinnen und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu erleichtern.

In Meran hat das HANDS-Ambulatorium 2026 bisher rund 30 Menschen beraten. Das gemeinsam mit dem SerD umgesetzte Projekt PAIT hat in Meran und im Vinschgau 28 Menschen im Alltag begleitet. Zwei Plätze in einer Wohnung dienen in Meran der Wiedereingliederung nach einem Aufenthalt in einer therapeutischen Gemeinschaft. Bei HANDSwork waren 2025 insgesamt 21 Menschen tätig; 2026 sind es bislang 14. Beschäftigung kann helfen, den Tag zu gestalten, Aufgaben zu Ende zu führen und wieder positive Erfahrungen mit anderen zu machen.

Am heutigen Recovery Day ging es daher auch um Angebote jenseits der Behandlung. Im für Besucher:innen offenen Teil konnten sie unter anderem Yoga, Biodanza, Malerei, eine Kreativwerkstatt, Slackline und ein Spiel zur psychischen Gesundheit kennenlernen. Solche Erfahrungen können neue Kontakte ermöglichen und zeigen, wie freie Zeit ohne Konsum gestaltet werden kann. Im fachlichen Austausch davor war die Frage aufgegriffen worden, wie Dienste ihre Unterstützung besser aufeinander abstimmen können.

„Gemeinsam ein Netzwerk zu bilden, ist für mich das Fundament für das Gelingen unserer Arbeit“, sagt Christiane Gamper, Koordinatorin des Arbeitsrehabilitationsdienstes HANDSwork Meran. „Arbeiten wir als Dienste zusammen und ziehen an einem Strang, können wir Personen gezielt und bedarfsorientiert auffangen und unterstützen.“ Der Recovery Day hat diesen Austausch zwischen den Diensten gestärkt und zugleich Menschen mit Abhängigkeitserfahrung und Angehörigen einen Zugang zu den Angeboten eröffnet.

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen